Ich schreibe diese Rezension aus einer ungewöhnlichen Perspektive:
Ich bin die Person, auf die sich ein Teil eines Kapitels (Paris Hilton und Nicole Richie Charlix cx & Lorde: Wir wollen keine Freund:innen wir wollen Zuschauer:innen) bezieht. Der Teil handelt von einer zerbrochenen Freundschaft zwischen der Autorin und einer langjährigen Freundin.
Zwischen der Autorin und mir gab es im letzten Jahr einen Konflikt. Ich war dadurch tief verletzt. Meine Reaktion darauf wiederum hat sie verletzt. Mehr möchte ich über den privaten Auslöser an dieser Stelle bewusst nicht sagen, weil er für meine eigentliche Kritik am Buch nicht entscheidend ist.
Worum es mir geht, ist etwas anderes:
Es muss einen klaren Unterschied geben zwischen so habe ich es empfunden und so war es.
Gefühle sind subjektiv. Interpretationen sind ebenfalls subjektiv. Ein konkreter Ablauf ist überprüfbar.
Im Buch wird sinngemäß dargestellt, die Autorin habe mehrfach versucht, mit mir über unseren Konflikt zu sprechen, doch sie wollte nicht.
Die Autorin hat durchaus mehrfach ein persönliches Gespräch vorgeschlagen. Ich habe ein Gespräch aber zu keinem Zeitpunkt grundsätzlich abgelehnt. Ich habe nie gesagt, dass ich nicht mit ihr sprechen möchte.
Ich erklärte, dass ich tief verletzt war und mich vor einem Treffen mit ihr zunächst emotional absichern wollte. Der Grund dafür war, dass ich meine Wunden zu der Zeit noch als frisch empfand und ein wenig Sorge, vielleicht sogar Angst hatte, vor einer weiteren Verletzung dieser Art. Ich fragte nach Sicherheit, die die Autorin als Bedingung für ein Treffen verstand. Für mich war es jedoch keine Bedingung im Sinne von wenn du X nicht erfüllst, dann treffe ich dich nicht!, sondern der Versuch, offen zu erklären, was ich brauchte, um mich bezüglich eines Treffens sicher genug zu fühlen.
Als sie meine Nachrichten später als Abschluss interpretierte und daraus schloss, ich wollte kein Gespräch, stellte ich ausdrücklich klar: Meine Nachrichten waren kein Abschluss.
Ich erklärte außerdem, dass ich wie bereits beschrieben vor einem Treffen Sicherheit und das Gefühl brauchte, in meiner Verletzung gesehen zu werden. Mehr wollte ich nicht.
Auf diese Klarstellung folgte nach unserem Chatverlauf keine weitere Antwort von ihr. Somit war diese Nachricht die letzte, die es meines Wissens nach von beiden Seiten zu unserem Konflikt und unserer Freundschaft gab.
Das ist für mich ein entscheidender Unterschied.
Ich hatte das Gefühl, sie wollte nicht mit mir sprechen wäre ihre persönliche Wahrnehmung.
Sie wollte nicht ist eine Aussage darüber, was tatsächlich passiert sein soll.
Und genau diese Grenze wird im Buch nicht sauber eingehalten.
Ähnlich problematisch finde ich die Darstellung meiner Social-Media-Reposts. Zunächst möchte ich klarstellen, dass die Autorin und ich uns bei Social Media nach der letzten Nachricht nicht mehr gefolgt sind. Ich wollte nicht, dass sie meine Inhalte weiterhin sieht.
Dass bestimmte Videos als Reposts geteilt habe, ist eine Tatsache. Dass diese Beiträge gezielt an die Autorin gerichtet gewesen seien oder als indirekte Kommunikation mit ihr gedacht waren, ist hingegen eine Interpretation meiner Absichten.
Genau so kann ich ihr ebenfalls nicht ankreiden etwas in meine Richtung gepostet zu haben, selbst, wenn ich davon überzeugt wäre.
Daraus abzuleiten, ich hätte über diese Beiträge bewusst mit ihr kommuniziert, geht über eine persönliche Wahrnehmung hinaus. Nur weil jemand einen Inhalt teilt, bedeutet das nicht automatisch, dass eine bestimmte Person gemeint ist. Die Autorin schreibt, dass diese Beiträge nur auf sie bezogen sein konnten, weil sie mein Leben angeblich so gut kannte, dass keine andere Person oder Situation infrage gekommen sei. Das ist wieder eine Annahme. Einen Menschen gut zu kennenbedeutet nicht, jeden Gedanken, jedes Gespräch, jede aktuelle Lebenssituation oder jede Bedeutung zu kennen.
Besonders irritierend fand ich zudem den Abschnitt über ChatGPT.
