
Ein Körper mit drei Herzen, eine Haut, die sich im Bruchteil einer Sekunde an ihre Umgebung anpasst, acht Arme, die autonom zu denken vermögen, und Tinte, die Phantombilder formen kann - das alles sind Eigenschaften, mit denen man einen Kraken beschreiben könnte. Und doch wird man diesem erstaunlichen Meerestier damit noch lange nicht gerecht. Denn sein fluides und jede Kategorie sprengendes Wesen wirkt, als hätte die Evolution ein zweites Mal gewürfelt und dabei alle Sinne und Körperteile ganz und gar neu zusammengesetzt. Über Jahrhunderte rankten sich um das Tier mit den vielen Namen - Krake, Oktopus, Oktopode oder fälschlicherweise Polyp und Kalmar - Schauergeschichten bis zu jener, die ihm eine außerirdische Herkunft zuschreibt. Heute inspiriert sein nonkonformistisches Dasein die natur- und kulturwissenschaftliche Forschung und alle, die das Andersartige nicht befremdet, sondern fasziniert.
In ihrem Portrait des greifarmreichen Ungreifbaren begegnet Svenja Beller dem Kraken im Meer, im Aquarium, in der Literatur und in Bildern und beschreibt magische Momente der Erkenntnis und des Erkennens.
Besprechung vom 29.11.2025
Ein unheimlich anderes Wesen
Wahrhaft fluide ist nur der Krake: Svenja Beller porträtiert dieses faszinierende Tier mit den denkenden Armen.
Von Wiebke Hüster
Schnecken, Elefanten und Nelken haben gemeinsam, dass sie bereits in die Reihe Tier- und Pflanzenporträts der bei Matthes & Seitz herausgegebenen Naturkunden aufgenommen wurden. Jeder der kleinen, schön und abbildungsreich gestalteten Bände ist in einer anderen Farbe eingebunden. Jetzt hat Autorin Svenja Beller für Herausgeberin Judith Schalansky die "Kraken" beschrieben, in einem Band von tintendunklem Violett mit wasserblauer Schrift.
Die Form und Farbe wechselnden Meerestiere, die einen festen Hornschnabel, keine Knochen, und mit hohen Neuronenzahlen ausgestattete, quasi 'denkende' Arme mit Saugnäpfen an der Innenseite besitzen, sind schon lange kein Mythos der Seetangwälder mehr. Die Vorstellungskraft der Menschen früherer Jahrhunderte aber haben sie mitunter ähnlich angstbesetzt beschäftigt wie der weiße Hai.
Beller schreibt, der Roman "Der weiße Hai" von Peter Benchley habe einen bis heute anhaltenden Horror vor Haien" ausgelöst, anschließend bestimmte er einen "Killerkraken" zu seinem nächsten Protagonisten. "Beast. Schrecken der Tiefe" blieb hinter dem Erfolg der Hai-Saga weit zurück, "zum Glück für die Kraken", wie Beller witzig bemerkt. Das könnte auch daran liegen, dass Kraken zwar eine gewisse Ambivalenz ausstrahlen, letztlich aber zu großen Niedlichkeitsfaktor besitzen, um Schrecken zu verbreiten wie der entsetzliche Hai.
Kraken haben keine Zähne. Sie sind diejenigen, denen Arme abgerissen werden, etwa, wenn sie das Pech haben, vor den gestreiften Pyjama-Haien nicht rechtzeitig in ihre Höhle fliehen zu können. Ein Trost ist, der Arm wächst nach. Beller beschreibt, wie Forscher, Filmemacher und Autoren den eigenartigen Reizen des achtarmigen Wesens erliegen: "Es ist die Andersartigkeit des Kraken, die ihn unheimlich macht." Unheimlich allerdings nur für die Uneingeweihten, die noch nicht beim kamerabegleiteten Tauchen von Kraken scheinbar vertrauensvoll berührt ("ein lebensverändernder Moment") oder auf eine kleine Rundtour durch den Tangwald eingeladen wurden. "Wir wollen, dass die Tiere sich mit uns anfreunden, dass sie uns etwas zu sagen haben. Und auch ich bin nicht frei davon", bekennt Beller sympathischerweise und konzediert: "Auch wenn manche Kraken neugierig auf manche Menschen reagieren, sind wir ihnen ultimativ doch egal." Poetischer klingen andere Passagen, wenn die Autorin meint, Kraken zu beschreiben sei "wie der Versuch, eine Wolke festzuhalten. Es ist unmöglich. Dieses Buch ist ein Griff nach den Wolken." Da ist so ein Moment des zeitgenössischen Nature Writings, der problematisch ist. Das verschiedene Disziplinen streifende Unternehmen, ein Tier zu porträtieren, scheint zu leicht das Selbstporträt mit einzuschließen. Die Autorin sieht sich selbst als diejenige im Bild, die sich wünscht, der Krake möge ihre Hand berühren. Das ist einerseits legitim, denn es erzeugt vielleicht zuerst den Wunsch, ein solches Buch zu schreiben. Aber dabei eine Linie zu überschreiten, Distanz zu verletzen, ist leicht passiert. Beller macht den Vorwurf etwa dem Filmemacher Craig Foster, dessen vor Südafrika aufgenommene Netflix-Dokumentation "Mein Lehrer, der Krake" sie erwähnt und meint, es ginge ihm mehr um sich selbst als um die Tiere. Das ist schwer nachzuvollziehen. Die Bilder der Berührungen von Foster und Krake sind unfassbar süß. Tierfilme können anderes als Porträts in Buchform.
Im Grunde aber gilt für viele Naturbeschreiber, was Oliver Sacks in "Die feine New Yorker Farngesellschaft" über die Naturforscher des 19. Jahrhunderts schrieb, dass sie nämlich glückliche Amateure und Autodidakten seien, in deren Berichten "das Wissenschaftliche mit dem Persönlichen" verschmelze. Nicht die Augen des Kraken sind menschenähnlich, wie Beller schreibt, das wäre allenfalls sein Blick. Die Leser aber nehmen solche Verwechslung nicht übel, sondern lieben an den Naturkunden genau das: Fundstücke, Legenden, Anekdoten, Kulturgeschichte und Forschungsstand versammelt zu wissen.
In Ergänzung von Bellers interessanter Lektüre-Liste im Anhang findet sich in Oliver Sacks' Autobiographie "Uncle Tungsten. Memories of a Chemical Boyhood", deutsch "Onkel Wolframs Erinnerungen" eine ganz schlimme Krakengeschichte. Der junge Forscher hatte in den Ferien am Meer Tintenfische gefangen und konserviert. Dass etwas schiefgegangen sein musste, erkannte Sacks, als "dumpfe Schläge aus dem Keller" (mit den Einmach-Gläsern) drangen. "Die unzulänglich konservierten Tintenfische waren verfault und vergoren. Die dabei entstandenen Gase hatten die Gläser zur Explosion gebracht und große Klumpen Tintenfisch überall an die Wände und über den Fußboden geschleudert." Lieber sollen sie lebendig bei Amateuren auf der Hand sitzen.
Svenja Beller: "Kraken". Ein Portrait.
Mit Illustrationen von Falk Nordmann.
Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2025.
152 S., Abb., geb.
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