
Wirklichkeit ist nur eine Vereinbarung. Dieser Satz lässt Laura Schmidt viele Jahre nicht los. Es ist das Motto ihrer Mitpatientin Noll, die Laura in den 1990ern in der Lübecker Jannsen-Klinik kennenlernte. Dort hat sich Noll in der psychiatrischen Abteilung mit ihrer Vertrauten Olga Rehfeld lesend, schreibend, zitierend ein Refugium aus Geschichten geschaffen, einen Raum aus Literatur - zum Trost oder als Flucht vor den Abgründen der Vergangenheit? Laura begreift allmählich, dass die Klinik, in der sie selbst Hilfe gefunden hat, für Rehfeld zerstörerisch war.
Svealena Kutschke erzählt mit einem faszinierenden Figurenensemble aus Patient:innen und medizinischem Personal von der Psychiatrie als Ort, an dem tiefe Verwundbarkeit das Menschsein an seine Grenzen führt. Als Ort, der insbesondere während der NS- und Nachkriegszeit zum Einfallstor für Gewalt geworden ist. Als Echokammer deutscher Geschichte. Medizinische Diagnosen, führt Kutschke uns vor Augen, sagen viel über die Gesellschaft aus, in der sie gestellt werden. Und sie fragt danach, ob nicht der psychische Ausnahmezustand eine angemessene Reaktion auf die Zumutungen der Gesellschaft ist. Ein Roman, der wie ein Gespensterfisch in der Tiefsee Licht in die Dunkelheit bringt.
»[ ] Svealena Kutschke [hat] keinen Psychiatrieroman geschrieben: vielmehr ein Buch darüber, wie Psychiatrisierung auch in die familiäre, soziale und gesellschaftliche Außenwelt eindringt, wo Abweichung von einer behaupteten Normalität geschieht. «
Rose-Maria Gropp / Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Gespensterfische
ist ein Meisterinnenwerk melancholisch-lakonischer Prosa, ein Roman voller Tiefengespür und Welthaltigkeit. «
Daniela Chmelik / Missy Magazine
»Wie geht eine Gesellschaft mit denen um, die sich nicht anpassen können? Diese Frage beantwortet Svealena Kutschke in ihrem Psychiatrieroman
Gespensterfische
mit poetischer Tiefe. [. . .]«
Leon Frei / Süddeutsche Zeitung
»Sätze, die man sich gerne ins Gedächtnis tätowieren würde, um sie, wie Rehfeld, an der richtigen Stelle zitieren zu können. «
Leon Frei / Süddeutsche Zeitung
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Gespensterfische
ist feministisches Erzählen [ ]. Erzählen ist hier kein Werkzeug von Herrschaft, sondern radikal-emphatisches Betrachten und Überlebensstrategie. Immer wieder beschreibt Kutschke die Solidarität zwischen den von Misogynie, Queerfeindlichkeit und Klassismus betroffenen Figuren. [ ] Kutschke findet dafür Worte, deren klare Schönheit mal schmerzhaft und mal tröstlich ist. «
LMag
»Dicht und gedankenintensiv erzählt Svealena Kutschke anhand von Personen, die in der Klinik über die Zeiten wie in einem Reigen miteinander verbunden sind, von psychischen Befindlichkeiten und Erkrankungen. Dabei geht es im Roman weniger um die Diagnosen [ ] als darum, wie die betroffenen Menschen gesehen und behandelt werden [ ]«
Frankfurter Rundschau
»Svealena Kutschke gelingt das Kunststück, ein großes Figuren-Ensemble zu entwerfen, ohne je mit Klischees, mit typisierten Darstellungen zu operieren. Alle Figuren sind differenzierte Charaktere, viele von ihnen ambivalent. [ ] Kutschke gelingt es enorm gut, gesellschaftliche Fragen in fiktionalen Geschichten zu verweben. «
Marie Schoeß / Deutschlandfunk Kultur, Büchermarkt
»Mit Gespensterfische schreibt Svealana Kutschke einen gewichtigen Roman in poetischen Fragmenten. «
Melanie Czarnik / woxx
»Das Motto ihres Romans Wirklichkeit ist nur eine Vereinbarung hat
Svealena Kutschke auf äußerst gekonnte Weise literarisch zur Darstellung gebracht. «
Andreas Trojan / Bayern 2
deutschen Psychiatrie von 1920 bis zur Gegenwart und schreibt zugleich einen so berührenden, komischen, bittertraurigen, aber immer spannenden Roman, den so feine und komplexe Figuren bevölkern, dass man trotz allem einfach voller Menschenliebe zurückbleibt. «
