
»Prallvoll mit Überlebenslust, Herzwärme und Witz. « Pieke Biermann
Sie sind überall, wir sehen sie jeden Tag. Egal ob in Delhi, Tel Aviv, Buenos Aires, Istanbul oder Berlin, überall schwirren sie durch die Städte: Essenslieferanten. Tomer Gardi verbindet ihre Geschichten zu einem weltumspannenden Gegenwarts-Epos. »Liefern« erzählt von Rassismus und Ausbeutung, von Liebe, Familie und der großen Sehnsucht nach Verbundenheit. So gegenwärtig, so international, so politisch und leichtfüßig zugleich war lange kein deutscher Roman.
Der Roman entstand in Zusammenarbeit mit Anne Birkenhauer, die auch den Teil »Mimesis« aus dem Hebräischen übersetzt hat.
Filmon, der aus Eritrea nach Tel Aviv geflüchtet ist, arbeitet als Lieferant. Er will genug Geld sammeln, um seiner Frau und Tochter nach Berlin zu folgen. Sein Job ist immer in Gefahr, er hat keine Arbeitserlaubnis und fährt unter falschem Namen. Seine Frau und Tochter lernen Deutsch bei Nina im Bildungszentrum, die zu einem Austauschsemester nach Delhi reist, wo sie sich in den Argentinier Ramón verliebt. Der Erzähler fährt nach Istanbul, um nach einer Gaunerei bei einem Literaturpreis das Preisgeld zu verprassen. Und in Buenos Aires muss Ramóns Mutter mit der Abwesenheit ihres Sohnes fertig werden. »Liefern« ist eine literarische Weltreise in sechs Episoden und eine Feier der Erzählkunst, wie sie nur Tomer Gardi veranstalten kann: tiefgründig und humorvoll, mit politischer Sensibilität und literarischer Verve.
Besprechung vom 01.04.2026
Asylantrag als Eichhörnchenfutter
Tomer Gardis wilder Sozialreportageroman "Liefern" erzählt von einem eritreischen Fahrradkurier - und von noch viel mehr.
Mit dem Roman "Eine runde Sache" hat Tomer Gardi vor vier Jahren den Preis der Leipziger Buchmesse geworden: für eine Mischung aus Theaterbetriebssatire, Screwballkomödie und deutscher Vergangenheitsbewältigungsfabel. Die professionellen Kritiker streiten sich seitdem wie die Kesselflicker. "Großartig!", sagten die einen. "Ein Bluff!", empörten sich die anderen über diesen Roman des israelischen Schriftstellers, der teilweise in fehlerhaftem Deutsch verfasst worden war. War das jetzt das neue Literaturdeutsch? Oder dessen Untergang?
Inhaltlich war die Sache einfacher. "Eine runde Sache" handelte im ersten Teil von einem Autor, der Tomer Gardi heißt und dem während einer Theaterpremierenparty folgendes Missgeschick passiert: Ihm rutscht eine Salzgurke vom Brötchen, das er sich zuvor am Buffet geschnappt hatte. "Ich bin ein gieriger Mensch, eine Person mit starke Bedürfnisse", sagte der Roman-Gardi zur Erklärung in leicht gebrochenem Deutsch. Auf der Gurke rutscht dann drei Sätze später der Intendant aus, und von da an muss der ausländische Autor auf der Suche nach Karrieremöglichkeiten flüchten. Dabei gerät er in einen Märchenwald, wird von einem deutschen Schäferhund verfolgt, tritt in eine deutsche Jagdgesellschaft ein und wird am Ende selbst gejagt. Nur ein Jude hatte aus diesem antisemitischen Klischee des herumwandernden rastlosen, heimatlosen, bodenlosen Juden einen Witz machen können.
Jetzt hat Tomer Gardi einen neuen Roman geschrieben und ist dabei ins tragikomische Fach gewechselt. Natürlich konnte er nicht auf broken German weitermachen. Das hätte nicht zu dem gepasst, was er in seinem neuen Projekt vorhatte: nämlich über das Prekariat einer globalisierten Dienstleistungsgesellschaft zu schreiben. Also hat Gardi sich der deutschen Grammatik perfekt angepasst. Ein Kapitel hat er, wie auch schon in "Eine runde Sache", auf Hebräisch verfasst und von Anne Birkenhauer übersetzen lassen. Herausgekommen ist ein multiperspektivischer, auf verschiedenen Kontinenten spielender Roman zur Soziologie der Lieferdienste und zu den Migrationsbewegungen der postindustriellen Ära.
