
Weise, kühn und frei - es wird Zeit, den alten Frauen zuzuhören
Alter ist kein Ende, sondern ein Neubeginn. Das zeigen Frauen wie Vivian Gornick, Jane Campbell, Carmen Herrera, Lucinda Childs oder Ulrike Edschmid. Manche haben sich neu erfunden, andere haben immer weitergemacht und schaffen im hohen Alter dann den internationalen Durchbruch als Künstlerinnen und Schriftstellerinnen. Sie sind mutig, fordern nichts ein, aber nehmen sich, was sie brauchen. Ein Buch über Freiheit im Alter jenseits gesellschaftlicher Klischees.
»Eigentlich bin ich eine alte Frau«, meinte Verena Luekens bester Freund bei ihrer ersten Begegnung. Daniel war Mitte Dreißig, liebte Männer - und Frauen, wenn sie nicht mehr so jung waren. Doch alte Frauen sind in unserer Gesellschaft keinesfalls immer und überall gut angesehen. Rollenbilder? Gibt es kaum - von der freundlichen Oma mal abgesehen. Je älter die Frauen sind, desto mehr verschwinden sie aus der Öffentlichkeit. Und tauchen erst wieder auf, wenn sie auf die Hundert zugehen oder als Exzentrikerinnen auf TikTok Karriere machen. Was alte Frauen wirklich sind: Feministinnen, Liebende, Kämpfende, Unangepasste, oft auch Spät-»Entdeckte«. Höchste Zeit, sie kennenzulernen. Verena Lueken zeichnet die inspirierenden Lebensentwürfe von Schriftstellerinnen und Künstlerinnen nach, in all ihrer Leidenschaft und Vitalität.
+++ Nominiert für den Bayerischen Buchpreis 2025 +++
»Was sind das für 'Alte Frauen'? Künstlerinnen, die die Welt seit Jahrzehnten mit Erzählungen, Bildern oder Filmen beschenken und doch oft unbekannt sind. Verena Lueken macht sie uns vertraut, in Porträts, die vom ersten Satz an fesseln. Das Buch ist wie eine gute Party, auf der wir lauter neue, coole Frauen kennenlernen. « PETRA GERSTER
»Im Schamanismus gibt es das Wort alt nicht als Adjektiv für Menschen, sondern nur in Bezug auf Wissen. Alt ist in diesem Sinne etwas Gewachsenes. Und was ist dann eine alte Frau? In Verena Luekens wunderbaren Portraits dürfen wir den Frauen in ihrem Gewachsensein begegnen, und das ganz großartig, jung und leicht. « CLAUDIA MICHELSEN
Nominiert für den Bayerische Buchpreis in der Kategorie Sachbuch 2025
Besprechung vom 21.02.2026
Um das Alter kreisen ihre Gedanken nicht
Verena Lueken porträtiert auf anregende und unsentimentale Weise eigenwillige Frauen jenseits der 80
Alte Jungfer, böse Hexe oder verbitterte Alte werden sie manchmal genannt. Frauen, die in den Wechseljahren angeblich zur Furie oder zur selbstgerechten "Karen" werden. Letztere erkennt man an ihrer Kurzhaarfrisur und daran, dass sie sich gerne über alles und jeden beschwert, so besagt es zumindest das Internet-Meme.
Wenn eine Frau älter wird, ist es oft nicht ihre Lebenserfahrung, die hervorgehoben wird. "Männer werden weise. Frauen werden alt", fasst Verena Lueken eine ungleiche Betrachtung zusammen. In ihrem Buch porträtiert die langjährige Redakteurin im Feuilleton der F.A.Z. elf Frauen, die älter als achtzig sind, unter ihnen Schriftstellerinnen, Malerinnen, Tänzerinnen, Filmemacherinnen, um dieser Ungleichheit etwas entgegenzustellen. Natürlich geht es in den Gesprächen hin und wieder um Alter, Schönheitskult und Jugendwahn. Es geht aber auch um Einsamkeit und Fremdsein, um Sex und Feminismus, Ehrgeiz und Mut. Denn selbstverständlich haben auch alte Frauen Träume, Bedürfnisse und Ängste. "Der Bezugspunkt ihres Lebens und ihres Denkens ist nicht das Alter", schreibt Lueken zu Beginn des Buches. Stattdessen habe sie "diskrete Feministinnen, kämpferische Intellektuelle, Liebende, Unangepasste" und "Entdeckerinnen" kennengelernt.