Inger-Maria Mahlke
»Mit Genauigkeit und Ernst portraitiert die Autorin Menschen, die an der Wirklichkeit zerbrachen oder zu zerbrechen drohen, bei denen aber immer wieder Momente großer Klarheit und Gedankenschärfe aufblitzen. Gespensterfische ist ein sprachlich und stilistisch fein durchgearbeiteter Roman mit einer komplexen Dramaturgie [ ]. «
Wolfgang Seibel / ORF Ex Libris
»[Kutschkes Roman] ist ein überzeugendes Patchwork erzählter Erinnerungen, die, wie Gespensterfische, Licht ins Dunkel bringen und das Abgründige erhellen. «
Wolfgang Seibel / ORF Ex Libris
»[ ] Kutschke zeig[t] [ ], dass ein Raum zum Schreiben für Frauen nach wie vor keine Selbstverständlichkeit ist, dass aber gerade die Auseinandersetzung damit literarisch äusserst fruchtbar sein kann. «
Martina Süess / WOZ, Die Wochenzeitung
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Gespensterfische
ist ein faszinierendes Figurenensemble, dem wir begegnen und jede einzelne Figur wird mit großem Einfühlungsvermögen gezeichnet. Beim Lesen ist man ganz nah dran, an den Welten, an den Lebensgeschichten, die hier miteinander verflochten sind. «
Susanne Papawassiliu / radio 3 rbb
»Kleine verstörende Sätze findet [Svealena Kutschke] [für die anhaltenden Nachwirkung der NS-Geschichte], dazwischen auch eine stille Komik und eine lichte Poesie, die das Brüchige der Seelenlagen und menschlichen Beziehungen sichtbar macht. «
Kieler Nachrichten
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Gespensterfische
- schon der Titel hat etwas, das tief und fragil zugleich ist, dunkel und licht. [ ] Und es macht Spaß, sich unter die Figuren zu mischen, die alle ihre ganz eigene Geschichte haben. «
Kieler Nachrichten
»Kutschke lässt einen vielstimmigen Chor immer wieder ein anderes Licht auf ihr Sujet werfen, in nicht chronologischer Erzählweise, wodurch sich individuelle wie kollektive Schicksale wie ein Mosaik zusammenfügen. «
Valerie Bäuerlein / Berliner Morgenpost
»[ ] klug beobachtet und, jenseits von Klischees, gut geschrieben [ ]«
Andrea Ring / NDR
»Durch biografische Nahaufnahmen aus über 100 Jahren schreibt Kutschke eine abgründige Psychiatriegeschichte. «
BÜCHERmagazin
»[Ein] Roman, der Jahrzehnte und Figuren fein und komplex miteinander verknüpft. «
Maxima
»Mit präziser, bestechender Sprache schildert der Roman Episoden und Ereignisse eines Jahrhunderts deutscher Psychiatriegeschichte. [ ] [Eine] intensive, berührende Lektüre. «
Maria Hörtner / Weiberdiwan
»Svealena Kutschke überrascht mit großer Sprachmacht. [ ] Kutschkes Psychiatrie-Roman ist eine große Reise um und in die Abgründe derselben. «
Wolfgang Goede / wissenschaftsdebatte. de
»In
Gespensterfische
gelingt Svealena Kutschke etwas fast Unmögliches: Sie erzählt in ihrer präzisen, intensiven Sprache von den Abgründen der
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Gespensterfische
entwirft eine ganze Kosmologie unserer Zeit. In ihrem neuen, bislang besten Buch zeigt Svealena Kutschke, wie Gewalt über Generationen weitergegeben wird, aber auch wie die Kraft des Erzählens Zuflucht bieten kann, wie Momente der Liebe und der Solidarität aufblühen können. Und das wieder einmal in einer so schillernden und untergründigen Sprache, dass wir als Lesende bald selbst in der Umlaufbahn der Lübecker Klinik zu kreisen glauben. «
Matthias Nawrat
»Kutschke hat einen großartigen, berührenden und hochkomplexen Roman über gesellschaftliche Normierungsversuche von Wahnsinn und Normalität geschrieben [ ]. «
Larissa Siebicke / kommbuch. com
»Es sind traurige Geschichten, um verpasste Leben, um Schuld und Scham. Dies alles in einer leisen und literarischen Sprache, die mich tief bewegt hat. «
Andrea Fußhöller / @frau_fussi