Wir alle kennen sie: Menschen auf Fahrrädern, die eilig mit ihrer Fracht, meistens kulinarischer Natur, über Straßen und Gehwege rasen. Sie haben es eilig, denn sie werden pro Liefergang bezahlt. Ihre deutschen Sprachkenntnisse sind eher gering, aber für ihre Art der Arbeit ist Sprechen auch nicht zwingend notwendig. Mit ihrem Arbeitgeber kommunizieren diese "Rider" über eine App, und oft sind es Menschen, die nicht aus Europa stammen. Wir wiederum fragen uns selten, wie sie hier gelandet sind.
Der Roman setzt ein mit dem Rider Filmon, der sich mit seiner Frau Daniat und der Tochter Izzi von Eritrea aus auf den Weg in ein besseres Leben gemacht hat. Während sich Frau und Tochter nach Deutschland durchschlagen, landet Filmon erst mal in Israel. Dort schrubbt er die Küche eines Cafés, das im Zuge der Corona-Pandemie pleitegeht, weshalb sich Filmon an Shai wendet. Der ist ein halbseidener Immobilienverwalter, der die Welle der Gastronomiepleiten geschickt für sich zu nutzen weiß. Er hat sich rechtzeitig ein Kontingent an "Indie-Go"-Accounts gesichert, - so heißt der israelische Lieferdienst im Roman -, indem er seine gesamte Verwandtschaft dort registriert hat. Auf diesen Fake- Accounts lässt er dann seine arbeitslos gewordenen Mieter fahren. Unter falschem Namen, unversichert und zu fünf Prozent ihres bisherigen Einkommens.
Während Filmon als Knecht in diesem modernen Dienstleistungsfeudalismus versucht, Geld für seine Ausreise nach Deutschland zusammenzukratzen, führt er eine Whatsapp-Ehe mit Daniat. Tomer Gardi schildert das Paar in seinen Alltäglichkeiten als eine durch Grenzen, Meere und fehlende Papiere voneinander getrennte Einheit. Alles läuft online. Sogar am Integrationskurs Deutsch nimmt Filmon aus der Ferne teil: "A groiße Eichhörnchen hot di Asylantrag gegessen!"
Ein zweiter Handlungsstrang des Romans spielt in Neu Delhi, wohin es die Germanistikstudentin Nina verschlägt. In Berlin jobbt sie als Deutschlehrerin in einem Bildungszentrum für Asylbewerber - einer ihrer späteren Schüler: Filmon. Auf dem Indien-Trip aber lernt Nina noch den Argentinier Ramón kennen und lieben - so lange, bis es zu einem tödlichen Zusammenprall mit einem Lieferanten im Verkehrschaos kommt. Der Unfall treibt die Erzählung voran und weiter nach Argentinien, wo wir in das Leben von Ramóns trauernder Mutter in Buenos Aires hineinblicken dürfen. Sie klammert sich an das Handy ihres Sohnes, das sie von den indischen Behörden ausgehändigt bekommen hat, wie an einen Fetisch - bis sie es eines Tages verliert. Der Finder ist ein mittelloser Venezolaner, der - kann es in diesem Buch anders sein? - in Buenos Aires für einen Lieferdienst arbeitet.
Die Handlung springt wieder nach Berlin, wohin Filmon inzwischen aus Israel gelangt ist. Die wiedervereinte Familie hat es nicht leicht: So lange haben sie sich nur auf der Benutzeroberfläche eines Smartphones gesehen. Auch hier in Berlin arbeitet Filmon als Rider für ein Lieferunternehmen.
Tomer Gardi hat lange recherchiert für diesen Roman. Ein Kapitel spielt in Kenia, wo es die weltweit größten Blumenfarmen gibt. Es sind die Blumen, die nachts in der Regel von Migranten beispielsweise in Berliner Bars für drei Euro das Stück feilgeboten werden.
Ein anderes Kapitel spielt in Istanbul. Es ist das aus dem Hebräischen übersetzte, in dem sich der Autor selbst, wie auch schon im Roman davor, in die Handlung schleicht. Zusammen mit einem israelischen Freund, einem Lyriker, reist er in die Türkei für eine Haartransplantation. Auf dem Weg in die Praxis geraten die beiden Literaturfilous in einen Megastau, verursacht von streikenden Lieferanten.
Ob es am Ende zur ersehnten Transplantation kommt, werden wir nicht verraten. Aber hier ist er wieder, der Autor mit der Narrenkappe, den wir an Tomer Gardi lieben gelernt haben. Der Mann mit dem flatternden Haarkranz pflanzt der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ein paar kritische Gedanken zum globalen Kapitalismus ein. "Ich dachte, sagte ich, du unterrichtest Literatur", sagt der Roman-Autor einmal zu einer Bekanntschaft am Bosporus. "Jeder ist ein Bote, oder?, meinte er mit einem Lächeln." KATHARINA TEUTSCH
Tomer Gardi:
"Liefern". Roman.
Teilweise aus dem Hebräischen von
Anne Birkenhauer.
Tropen Verlag, Stuttgart 2026. 315 S., geb.
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