
Was ist wirklich gerecht?
Georg Cremer, ehemaliger Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, nimmt in diesem Buch die gängigen Klagen über soziale Ungerechtigkeit in Deutschland unter die Lupe. Statt pauschaler Empörung bietet er eine faktenbasierte Einordnung und zeigt, wo Kritik berechtigt ist - und wo Mythen und Halbwahrheiten den Blick auf die Realität verstellen.
Fakten statt Empörung
Cremer stellt sich gegen den Trend zur Skandalisierung und bietet eine wohltuend sachliche Perspektive auf Themen wie Armut, Ungleichheit, Mittelschicht und Sozialleistungen. Dabei geht es nicht um Schönfärberei, sondern um eine ehrliche Bestandsaufnahme: Was läuft gut? Was muss besser werden?
Cremer liefert einen präzisen Faktencheck zu den zentralen Fragen der sozialen Gerechtigkeit in Deutschland. Dabei bleibt er nicht bei der Analyse stehen: Er liefert Anstöße für mehr soziale Gerechtigkeit - ohne dabei neue Schuldenberge aufzutürmen.
Mehr wissen, besser urteilen
Dieses Buch räumt auf mit weitverbreiteten Irrtümern über den deutschen Sozialstaat. Wer sich nicht mit einfachen Antworten zufriedengibt und politische Diskussionen mit Substanz führen möchte, findet hier eine fundierte Grundlage - jenseits von Stammtischparolen und Empörungsrhetorik.
Besprechung vom 16.02.2026
Fakten gegen die Dramatisierung
Ein Kontrapunkt zur üblichen Sozialstaatsdiskussion
Mit seinem Buch "Alles schrecklich ungerecht" will der ehemalige Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, Georg Cremer, die Diskussion um Reformen im Sozialstaat auf eine rationale Grundlage stellen. Dazu räumt er mit Mythen und Halbwahrheiten zum deutschen Sozialstaat auf. Er vermittelt so ganz nebenbei einen profunden Überblick über die soziale Sicherung in Deutschland. Unter der Überschrift "Unerfüllbare Erwartungen" rechnet Cremer mit unrealistischen Wahlkampfversprechen der SPD aus dem Jahr 2025 ab, um sich anschließend das Grundsatzprogramm der CDU vorzuknöpfen. Sozialverbänden wirft er eine Sprache der Dramatisierung vor und stellt fest: "Im Weltbild der Sozialverbände haben sie selber den Platz an der Seite des Guten fest gebucht."
Seine Nadelstiche sitzen, und sie tun weh. Dabei lässt Cremer niemanden aus. Er zeigt auf, wie auch Qualitätsmedien Halbwahrheiten transportieren und zweifelhafte, zu Studien hochgejubelte Telefonumfragen (Cremer nennt sie "Bullshitstudien") für bare Münze nehmen, ohne sie zu hinterfragen. Uns allen - Bürgerinnen und Bürgern dieses Staates - hält er den Spiel vor, wie wir in Umfragen zwar ein großes Herz für sozial Benachteiligte und Arme zeigen und uns dafür aussprechen, mehr für sie zu tun, dass unser soziales Herz aber deutlich schrumpft, wenn es um die Finanzierung geht: Diese wollen wir den "Reichen" überlassen, einer Gruppe, der man vermeintlich selbst nicht angehört. Kurz: Cremer legt sich mit allen an.
Zu Recht und mit sehr guten Argumenten. Er erkennt die Notwendigkeit des Gesetzgebers an, angesichts begrenzter Mittel Prioritäten zu setzen, auch im Sozialen. Dies geschieht jedoch noch nicht, sodass bei Sozialreformen der untere Rand der Gesellschaft oft leer ausgeht, während sich die breite Mitte, die es eigentlich nicht nötig hätte, besserstellt. Weshalb ist das so?
