Mit einem Prolog, der sofort Fragen aufwirft, gelingt dem Roman ein starker Einstieg: 1944 rudern eine Frau und ein Mann in die Galway Bay hinaus, um eine Leiche im Meer zu versenken. Genau dieser Auftakt sorgt dafür, dass ich direkt wissen wollte, wie es zu dieser Situation gekommen ist und was die Geschichte noch bereithält.Doch zunächst führt uns der Autor ins Jahr 2015. Levana erhält einen Anruf, der sie nach Paris zu ihrer Großmutter Hana Lazare ruft. Hana, bei der Levana nach dem Tod ihrer Mutter aufgewachsen ist, stammt aus Estland und hat als einziges Mitglied ihrer Familie die Shoah überlebt. Levanas Mutter Brigitte hatte ihren Eltern Hana und Samuel das Versprechen abgenommen, Levana im jüdischen Glauben aufwachsen zu lassen. Für Hana wird das zunehmend schwerer, sodass sie Samuel die religiöse Erziehung des Kindes überlässt. Über ihre Vergangenheit spricht sie nicht. Es ist, als hätte es diese nie gegeben.Ein weiterer Erzählstrang führt die Leser:innen auf eine kleine irische Insel.Muraed liebt die Geschichten und Gedichte, die ihr Vater und seine Freunde am Torffeuer erzählen. Ein Völkerkundler sammelt diese Erzählungen, indem er Schulen im ganzen Land besucht und die Kinder auffordert, sie aufzuschreiben, damit sie nicht verloren gehen. Auch Muraed gehört zu diesen Kindern und schreibt mit großer Begeisterung auf, was ihr erzählt wird. Weil es dabei nicht nur um religiöse Geschichten geht, gerät sie mit dem Schulmeister in Konflikt, der keine "Lügenmärchen über Jesus" lesen will und sie dafür bestraft. Umso wichtiger ist für Muraed die Unterstützung des Pfarrers, der darauf besteht, dass sie die Anerkennung bekommt, die ihr zusteht. Das stärkt sie in ihrem Glauben, das die Gebete die sie an die Jungfrau Maria richtet erhört werden.Tadhg Mac Dhonnagáin erzählt die Handlung abwechselnd aus Hanas und Muraeds Leben. Verbindendes Element ist Levana, die von ihrer zunehmend dementen Großmutter immer wieder Worte in einer ihr unbekannten Sprache hört. Neugierig sammelt sie diese Sprachfragmente und schickt sie an eine Dolmetscherin für Estnisch. Doch auch dort bleibt die Suche zunächst erfolglos. Erst später zeigt sich, dass Hana Irisch spricht. Mir war die Verbindung zwischen Hana und Muraed relativ schnell klar, ebenso wie das Schweigen, das Hana über ihre Vergangenheit bewahrte. Sie konnte nichts über eine offizielle Version ihres Lebens erzählen, weil es diese schlicht nie gab. Erst als Levana Hanas Geheimnis enthüllt, gelingt es ihr, sich mit dem Verhalten ihrer Großmutter etwas zu versöhnen. Nicht alles wird dabei vollständig aufgeklärt, doch gerade das macht einen Teil der Wirkung dieser Geschichte aus. Im Kern erzählt der Roman von der Suche nach Identität, von Sprache als Verbindung zur Vergangenheit und von dem Gewicht, das ungelöste Geheimnisse mit sich bringen. Gerade Hanas Schweigen zeigt eindrucksvoll, wie belastend eine Vergangenheit sein kann, die auf einer Lebenslüge beruht.Ich mochte es sehr, dass der Roman am Ende nicht alle Fragen beantwortet. Zwar sind wir Leser Levana in mancher Hinsicht voraus und erfahren mehr über Hanas Schicksal als sie selbst. Dennoch bleiben einige Details im Dunkeln. So wird Hanas Wunsch, ihre Vergangenheit nicht vollständig preiszugeben, zumindest teilweise respektiert. Dieser Verzicht auf eine vollständige Auflösung wirkt auf mich konsequent und macht den Schluss umso eindrucksvoller.Das Glossar am Ende des Buchs erweist sich übrigens als sehr hilfreich.