Ein ruhiger, berührender Roman über Sámi-Kinder, Identitätsverlust und die Folgen von Ausgrenzung, hat mich wütend gemacht, traurig gestimmt
Dieses Buch hat mich nicht nur gut unterhalten, sondern mir auch einiges beigebracht. Ich wusste vorher ehrlich gesagt kaum etwas über das indigene Volk der Sámi und darüber wie massiv sie in Nordskandinavien diskriminiert, ausgegrenzt und zur Assimilation gezwungen wurden.Der Roman spielt in den 1950er- und 1980er-Jahren in Schweden, und beim Lesen wird sehr deutlich, wie sehr man versucht hat, den Sámi ihre Sprache, ihre Kultur und ihre Identität zu nehmen. Und ich hatte oft das Gefühl: So schlimm es hier beschrieben wird, war es in Wirklichkeit vermutlich noch schlimmer.Im Mittelpunkt stehen fünf Kinder: Else-Maj, Jon-Ante, Marge, Anne-Risten und Nilsa. Else-Maj ist sieben Jahre alt, als sie ihr Zuhause im Sámi-Dorf verlassen muss, um ein sogenanntes Nomadeninternat zu besuchen, weit weg von ihrer Familie, ihren Rentieren und allem, was ihr Sicherheit gibt. Die Geschichte wird aus den Perspektiven dieser Kinder erzählt: einmal in den 1950ern, während ihrer Zeit im Internat, und dann rund 30 Jahre später, als Erwachsene, teils selbst Eltern.Die Zeit im Nomadeninternat ist kaum auszuhalten. Die Kinder verstehen nicht, warum sie ihre Familien verlassen müssen, warum sie plötzlich nicht mehr ihre Sprache sprechen dürfen. Sie werden erniedrigt, körperlich bestraft, ihrer Identität beraubt. Vieles hat mich stark an die Geschichten aus deutschen Kinderkurheimen dieser Zeit erinnert. Erwachsene, die ihre Macht an Kindern auslassen ist einfach schwer zu ertragen.Besonders eindrücklich fand ich, wie sich diese Erfahrungen ins Erwachsenenleben der Figuren ziehen. Da ist viel Schweigen, viel Verdrängen. Manche geben ihre Sprache nicht weiter, andere schämen sich für ihre Herkunft oder versuchen, sie zu verbergen, auch einigen Kindern ist es unangenehm. Bei Anne-Risten wird dieser innere Konflikt besonders spürbar. Bei Marge, der vom Jugendamt gesagt wird, ihre Tochter könne nicht zweisprachig aufwachsen, zeigt sich, wie tief diese Verletzungen und Unsicherheiten sitzt.Auch die Geschichte rund um die Erzieherin Anna löst sich nach und nach auf, da wurde ich wieder richtig wütend über all die Ungerechtigkeiten. Die Hausmutter Rita Olsson habe ich von Herzen verabscheut und mir mehrfach gewünscht, dass sie irgendwann zur Rechenschaft gezogen wird.Der Roman ist eher ruhig erzählt, mit einem starken Fokus auf Alltag, Beziehungen und innere Zustände. Es gibt ein paar Längen, die mich persönlich aber nicht gestört haben. Ich habe das Buch sowohl gelesen als auch gehört.Für mich ist "Die Zeit im Sommerlicht" ein berührender, wichtiger Roman mit authentischen Figuren, der Einblicke in ein Kapitel Geschichte gibt, über das viel zu wenig gesprochen wird. Ich hätte gut und gern noch mehr darüber gelesen.