Dichter Templer-Auftakt mit meisterhafter Mittelalter-Atmosphäre. Braucht Geduld, belohnt aber mit epischem Sog.
Wir schreiben das Jahr 1293. Frankreich unter König Philipp dem Schönen. Ein Königreich mit glanzvoller Fassade, das aus allen Nähten platzt. Gefährliche Machtkämpfe zwischen Krone und Kirche, ein Königshaus, das dringend Geld braucht, und ein mächtiger Ritterorden, der einst zu Zeiten der Kreuzzüge gegründet wurde, um Pilger im Heiligen Land zu schützen, und der längst zu einer wirtschaftlichen und politischen Macht geworden ist: die Tempelritter. Daniel Wolf, bürgerlich Christoph Lode und einer der Fixsterne der deutschen historischen Romanliteratur, taucht mit diesem 895-Seiten-Epos in eine Zeit ein, die sich unaufhaltsam auf einen Umbruch zubewegt. Wir folgen einem Ensemble aus jungen Rittern und Knappen, Männern und Frauen des Templerordens, wandernden Goliarden sowie Höflingen und Kirchenmännern, die im Hintergrund die Fäden ziehen.Was diesen Roman trägt, ist eine dichte, erkennbar sorgfältige historische Recherche, die sich nicht in trockenen Info-Blöcken ausdrückt. Wolf verzichtet auf jene Passagen, in denen eine Figur einer anderen umständlich erklärt, wie eine Ritterrüstung aufgebaut ist. Stattdessen webt er das historische Wissen so organisch in die Handlung ein, dass man es fast beiläufig aufnimmt. Man erfährt, wie ein Templerhof organisiert war, welche Ränge es innerhalb des Ordens gab, wie sich politische Botschaften am Königshof verbreiteten, alles aus der Handlung heraus. Diese erzählerische Kunst ist im historischen Roman selten.Der zweite große Faktor ist die Atmosphäre, die einen komplett verschluckt. Wolf arbeitet konsequent mit allen Sinnen. Man hört das Klirren von Waffen auf Turnierplätzen, riecht den Rauch der Feuer in den Herbergen und das Wachs der Kerzen in den Kapellen, fühlt die Kälte der Klostergänge im Winter und die Schwere der Kettenhemden. Auch die spezifisch mittelalterliche Weltanschauung wird spürbar, ohne dass das Buch dabei predigend wird. Wolf zeigt Menschen als Kinder ihrer Zeit, nicht als moderne Personen in Kostümen.Besonders stark ist das Figurenensemble. Wolf arbeitet mit vielen Perspektiven, und jede Figur entwickelt sich, jede trägt Widersprüche in sich. Die jungen Ritter spürt man in ihrer Zerrissenheit zwischen Ideal und Realität, ausgebildet für eine Welt, die vielleicht bald nicht mehr existiert. Die Goliarden bringen mit ihrer spöttischen Außenseiterperspektive Humor und eine gewisse Anarchie in einen Roman, der ansonsten viel Ernstes zu tragen hat. Und die Frauenfiguren haben eigene Handlungsstränge, eigene Motive, eigene Kämpfe, keine Dekoration.Ehrlich gesagt braucht der Einstieg Geduld. Wolf nimmt sich viel Zeit, seine Welt aufzubauen, und die ersten hundertfünfzig Seiten können sich als anstrengend anfühlen. Das umfangreiche Figurenensemble hätte durch ein Namensregister oder eine Karte am Buchanfang gewonnen. Manche Nebenstränge werden aufgemacht und dann erst spät wieder aufgegriffen, was für einen Reihenauftakt zwar nachvollziehbar ist, aber im Einzelband gelegentlich das Gefühl hinterlässt, dass etwas offen bleibt. Auch die Kampfszenen sind solide, aber nicht spektakulär. Wolfs Schwerpunkt liegt klar auf Politik, Figurenentwicklung und Atmosphäre.Ein Highlight des Genrejahres 2024 für alle, die Lust auf großes historisches Erzählen haben. Wer die Fleury-Saga liebt, findet hier gewohnt hohes Niveau. Wer sonst Thriller oder Romance liest, sollte diesem Buch die ersten hundertfünfzig Seiten geben.