»Die Autorin behandelt ihre Charaktere stets mit Respekt und Mitgefühl, zeigt ihre Schwierigkeiten und Erkrankungen ohne Sensationalismus oder Voyeurismus. «
@buchhandlungschutt
»Obwohl die verschiedenen Erzählstränge durchzogen von individuellem Leid sind, schimmert auch immer die Menschlichkeit und Hoffnung durch - und auch die Frage, was psychische Gesundheit bedeutet, wie Diagnosen von der Gesellschaft abhängen, in der sie gestellt werden. «
@elena_liest
»Kutschkes intelligenter Roman [ ] verwebt [Fakten] geschickt zu einem Bilderbogen, der nicht nur Schicksale einzelner Menschen wiedergibt, sondern im Subtext die Geschichte unseres Landes, mit der gesellschaftlichen Sicht auf seelische und geistige Krankheiten transportiert. «
Dunja Brala / @dunis. lesefutter
»Anhand verschiedenster Perspektiven, unterschiedlicher Zeitebenen und einer Vielzahl miteinander verwobener Lebensgeschichten Schicksale, die berühren beleuchtet Kutschke insbesondere den Zusammenhang von gesellschaftspolitischen Dynamiken und psychische Erkrankungen. «
Marie Falou / @marie. falou
»Doch die Frage danach, welche menschlichen Zustände in welchen Zeiten hier überhaupt als krankhaft verstanden wurden und welche (wann) nicht umkreist Kutschkes origineller, facettenreicher und intensiv-anspruchsvoller Text auf einmalige Weise. «
Vicky / @lesestress
»Ein Werk, das wie jene Tiefseefische, Licht ins Dunkle bringt. Grandios, erschreckend und schön zugleich. «
Hauke Harder / Leseschatz
Besprechung vom 11.09.2025
Schwaches Licht im Dunkeln
Verflochtene Schicksale, fordernde Lektüre: Svealena Kutschkes "Gespensterfische" erzählt von zwölf Personen in einer psychiatrischen Anstalt.
Gleich die ersten Sätze des Romans markieren sein Feld: "Die Konturen eines Raumes konnten durch Routinen geschärft werden, stellte Laura fest. Wirklichkeit war nur eine Vereinbarung. Aber es war möglich, das zu vergessen, wenn man den vorgegebenen Abläufen folgte." Denn jeder Raum um jede Person gleicht einer Übereinkunft, einer örtlichen, seelischen oder sozialen, zurückreichend in die Vergangenheit, aber auch vorausweisend in die Zukunft. "Die Neunzigerjahre - Laura Schmidt" ist dieses erste Kapitel überschrieben. Von nun an werden zunehmend Personen Lauras Raum betreten. Sie hatte sich, Mitte zwanzig und noch im Studium, in die (fiktive) psychiatrische Jannsen-Klinik in Lübeck begeben, weil sie das Außerhalb der Wirklichkeit um sich herum nicht mehr ertrug; eine konkrete Diagnose Lauras erfährt man nicht.
Fortan springt Svealena Kutschkes Roman "Gespensterfische" in seinen vierunddreißig Kapiteln, die zwölf Personen der Handlung folgen, ständig hin und her, über die Zeitspanne eines Jahrhunderts, von den "Neunzehnhundertzwanzigern" bis in die aktuellen "Zwanziger". Jeder dieser Menschen ist in seine eigene Biographie verstrickt, die von je individuellen seelischen Zuständen und Problemen gezeichnet ist. Es wird sich zeigen, dass zwischen den Schicksalen untergründige Verflechtungen bestehen.
Diese über gut 230 Seiten hin zu verfolgen, verlangt allerdings einige Geduld und Konzentration. Da ist etwa Hargen Fellner, der sich, vor nun hundert Jahren, als junger Arzt bei Direktor Jannsen, dem Gründer der Institution, vorstellte, die nach der vorherigen "Staatsirrenanstalt" als fortschrittlich galt. Im Gespräch fällt wie nebenbei ein entscheidender Satz Jannsens: "Denn niemals sollten wir vergessen, dass der aufrecht-stolze Geist jederzeit straucheln, gar stürzen kann. Nicht nur durch äußeres Unglück. Auch durch familiäre Anlagen. Deswegen befürworte ich auch die Sterilisation, um die unnötige Ausbreitung kranken Erbgutes zu verhindern." Das ist Hinweis genug auf eine der schrecklichen Praktiken, die unter den Nationalsozialisten wenig später angewendet werden sollten im Umgang mit psychisch oder physisch von deren perfider Norm abweichenden Menschen.