Eine Antwort hierauf sind Mythen und Halbwahrheiten, die, ohne hinterfragt zu werden, seit Jahren die Diskussionen um den Sozialstaat nicht nur begleiten, sondern auch oft dominieren. Cremer geht 22 davon nach. Indem er diese mit Fakten konfrontiert, zerfällt so manches vermeintlich in Stein gemeißelte Sozialstaatsnarrativ zu Staub. Auch ich, der Autor dieser Rezension, fühlte mich beim Lesen des Buches dabei ertappt, solche Mythen verbreitet oder zumindest an sie geglaubt zu haben. Hier können nur einige als Kostprobe dargestellt werden, verbunden mit der Hoffnung, dass wir alle, vor allem aber Vertreter der Sozial-, Wohlfahrts- und Lobbyverbände, Akteure der Medien und nicht zuletzt Sozialpolitiker, ihre Narrative, auch die vom Niedergang des Sozialstaats, kritisch überdenken.
Die Mythen "Die Mitte schrumpft und schrumpft", "Die Armen werden immer ärmer" und "Armut in einem reichen Land ist ein Skandal" gehen allesamt auf einen relativen Armutsbegriff zurück, der Armut an den Lebensverhältnissen der Mitte misst. Diesen hat die EU letztlich willkürlich festgesetzt, indem sie alle Personen als in Armutsrisiko lebend ansieht, wenn sie in Haushalten leben, deren verfügbares Einkommen niedriger ist als 60 Prozent des mittleren Einkommens, also jenes Einkommens, das die Bevölkerung in eine untere und eine obere Hälfte teilt. Diese Definition bezeichnet Cremer zu Recht als "Grundlage für eine verfestigte Skandalrhetorik" und "kommunikatives Chaos", weil die Definition nicht nur nicht hinterfragt wird, sondern Armut und Armutsrisiko schlicht gleichgesetzt werden.
Cremer widerlegt auch den Mythos "Umverteilung findet von unten nach oben statt", indem er an die Markteinkommen auf der einen und das nach Steuern und Beiträgen sowie Sozialtransfers verfügbare Einkommen auf der anderen Seite den Gini-Koeffizienten als Maß für Ungleichheit anlegt. Der Gini-Koeffizient weist bei den Markteinkommen mit 0,48 eine recht hohe Ungleichheit aus, während die verfügbaren Einkommen infolge des Steuer- und Transfersystems mit 0,269 weit weniger ungleich verteilt sind. Cremers Fazit: Es wird in erheblichem Umfang umverteilt, und zwar nicht von "unten nach oben, sondern von oben nach unten".
Ein anderer Mythos lautet "Arbeit lohnt sich nicht", Fakt aber ist, dass das verfügbare Einkommen mit Arbeit aufgrund geltender Anrechnungsregelungen immer höher ist als Bürgergeld ohne Arbeit; der Mythos hält sich nur deshalb, weil ein Mehrertrag von 3,85 Euro oder je nach "Hinzuverdienst" auch nur 1,28 Euro kaum als für Arbeit motivierend empfunden wird. Das Problem der sogenannten Transferentzugsrate rührt daher, dass mit dem Einkommen auch Steuern und Sozialabgaben steigen und zugleich Kinderzuschlag und Wohngeld sinken.
Weitere Mythen, denen Cremer nachgeht, sind zum Beispiel "Der Sozialstaat explodiert", "Der Sozialstaat wurde kaputtgespart" oder "Die Tafeln handeln dort, wo der Staat versagt". Mit Blick auf den Mythos "Immer mehr Rentner müssen arbeiten" plädiert Cremer dafür, dass die Renten nicht - wie derzeit - voll, sondern nur zu 20 Prozent auf die Grundsicherung im Alter angerechnet werden (Freibetragsregelung). Nicht nur im Hinblick auf diese Positionierung ist es ein Glücksfall für die anstehende Rentendiskussion, dass Cremer auf Vorschlag der SPD in die Rentenkommission berufen wurde. Ideologiegeprägte Reformvorstellungen dürften es mit ihm schwer haben. RAINER SCHLEGEL
Georg Cremer: Alles schrecklich ungerecht - Mythen, Halbwahrheiten, Fakten zum deutschen Sozialstaat, Herder, Freiburg 2025, 256 Seiten
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