Dort wird sinngemäß die Frage aufgeworfen, ob ich mich durch die Nutzung von KI an Zustimmung oder Bestätigung gewöhnt hätte und deshalb mit realem Widerspruch oder einem echten Konflikt schlechter umgehen konnte. Auch das ist eine weitreichende Interpretation über meine inneren Prozesse, meine Entscheidungsfindung und letztlich auch meine Fähigkeit, selbstständig zu denken.
Die Autorin wusste nicht, wie und ob ich ChatGPT für diese Situation tatsächlich genutzt habe.
Sie wusste nicht, mit welchen anderen Menschen ich gesprochen habe. Sie wusste nicht, welche Perspektiven ich gehört und wie kritisch ich sie geprüft habe. Und sie wusste nicht, ob ich nicht vielleicht doch allein gedacht und gehandelt habe.
Rat einzuholen ob bei Freunden, KollegInnen, Therapie, Büchern oder durch KI bdeutet nicht automatisch, die eigene Autonomie oder Urteilskraft abzugeben.
Und ich halte es für Problematisch, einem anderen Menschen indirekt abzusprechen, selbstständig zu denken, nur, weil einem das Ergebnis der Überlegungen nicht gefällt.
Generell zieht sich durch dieses Kapitel für mich immer wieder dasselbe Problem: Aus Beobachtungen werden Deutungen und aus Deutungen entsteht teilweise der Eindruck von Tatsachen. Dabei kennt niemand einen anderen Menschen in-und auswendig. Man kennt Ausschnitte, gemeinsame Erfahrungen und was einem erzählt wurde. Aber man kennt nicht jeden Gedanken, jeden Einfluss oder jede Entscheidung, die außerhalb der eigenen Beziehung zu dieser Person stattgefunden hat. Gerade deshalb sollte man sehr vorsichtig damit sein, die innere Welt eines anderen Menschen als etwas darzustellen, das man vollständig verstanden habe.
Ich möchte dabei ausdrücklich fair bleiben:
Die Autorin hat sich in unserem damaligen privaten Austausch auf wiederholtes Bitten für bestimmte Dinge entschuldigt. Meine Kritik richtet sich deshalb nicht gegen ihre gesamte Erinnerung, ihre Gefühle oder ihr Recht, über ihre Erfahrung zu sprechen. Aber sobald etwas über einen realen Menschen veröffentlicht wird, muss sauber zwischen drei Dingen unterschieden werden: Gefühl, Interpretation und Tatsachen.
Wenn der dokumentierte Verlauf etwas ganz genau zeigt, selbst, wenn es nicht in die eigene Empfindung passt, dann sollte das auch berücksichtigt werden. Das gilt umso mehr, wenn man mit einer großen Öffentlichkeit spricht.
LeserInnen kennen die andere Person nicht. Sie kennen nur die veröffentlichte Darstellung. Sie können nicht automatisch wissen, welche Teile dokumentiert, welche subjektiv erlebt wurden und welche aus Interpretationen entstanden sind. Deshalb gehört zu öffentlichem Erzählen auch Verantwortung.
Ich möchte mit dieser Rezension niemanden auf eine Seite ziehen. Ich möchte auch keine alte Freundschaft öffentlich weiter austragen. Ich möchte lediglich festhalten, dass die veröffentlichte Darstellung an mehreren Stellen Dinge als eindeutig erscheinen lässt, die entweder nachweislich differenzierter waren oder auf Annahmen beruhen.
Jeder Mensch darf seine eigene Perspektive erzählen.
Aber eine Perspektive bleibt eine Perspektive.
So habe ich es empfunden und so war es sind nicht dasselbe.
Und wenn man über einen echten Menschen schreibt, sollte man diesen Unterschied verdammt ernst nehmen.
Mir ist diese (unglaublich lange) Klarstellung wichtig, weil es ein sehr schwieriges, ohnmächtiges Gefühl ist, wenn über einen selbst öffentlich eine Geschichte erzählt wird, während man selbst in dieser Erzählung keine Stimme hat. Gerade bei jemandem, dessen Content davon lebt, Narrativen zu hinterfragen, mehrere Perspektiven zu beleuchten und nicht vorschnell zu urteilen, hätte ich mir diese Sorgfalt auch in diesem Kontext gewünscht. Selbst, wenn es hier nicht um einen berühmen Celebrity geht, den man mag.
Ich wünsche der Autorin trotzdem alles Gute und hoffe, dass sie daraus mitnimmt, künftig noch klarer zu unterscheiden.
Da eine Sternebewertung erforderlich ist, um eine Rezension zu veröffentlichen, vergebe ich 5 Sterne. Diese Bewertung bezieht sich nicht auf den Inhalt des Buches; ich möchte die Gesamtbewertung nur nicht beeinflussen).