Dieses Wissen wird schwer auf Fellners Sohn Thorsten lasten, der seinem Vater in der Klinik nachfolgt. Die "Achtzigerjahre" zeigen ihn als "leicht medikamentenabhängigen, einsamen Mann, gelangweilt von allem". Ihn interessieren als Therapeuten nicht Ursachen von Verstörung, sondern deren möglichst umstandslose Beseitigung. Eine Gegenfigur zu ihm ist der junge Pfleger Lukas, der in den "Nullerjahren" auftritt, seinerseits unter einer depressiven Mutter leidend: "Lukas Weber sah die meisten Neurosen oder Psychosen als Anpassungsleistung an ein unwirtliches Umfeld." Einer der quasibelehrenden Sätze, von denen der Roman leider nicht ganz frei ist. Für Lukas, der eigentlich Meeresbiologe werden wollte, sind ebenjene Gespensterfische, die mit ihren Leuchtorganen in der Dunkelheit der Tiefsee ein schwaches Licht produzieren können, eine Art Modell für die Patienten der Klinik.
Es ist nicht einfach, den vielfach verquickten lebensgeschichtlichen Strängen von Kutschkes Roman, innerhalb und außerhalb der Jannsen-Klinik, zu folgen. Gut möglich, dass genau dies Absicht der Autorin war. Wohl am deutlichsten umrissen ist Laura Schmidt. In der Klinik ist Olga Rehfeld eine der ersten Personen, die Laura kennenlernt als schon alte Frau. Rehfeld war in jungen Jahren mit Hargen Fellner verheiratet. Es kam zur Trennung, weil sie ihrem eigenen Interesse, dem Schreiben nämlich, folgen wollte, vor allem aber, weil sie lesbisch ist. Deshalb wurde sie mit Medikamenten gequält: "Im Gesicht die Spuren des Neuroleptikums, ein unkontrollierbares Zucken und Schmatzen und Züngeln."
Rehfeld findet in der Klinik in Noll, der Kutschke keinen geschlechtszuweisenden Vornamen gibt, eine enge Gefährtin, mit der sie ihre Tage lesend und schreibend verbringt. Für Laura gibt Rehfeld jedenfalls den Impuls, der sie ihren bisherigen Raum in der Realität schließlich aufgeben lässt. Es beginnt mit Zuhören, mit Aufzeichnen mittels Diktiergerät von Gesprächen mit Personen aus dem erweiterten Feld der Anstalt. Endlich beginnt Laura, nach diesen Berichten und Rehfelds Schilderungen, einzelne Bilder zu zeichnen. Diese zunehmend beinah manische Arbeit, die sie im Lauf der Zeit Hunderte von Blättern verfertigen lässt, wird zu ihrem eigenen Kosmos; Lauras bisheriges soziales Gefüge zerbricht daran.
Mitunter stellt die Lektüre von "Gespensterfische" eine Herausforderung dar, vielleicht vergleichbar der Aufgabe, mit der sich eine aufmerksame Psychotherapeutin konfrontiert sehen würde, die das Puzzle der einzelnen Erzählungen ihres Patienten oder ihrer Patientin zusammensetzen möchte zu einer Kohärenz, die ihr den Zugriff auf zugrunde liegende Erfahrungen und Traumata gestatten könnte.
Deshalb hat Svealena Kutschke keinen "Psychiatrieroman" geschrieben: vielmehr ein Buch darüber, wie Psychiatrisierung auch in die familiäre, soziale und gesellschaftliche Außenwelt eindringt, wo Abweichung von einer behaupteten Normalität geschieht.
Das ist ihr durchaus gelungen. Dennoch kann einem beim Lesen der Gedanke kommen, dass sie ihrer Stärke der pointierten Charakterisierung, der beschreibenden Evokation hätte einfach vertrauen sollen, statt der Versuchung zu erliegen, dann doch zwischendurch diagnostische Diffizilitäten auszubreiten. Denn damit wäre sie ganz bei Laura Schmidt geblieben, die sie auf so eindrucksvolle Weise eine Graphic Novel erschaffen und so zur Künstlerin werden lässt; auch das ein Schritt ins Außerhalb der Norm. ROSE-MARIE GROPP
Svealena Kutschke: "Gespensterfische". Roman.
Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2025. 224 S., geb.
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