Ein weiteres Meisterwerk aus dem Hause Poznanski - Mitreißend, detailreich, emotional. 400 Seiten bester Thrill.
Nach längerer Lese-Auszeit von meiner früheren Lieblingsautorin Ursula Poznanski, in der sie sich vermehrt dem Schreiben ihrer Krimi-Reihen widmete statt dem von Stand-alone Thrillern, habe ich mich umso mehr auf dieses kleine, recht unscheinbare 400 Seiten-Buch gefreut. Und wurde keinesfalls enttäuscht. Wo Poznanski drauf steht, steckt garantiert Qualität drin. So auch hier, beim Survival-Thriller "Die Burg". Wobei Thriller nicht die ganze Wahrheit ist - es finden sich in dieser Geschichte etliche teils heftige Fantasy- und Horrorelemente, sodass dieses Buch ein relativ breites Spektrum an Genres bedient. Häufig erweist sich solch ein Mix als schwierig authentisch zu bewerkstelligen, jedoch für eine Autorin wie Frau Poznanski ein Kinderspiel. In Sachen reichhaltigem, gut recherchiertem und fundiertem Fantasy-Thrill, vor allem in Kombination mit Mittelalter, Burgen und Historie, kennt sie sich bestens aus. Das weiß der Leser spätestens seit ihrem frühen Meisterstück "Saeculum".Allein schon dieStory ist so herrlich un-mainstreamig und prinzipiell simpel, dass sie sofort in mir Interesse weckte. Ein Milliardär namens Nevio läd sieben sich fremde Personen zu einem Game-Testlauf auf seine Burg Greiffenau ein, dessen unterirdische Katakomben und Tunnelsysteme er im Jahr zuvor zu einem riesigen Escape-Room Gängesystem hat ausbauen lassen, gesteuert durch eine hochmoderne künstliche Intelligenz. Nur leider fängt die KI während des Spiels an, langsam ihr eigenes schreckliches Ding daraus zu machen und schon bald müssen die Teilnehmer dort unten in den engen Gängen und Räumen um ihr nacktes Überleben kämpfen... Die zahlreichenCharaktere wirken, ganz Poznanski-typisch, zuerst einmal etwas unübersichtlich, werden aber im Verlauf der Geschichte immer sympathischer, weil man Stück für Stück mehr über sie erfährt. Das kann die Autorin sehr geschickt und teils als aufschlussreiche Teile in die Story einweben. Durch die höchst unterschiedlichen Persönlichkeiten der Spielteilnehmer (so wie aller weiteren Figuren der Geschichte) kann man sich als Leser garantiert mit der ein oder anderen Figur identifizieren. Interessant fand ich z.B., dass mir als Leser der etwas grummelige, belehrende Professor Melerski gedanklich in etwa vorkam wie der bekannte ZDF-Moderator Harald Lesch, und die Burg-Angestellte Alissa im Prinzip sehr an Ursula Poznanski selbst angelehnt ist. Generell ist die Ausgestaltung der Charaktere äußerst greifbar, authentisch und wundervoll detailreich und tiefgehend, was ein jedes Mal wiederkehrendes, liebgewonnenes Merkmal der Autorin darstellt. Bei den Figuren gibt sie sich wirklich Mühe und ist mit vollem Herzen bei der Sache. Man merkt, dass sie Menschen interessant findet und eine enorme Fantasie besitzt.DerAufbau der Geschichte ist clever ausgeklügelt und ebenfalls ganz typisch Poznanski. Die ersten 30 Seiten verlaufen noch sehr gemütlich ohne viel Spannung, es werden erstmal die Figuren und der Handlungsort vorgestellt. Aber dann, sobald das Spiel begonnen wird, geht es richtig los. Und zwar nicht zu knapp. Ich kenne kaum andere Autor*innen, die das Spannungslevel derart intensiv lange und konstant hoch halten können, wie Frau Poznanski. Man wird quasi in einen beklemmenden virtuellen Horror-Trip gesogen, sobald die KI anfängt, durchzudrehen. Kurz nach Spielbeginn, analog zu den Geschehnissen unter der Erde, wechselt die Erzählperspektive zwischen den Teilnehmern und der Burg-Crew um Alissa, nur