Sarah Wynn-Williams, ehemalige Direktorin für Global Public Policy bei Facebook, legt mit diesem Buch eine der brisantesten Insider-Abrechnungen der Tech-Branche vor. Der englische Originaltitel Careless People wurde 2025 zum Bestseller und von der New York Times zu einem der besten Bücher des Jahres gekürt. Mark Zuckerberg und Meta versuchten, die Veröffentlichung zu verhindern - ohne Erfolg. Nun liegt das Werk endlich auf Deutsch vor.
Vom Idealismus zur Desillusionierung
Die Neuseeländerin kommt 2011 mit großen Erwartungen zu Facebook. Als ehemalige Diplomatin glaubt sie an die Mission des Unternehmens, die Welt offener und verbundener zu machen und demokratische Prozesse zu fördern. Schnell steigt sie in den engsten Führungskreis auf. Sie fliegt mit Zuckerberg und Sheryl Sandberg im Privatjet um die Welt, verhandelt mit Staatschefs und erlebt die schwindelerregende Macht des Konzerns hautnah.
Doch je länger sie dabei ist, desto klarer wird die Diskrepanz zwischen dem öffentlichen Image und der internen Realität. Wynn-Williams beschreibt eine Unternehmenskultur, in der Profit und Wachstum über allem stehen. Sie schildert, wie Facebook mit autoritären Regimen kooperiert, bei der Moderation von Hassrede (etwa im Kontext des Rohingya-Völkermords in Myanmar) versagt und politische Verantwortung systematisch abschiebt. Besonders eindrücklich sind die Passagen über die Reaktion der Führung auf Donald Trumps Wahlsieg 2016 sowie die Doppelmoral in Bezug auf Meinungsfreiheit und Zensur.
Persönlich, schonungslos und unterhaltsam
Was das Buch besonders macht, ist der persönliche, oft selbstironische Ton. Wynn-Williams erzählt nicht nur über Macht und Politik, sondern auch über die toxische Arbeitskultur, Sexismus und sexuelle Belästigung an der Spitze des Unternehmens. Sie erhebt schwere Vorwürfe, unter anderem gegen Sheryl Sandberg und andere Führungskräfte. Gleichzeitig reflektiert sie selbstkritisch ihre eigene Rolle und ihr langes Verweilen trotz wachsender Zweifel.
Der Stil ist reportageartig, lebendig und stelltweise fast wie ein Roman. Dialoge, interne Mails und persönliche Eindrücke machen die Lektüre zu einem Pageturner-trotz des ernsten Themas.
Stärken und Schwächen
Stärken:
Authentischer Blick hinter die Kulissen eines der mächtigsten Unternehmen der Welt
Spannende Mischung aus Memoir, Politikanalyse und Unternehmenskritik
Mutige und detaillierte Schilderungen
Schwächen:
Manche Kritiker bemängeln, dass die Autorin lange selbst Teil des Systems war und erst relativ spät die Konsequenzen zog
Stellenweise wirkt die Darstellung etwas dramatisch zugespitzt
Fazit
Mein Traumjob bei Facebook und wie ich alle meine Ideale verlor" ist ein wichtiges und beunruhigendes Buch. Es zeigt, was passiert, wenn unvorstellbare Macht in den Händen weniger sorgloser" Menschen liegt, die Verantwortung konsequent von sich weisen. Wer verstehen will, warum soziale Netzwerke heute so wirken, wie sie wirken - und welche strukturellen Probleme dahinterstecken -, kommt an diesem Buch kaum vorbei.
Empfehlenswert für alle, die sich für Big Tech, Macht, Demokratie und die Schattenseiten der digitalen Welt interessieren.
Unterhaltsam, schockierend und hochaktuell - eine Abrechnung, die nachhallt.