
Grenzen sind in einer globalisierten Welt zum Dauerthema geworden: Die Überwindung von Grenzen wird zum Versprechen wie zum panischen Schrecken, und die Annahme, dass in einer von abstraktem Geld gesteuerten digitalen Welt Grenzen einfach verschwinden, ist eine so irrige wie weit verbreitete Vorstellung. Doch Grenzen sind weit mehr als das, im Begriff der Liminalität oder Grenzhaftigkeit erweisen sie sich als ein unhintergehbares Phänomen individueller und sozialer Selbstgestaltung. Tatsächlich ist Liminalität konstitutiv für die Selbsterfahrung unserer eigenen physischen Grenzen, für die Anwesenheit des Todes im Leben oder für unsere heterogene psychische Befindlichkeit und Identität. Die Funktion von Grenzen als Hindernis löst sich dadurch nicht auf, aber es wird sichtbar, dass Liminalität sich ständig wandelt und neue Gestalt annimmt.
Wolfgang Müller-Funk zeigt, dass Grenzen sozialpsychologisch zu verstehen sind und nur in bestimmten gesellschaftlichen Konstellationen überhaupt sichtbar gemacht werden. Seine philosophisch-literarische Spurensuche führt in die Welt des Mythos, aber auch in den Bereich der intimen Begegnung und mitten in den Alltag moderner Gesellschaften, die sich an der Frage der Grenze zu spalten drohen.
Besprechung vom 03.02.2026
Hinter dem Horizont
Wolfgang Müller-Funk sondiert Grenzverläufe
Wer auf sich hält, brüste sich gern mit dem Prädikat "ohne Grenzen": Ärzte, Anwälte, Reporter; bald wohl auch Zöllner "ohne Grenzen", spottete einmal der französische Intellektuelle Régis Debray. Wolfgang Müller-Funk bemüht sich dagegen auf seine Art, mit weit ausholenden Überlegungen, Vorurteile gegen Grenzen auszuräumen. Grenzhaftigkeit sei schließlich mit der ihr innewohnenden Dynamik von Trennung und Übergang, von Öffnen und Schließen ein strukturierendes Element unserer Lebenswelt, schreibt Wolfgang Müller-Funk. Er nennt das "Liminalität".
Einem heute politisch so brisanten Begriff kann eine sorgfältige Hinterfragung nur guttun. Müller-Funk fährt dafür ein breites Sortiment an philosophischen, soziologischen und psychoanalytischen Verweisen, politischen Beispielfällen, literarischen Figuren und Motiven auf. Er beginnt mit der Feststellung einer prinzipiellen Asymmetrie von Grenzen. Sie werden von manchen festgelegt, von anderen eingehalten (oder nicht). In der Demokratie strebt man danach, über Grenzsetzung zu verhandeln und das Machtgefälle zu relativieren. Zu den Hauptinspiratoren des Buchs gehört Georg Simmel und seine Theorie des Öffnens und Schließens, Trennens und Verbindens als zentrales Element des Makrophänomens Kultur. Mehr als von offensichtlichen, physisch lokalisierbaren Grenzen ist deshalb von den unsichtbaren Grenzen die Rede.
Deren Spektrum ist enorm. Neben den Sprachräumen, an deren Rändern die Übersetzer sich abmühen, gibt es die sozial durchfurchten, die psychologisch geschichteten oder die subjektiven und intimen Räume, an deren Grenzen Dinge wie Rivalität, Konflikt, Neid, Annäherung, Aggression, Scham mit ins Spiel kommen. Membranen, Wände, Fenster, Türen und Tore, Rahmen, Brücken, Höhlen sind wiederkehrende Motive im Buch, und unter den zahlreich zitierten Autoren nimmt Kafka mit seinem Türhüter im Gleichnis "Vor dem Gesetz" oder dem Mutanten Gregor Samsa in "Die Verwandlung" einen Ehrenplatz ein.
Die "Phänomenologie des Liminalen", die Müller-Funk hierbei vorschwebt, sucht er statt durch systematische Erfassung eher durch essayistisches Umkreisen zur Darstellung zu bringen. Seinem matten Geständnis, dass das Thema der Grenze in einem so weiten Sinn "ironisch formuliert grenzenlos" sei, kann man nur zustimmen. Als Leser treibt man in der Fülle des Materials, ganz dem ausufernden Untertitel des Buchs gemäß, ins Unüberschaubare davon, wie der - vom Autor nicht erwähnte - Kübelreiter in Kafkas gleichnamiger Erzählung, der emporschwebend um sich nichts Genaues mehr erkennt und sich "auf Nimmerwiedersehen" verliert.
Viele der herbeibemühten Analogien bleiben unausgeschöpft wie Muster eines großen Thementeppichs ohne klaren Zusammenhang. Die allzu zahlreich gesetzten Zwischentitel innerhalb der Kapitel verstärken den Eindruck von Assoziation und Akkumulation. Hinter dem ganzen Reichtum spürt man die Mühe, das aus langer Forschung zusammengetragene Material in eine bündige Ordnung zu bringen. Im sieben Seiten umfassenden Verzeichnis der Bibliographie nehmen Müller-Funks eigene Werke gut eine Seite ein.
Mit Gewinn liest man deshalb dieses Buch, indem man die essayistische Leichtigkeit selbst mitbringt und zwanglos das Interessante aufschnappt, wie es kommt. Die von Caspar David Friedrichs Gemälden ausgehende Überlegung, dass Horizonte Grenzen von Grenzen sind, weil es für sie kein "drüben" gibt, und dass Weltraum, Tageshimmel oder unüberblickbare Ozeane insofern gar keine Räume sind, ist bedenkenswert. Anregend auch die Darstellung des Exils als eine Perversion der Grenze, die nicht mehr umschließt, sondern ausschließt und ein doppeltes Fremdsein schafft: im bisherigen Zuhause und im künftigen Anderswo. Gern folgt man überdies Müller-Funks Einwand gegen die von Zygmunt Bauman diagnostizierte "grenzauflösende Gesellschaft" in unserer "flüchtigen Moderne", dem Einwand nämlich, dass einstige Grenzmauern in elektronischen Überwachungseinrichtungen überleben und dass die digital flüchtige Moderne sehr wenig zu tun hat mit der positiven oder negativen Utopie des herkömmlichen Nomadentums. JOSEPH HANIMANN
Wolfgang Müller-Funk: "Grenzen".
Ein Versuch über den Menschen.
Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2025.
298 S., geb.,
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