Ein interessanter irischer Familienroman, der sich mit Brüchen, Identität und Heimat auseinandersetzt.
Der Roman setzt im Jahr 1944 an der Galway Bay, einer großen Bucht des Atlantiks an der Westküste Irlands, mit einem Paukenschlag ein: Die junge Muraed versenkt einen menschlichen Körper im Meer... Auf der Gegenwartsebene 2015 steht Levana (ca. 27 Jahre alt) im Fokus, deren Mutter Brigitte bereits 1995 starb, als Levana noch ein Kind war. Sie wurde von ihrer Oma Hana und Opa Samuel großgezogen. Mutter Brigitte erteilte den beiden die Auflage, dass sie ihre Tochter im jüdischen Glauben erziehen müssen. Die Großeltern sind offiziell auch Juden, trotzdem hat Hana offenbar große Schwierigkeiten, diesem frommen Wunsch Brigittes nachzukommen.In der Gegenwart des Jahres 2016 ist Hana (geb. 1928) eine alte Frau. Ihr Mann Samuel ist tot. Die alte Dame lebte zunächst noch allein in ihrer Pariser Wohnung, zeigte nach einem Sturz aber zunehmend Anzeichen einer demenziellen Erkrankung, so dass Levana ihrer Großmutter einen Platz in einem Brüsseler Pflegeheim organisierte, damit sie in ihrer Nähe sein kann.Hana hat Zeit ihres Lebens eine Mauer des Schweigens um ihre eigene Vergangenheit gebaut. Sie hat die Legende kolportiert, in Estland aufgewachsen zu sein, wo die gesamte restliche Familie der Shoah zum Opfer fiel. Hana soll die einzige Überlebende sein. Niemand darf an diesem Trauma rühren. Im Laufe der Jahre hat insbesondere Levana immer wieder nachgefragt - ohne Ergebnis. Als Leser spürt man, dass Hana vieles zu verbergen hat. Die Demenz macht die Mauer des Schweigens brüchig. Hana redet in ihren Träumen in ihrer Muttersprache. Völlig überrascht nimmt Levana zur Kenntnis, dass diese Sprache kein Estnisch sein kann. Mit Hilfe befreundeter Sprachwissenschaftler kommt sie dem lange gehüteten Geheimnis ihrer Großmutter auf die Spur. Levana geht dabei recht investigativ vor, sie ist keine Sympathieträgerin.Als Leser begleiten wir Hana durch die Zeiten, durch Kapitelüberschriften gelingt die jeweilige Verortung leicht. Besonders ansprechend habe ich Hanas Kindheit und Jugend empfunden, als sie noch Muread hieß und auf den Aran-Inseln lebte, die der Autor uns wunderbar anschaulich vorstellt. Ihre Mutter starb früh. Sie hinterließ ihren Mann und drei Kinder. Das Leben war bescheiden, doch hält die Dorfgemeinschaft zusammen. Muread ist sehr stark im katholischen Glauben verhaftet, sie glaubt fest an die Kraft der Jungfrau Maria. Sie ist lernbegierig, sie liebt es, traditionelle mündlich überlieferte Geschichten aufzuschreiben. Die Bedingungen am Meer, die Natur, das isolierte Leben fern der Zivilisation sowie die unterschiedlichen Charaktere lassen die einzelnen Szenen lebendig und authentisch wirken. Der Autor lässt viel Wissen rund um den seltenen Dialekt seiner Heimat einfließen. Manche Begriffe werden nicht direkt übersetzt, ein umfangreiches Glossar am Ende des Buches liefert weiterführende Informationen. Der Roman zeigt, dass die Vergangenheit immer in die Gegenwart hineinreicht. Es wird anhand von Hanas/Mureads Schicksal dargelegt, dass man seine Wurzeln nicht einfach abstreifen kann. Wie belastend muss es sein, die eigene Identität komplett zu verleugnen, um eine falsche zu übernehmen? - noch dazu eine extrem belastete, nämlich die, die einzige Überlebende der Shoa zu sein.Man muss sich von diesem historischen Roman ein Stückweit treiben lassen. Nicht jeder Handlungsverlauf ist in meinen Augen völlig glaubwürdig erzählt, hier und da holpert es ein bisschen. Manche Frage bleibt am Ende offen, über die man nachdenken oder diskutieren kann.Insgesamt habe ich diesen Roman sehr gerne gelesen. Er erfüllt vielleicht nicht die höchsten literarischen Ansprüche, führt den Leser aber in unbekannte Welten und vergrößert sein Wissen rund um die irischen Aran-Inseln, insbesondere deren sprachlichen Besonderheiten, Traditionen und dortige Lebensweisen. Man spürt die Liebe des Autors zu seiner Heimat. Elvira Veselinovic hat den Roman aus dem Irischen ins Deutsche übertragen.Mich hat Mureads wechselhaftes Leben fasziniert. Ich wünsche dem Roman ein großes Publikum.