Mit manchen ihrer Gesprächspartnerinnen traf sie sich mehrmals, reiste nach Berlin, Rom oder New York. Dass sie die Frauen an ihren Wohn- und Wirkungsorten besucht hat, macht die Qualität der Gespräche aus. Lueken gelingt es, behutsam die Charakterzüge und Eigenheiten der "alten Frauen" herauszuarbeiten.
Isabella Ducrot etwa ist Malerin und Textilkünstlerin. Ihr erstes Bild hatte sie mit Mitte 50 gemalt, drei Jahrzehnte später das erste Mal in einer Galerie ausgestellt. Erst im letzten Drittel ihres Lebens erlangte sie mit ihren bunt bedruckten Webstoffen internationale Bekanntheit. Ähnlich erging es auch Carmen Herrera. Die mittlerweile verstorbene Künstlerin aus Kuba malte ihr Leben lang, verkaufte ihr erstes Bild aber erst mit 89 Jahren. Später eröffnete sie als erste Kubanerin eine Ausstellung im Whitney Museum of American Art in New York. Gegenüber Lueken sagte die Malerin, sie habe es nicht ausstehen können, so lange ignoriert worden zu sein, aber es habe ihr auch Freiheiten gegeben.
Dass die Arbeit im Alter auch mal beschwerlich sein kann, erzählt die Autorin Vivian Gornick mit frappierender Ehrlichkeit. Auf ihren langen Spaziergängen durch Manhattan machte sie unzählige Beobachtungen, die sie in einem ihrer bekanntesten Bücher mit dem Titel "Eine Frau in New York" ("The Odd Woman in the City") zu Papier brachte. Doch nach einem Sturz ist Gornick ängstlicher geworden, und sie habe gemerkt, dass ihr Energielevel sinke. Lange Spaziergänge seien da nicht mehr drin.
Auch Liebe und Sex müssen im Alter keinesfalls Tabuthemen sein, findet Jane Campbell. Die britische Schriftstellerin lebt in einem ehemaligen Pub in Oxford. Sie hat unter dem Titel "Kleine Kratzer" ("Cat Brushing") dreizehn fiktive Kurzgeschichten über alte Frauen veröffentlicht, die Sex haben und fürsorglich sind, streiten und manipulieren. Die eben all das machen, was Frauen im Alter oft abgesprochen wird.
Performative Grenzen bricht schließlich die Choreographin Katharine Sehnert. Die ehemalige Assistentin von Pina Bausch wurde für das Performance-Projekt "Dressing the City" engagiert, bei dem menschliche Darsteller in ein Wechselspiel mit den stoischen Gebäuden und Objekten in der Stadt treten. Mit Mitte 80 performt sie immer noch, wie Lueken es im Buch beschreibt, vor "überraschten Passanten eine Art Poledance am Laternenmast". In orangefarbene Trainingsjacke, schwarze Lederleggins und rote Ballerinas gekleidet, hat sie die Jacke in einer fast erzwungenen Umarmung um sich und den Laternenmast geschlungen.
So ehrlich, eigenwillig und freigeistig all diese Frauen auch sein mögen, sind sie keinesfalls Randfiguren der Gesellschaft. Verena Lueken gelingt es, auf kluge, unsentimentale Weise elf Porträts dieser "alten Frauen" zu zeichnen, die weise und sinnlich zugleich sein können, humorvoll und kontrolliert, frei und widersprüchlich. VANESSA FATHO
Verena Lueken: "Alte Frauen".
Ullstein Verlag, Berlin 2025. 320 S., Abb., geb.
Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main.