leichter, unterhaltsamer Sommerroman, der einen kurzen, aber bestens recherchierten Einblick ins Familienleben der Manns gewährt
Ich habe mich schon mehrfach mit Werk und Leben des deutschen Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann beschäftigt. Nach "Wenn die Sonne untergeht" von Florian Illies ist "Thomas Mann macht Ferien" von Kerstin Holzer bereits das zweite Buch über ihn, das ich in diesem Sommer gelesen habe. Um es gleich vorwegzunehmen: Holzers Herangehensweise und ihre Darstellung Thomas Manns haben mir deutlich besser gefallen.Thomas Mann bot mit seinem langen Zögern, sich öffentlich und unmissverständlich gegen das nationalsozialistische Regime zu positionieren, durchaus Angriffsfläche. Während Florian Illies daraus jedoch beinahe eine Generalabrechnung mit der Person Thomas Mann macht und ihn als ewigen Zauderer zeichnet, der ohne die praktische Unterstützung seines Personals, seiner Frau Katia und seiner Tochter Erika im Alltag kaum lebensfähig gewesen wäre, begegnet man bei Kerstin Holzer einem wesentlich vielschichtigeren Menschen.Auch Holzer beschreibt Thomas Mann als äußerst empfindsam und antiautoritär - sowohl seinen Kindern als auch dem Familienhund gegenüber. Allerdings nicht aus pädagogischer Überzeugung, sondern vielmehr aus Unwissenheit. Er hat schlicht nie gelernt, wie man Kinder erzieht. Gleichzeitig zeigt sie ihn als einen Schriftsteller von beeindruckender Disziplin und Routine, der trotz aller persönlichen Unsicherheiten seine Arbeit mit großer Konsequenz verfolgt.Besonders gefallen haben mir die vielen kleinen, oft sehr witzigen Anekdoten, mit denen die Romanbiografie erzählt wird. Etwa das angespannte Verhältnis zu den wohlhabenden Schwiegereltern, deren häufige Besuche Thomas zwar über sich ergehen lässt, vermutlich aber auch deshalb, weil ihr Vermögen seinen gehobenen Lebensstil mitfinanziert. (Hedwig Pringsheim nennt ihren "Schwieger-Tommy" heimlich "einen rechten Pimperling".) Ebenso überzeugend schildert Holzer die Ehe zwischen Katia und Thomas Mann als große Liebesbeziehung. Trotz seiner homosexuellen Neigung wird deutlich, wie eng beide miteinander verbunden sind. Katia übernimmt den gesamten praktischen Alltag und schafft ihrem "Zauberer" den Freiraum, den er zum Schreiben benötigt.Allerdings muss ich zugeben, dass ich ein paar Kapitel gebraucht habe, um wirklich Gefallen an dem Buch zu finden. Anfangs erschien mir der lockere Plauderton fast schon zu leicht, um nicht zu sagen oberflächlich. Doch dieser Eindruck täuscht. Hinter der sommerlich-leichten Erzählweise steckt eine Autorin, die Wichtiges zu erzählen hat.Besonders interessant fand ich ihre Darstellung von Thomas Manns politischer Entwicklung in den Jahren der Weimarer Republik. Seine oft mühsame Suche nach einer politischen Haltung in der noch jungen Demokratie und sein Ringen mit den eigenen konservativen Überzeugungen wirken sich nicht nur auf sein öffentliches Auftreten aus, sondern verändern auch sein Verhältnis zu seiner Familie. Holzer zeigt überzeugend, dass dieser politische Umbruch zugleich ein privater war: Thomas Mann beginnt, sich stärker als Vater zu verstehen und entsprechend zu handeln, als dies noch während des Kaiserreichs der Fall gewesen war.Mein Fazit: Thomas Mann macht Ferien ist eine äußerst gelungene Romanbiografie. Sie liest sich angenehm leicht und eignet sich hervorragend als Sommerlektüre, bietet dabei aber weit mehr Substanz, als der lockere Erzählton zunächst vermuten lässt. Wer sich für Thomas Mann interessiert oder ihn jenseits der bekannten Klischees kennenlernen möchte, dem kann ich dieses Buch uneingeschränkt empfehlen.