um pünktlich zum Finale wieder zu einer Perspektive fast nahtlos ineinander überzugehen. Meisterhaft geschrieben! Auch das genannte Finale kommt nicht zu kurz und hat am Ende einen wunderbar aufklärenden Epilog. Es bleiben keine offenen Fragen zurück. Lediglich ein einziges Handlungselement blieb quasi ungenutzt bzw. untergenutzt, was mich erst verwunderte und dann ein wenig enttäuschte. (jedoch hätte dadurch die Auflösung nicht mehr geklappt. Also passt es schon.)Der unverkennbar detailreiche, empathische und manchmal fast schon ausschweifendeSchreibstil der Autorin ist auch hier wieder deutlich vorhanden und trägt im Prinzip das gesamte Buch. Es ist schier unfassbar, mit welch einer gigantischen Wucht an Fantasie und Vorstellungsvermögen die Autorin hier ihre Ideen und Erfahrung einbringt und wahnsinnige KI-Welten erschafft, die man so schnell nicht wieder vergisst. Das gleiche gilt für die Empathie und das Einfühlungsvermögen, mit der sie fast jede Regung der Figuren beschreibt und ihnen "begegnet". Als hätte Frau Poznanski ihr gesamtes Wissen aus den Recherchen zu ihren vorherigen Büchern zusammengetragen und hier in dieses Buch einfließen lassen. Zudem sind ihre detaillierten und empathischen Beschreibungen nie schwülstig oder störend, sondern genau richtig dosiert und auf den Punkt gebracht. Nach dem man als Leser wieder in ihren typischen "Flow" reingekommen ist, fliegen die Seiten nur so dahin. Die krass beklemmende Atmosphäre hält konstant an und packt einen direkt bei den Nerven, das Buch wird zum packenden Survival-Pageturner. Zusammen mit dem unglaublichen Ideenreichtum für die einzelnen Räume/Challenges des Spiels und die sehr guten Dialoge & Interaktionen der handelnden Figuren ergibt diese eine derart fantastische Kombi, dass man wieder weiß, warum Ursula Poznanski zu den besten Thriller-Autorinnen unserer Zeit gehört. Was dort für gruselige Gestalten und Wesen in der Story auftauchen, ist eines Hollywoodfilms wert! Ohne zu übertreiben. Verfilmt dieses Buch!Einen großen Teil dazu beitragen tut sicherlich auch dasSetting, die fiktive Burg Greiffenau mit all ihren authentisch/korrekt beschriebenen Gebäuden, Wehrgängen, Türmen, unterirdischen Gängen, Hallen, Kammern und Verließen. Hier ist die Autorin voll in ihrem Metier, und das merkt man. Die Burg entsteht wie ein Film im Kopf, man kann sie förmlich spüren. Für Mittelalter-Fans (wie mich) ein absoluter Knaller. Letztlich spielt sich die gesamte Handlung nur auf oder unter der Burg ab, sodass man hier durchaus von einem Kammerspiel (pun intended) sprechen kann. Fazit:Dieses Buch ist eine absolute Wucht, bestehend aus viel Survival-Thrill mit einigen Elementen aus Horror, Fantasy und sogar ein wenig Drama. Die Schreibqualität ist erwartbar hoch, die Spannung enorm intensiv und die Charaktere und Settings sprühen vor Ideenreichtum und Kreativität der Autorin. Was für Bilder man hier beim Lesen im Kopf bekommt durch die zahllosen fantastischen Spiel-Szenarien, ist wirklich heftig und sucht seinesgleichen. Am ehesten herankommen an dieses Level kommen die beiden Filme "Escape Room 1 & 2", die einem in nicht ganz so großer "Opulenz", aber dennoch eindrucksvoll zeigen, wie solch ein außer Kontrolle geratenes KI-Spiel aussehen und für die Spieler werden könnte. Sowieso herrschen viele Parallelen zwischen diesem Buch und den beiden Filmen. Aber als normaler Buch-Fan der Autorin kann ich mich nur fragen: Was will ich eigentlich noch mehr? Ich bin einfach nur begeistert! Ein weiteres geniales Meisterwerk aus dem Hause Poznanski, das noch lange nachhallt.