Die Ehefrau beginnt beinahe unauffällig und doch ist durch das Unbehagen der IchErzählerin Sylvia spürbar, dass das spontane Jobangebot von Adam Barnett vielleicht nicht der Glücksgriff ist, nachdem es klingt. Noch ist alles diffus und so bin ich gespannt, was Sylvias Job als Gesellschaftsdame für Adams pflegebedürftige Frau Victoria bereithält. Bereits hier ist mir klar, dass Sylvia jemand ist, der instinktiv handelt und helfen will, was den Kontrast zu ihrer späteren Leichtgläubigkeit verstärken wird.
Die Spannung ist am Anfang nur leicht in die Handlung eingewebt und obwohl die Geschichte zarte romantische Züge trägt, ist die Atmosphäre dezent angespannt. Ich lerne Sylvia besser kennen und auch das Haus, in dem die Familie Barnett lebt, sowie die Haushälterin und die Pflegekraft für Victoria. Über alldem schwebt die Frage, was für eine Frau Victoria wohl vor ihrem Unfall gewesen sein mag.
Recht zügig wird eine weitere Erzählperspektive eingeführt, und zwar in Form von Victorias Tagebuch. Auf Victorias Wunsch soll Sylvia das Buch lesen und der Blick in die Vergangenheit spiegelt den Spannungsaufbau in der Gegenwart. Am Anfang ist alles rosarot, doch Stück für Stück füttert mich die Autorin mit Details, sodass sich langsam ein anderes Bild zu ergeben scheint. Beide Perspektiven sind subjektiv gefärbt und lassen mich nur erahnen, was tatsächlich passiert, was hier und da für interessante Momente sorgt.
Doch was nun wie ein richtig guter Thrillerauftakt klingt, kann mich stellenweise nicht mitreißen. Viel zu offensichtliche Wendungen erzeugen nicht die Spannung, die ich mir wünsche. Hinzu kommt, dass ich es erschreckend finde, wie naiv Sylvia und Victoria teilweise charakterisiert werden. Manche Entscheidungen der Frauen kann ich einfach nicht nachvollziehen. Sylvia verdrängt lange Zeit die Wahrheit und verhält sich besonders zu Beginn extrem leichtgläubig. Dafür hat sie sich eine angenehme Herzenswärme und Menschlichkeit bewahrt, sodass sie mir sympathisch ist.
Zu Victoria hingegen fällt es mir schwer, eine Verbindung aufzubauen. Auch sie wirkt unbedarft und verschließt die Augen lange vor der Wahrheit, sodass ich mich frage, wie sie so blind in die Gefahr laufen kann. Ich schwanke zwischen Mitleid und Unglauben, weil beide sich stellenweise verhalten wie Figuren, die im Horrorfilm in den dunklen Keller gehen und Hallo rufen.
Freida McFadden verwebt in Die Ehefrau toxische Beziehungsmuster wie Gaslighting, Isolation und Kontrolle. Hinzu kommen Elemente von Täuschung und die Spiegelung von Vergangenheit und Gegenwart. Das alles sind super Zutaten für einen psychologisch perfiden Thriller, doch Die Ehefrau liest sich wie eine xbeliebige Geschichte. Die Vorhersehbarkeit ist ermüdend. Zugutehalten möchte ich den durchgängig flüssigen und anschaulichen Schreibstil, der mir eine schnelle Lesezeit ermöglicht. Die kurzen Kapitel sorgen zusätzlich dafür, dass sich Die Ehefrau dynamisch lesen lässt.
Erst im letzten Drittel möchte ich die Geschichte verschlingen. Kurz vorm Finale überschlagen sich die Plottwists und ich weiß nicht mehr, was ich noch glauben soll. Eine Spannungsspitze jagt die nächste und endlich habe ich das Gefühl, angekommen zu sein. Bis zur letzten Seite kann mich Die Ehefrau in Atem halten, während sich Stück für Stück die ganze Tragweite dieser Tragödie offenbart. Vielleicht wirkt dieser starke Umschwung auch deshalb so intensiv, weil der Mittelteil durch die hohe Vorhersehbarkeit und das unglaubwürdige Handeln der Figuren für mich eher schwach war.
Fazit:
Ein eher lockerer Thriller, der super für Einsteiger in das Genre geeignet ist. Für erfahrene Thrillerlesende ist es nicht mehr als ein literarischer Snack.