Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer entfaltet ein vielschichtiges Bild des äthiopischen Hochlands und seiner Nachbarschaften: Topographie, Klima, Verkehrswege, politische Verhältnisse, Völkerkunde und historische Überlieferung werden zu einer geographischen Gesamtdarstellung verbunden. Andrees Stil ist nüchtern, kompilierend und zugleich anschaulich; er steht im Kontext der wissenschaftlichen Länderkunde des späten 19. Jahrhunderts, deren Interesse an Afrika zwischen Forschung, Handel und imperialer Expansion oszillierte. Richard Andree (1835-1912) gehörte zu den einflussreichen deutschen Geographen und Ethnographen seiner Zeit. Als Redakteur, Kartograph und Autor war er geübt darin, verstreute Reiseberichte, Missionsnachrichten und naturkundliche Beobachtungen kritisch zu ordnen. Seine Beschäftigung mit Ethnographie und vergleichender Kulturkunde erklärt das besondere Augenmerk auf Sprachen, Religionen, Sitten und politische Strukturen Abessiniens. Empfohlen sei dieses Werk Leserinnen und Lesern, die historische Afrikabilder nicht nur als Informationsquellen, sondern auch als Dokumente europäischer Wissensproduktion verstehen wollen. Es bietet eine dichte Einführung in die Region und lädt zugleich dazu ein, Andrees Kategorien, Wertungen und Quellenbewusstsein mit heutiger Forschung kritisch ins Gespräch zu bringen.