Atmosphärisch, bewegend und voller Leben ¿ ein großer italienischer Familienroman, der lange nachwirkt.
"Die Briefträgerin" von Francesca Giannone ist eines dieser Bücher, bei denen ich nach über 500 Seiten das Gefühl hatte, nicht nur eine Geschichte gelesen, sondern ein ganzes Leben begleitet zu haben.Der Roman führt ins süditalienische Lizzanello, wohin Anna Anfang der 1930er-Jahre mit ihrem Mann Carlo zieht. Als Frau aus dem Norden bleibt sie dort zunächst eine Außenseiterin - und entspricht auch sonst nicht unbedingt dem Frauenbild, das in dem kleinen Ort von ihr erwartet wird. Sie geht ihren eigenen Weg und wird schließlich Briefträgerin. Über mehr als zwei Jahrzehnte begleitet der Roman Anna, ihre Familie und die Menschen um sie herum und verwebt ihre persönlichen Geschichten mit den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen Italiens.Gerade diese Fülle hat mich unglaublich beeindruckt. Francesca Giannone bringt so viel Leben, so viele Beziehungen, Entscheidungen, Schicksalsschläge und Veränderungen zwischen zwei Buchdeckel, dass ich zwischendurch beinahe vergessen habe, dass ich "nur" gut 500 Seiten lese. Annas Leben ist bewegt und die verschiedenen Figuren und ihre Geschichten hängen teilweise eng miteinander zusammen. Deshalb lohnt es sich, aufmerksam zu lesen - manches Detail bekommt erst später eine größere Bedeutung.Trotz dieser Komplexität hat mich der Roman regelrecht in seine Geschichte hineingezogen. Besonders das italienische, mediterrane Flair hat für mich einen großen Teil seines Reizes ausgemacht. Ich konnte die Atmosphäre des süditalienischen Ortes beim Lesen förmlich spüren. Dadurch war "Die Briefträgerin" für mich eine wunderbare Sommerlektüre, obwohl die Geschichte selbst keineswegs nur leicht und sonnig ist.Denn gleichzeitig spannt der Roman einen großen historischen Bogen über die 1930er-, 40er- und 50er-Jahre. Faschismus, Krieg und gesellschaftlicher Wandel bleiben nicht bloße historische Kulisse, sondern wirken sich auf das Leben und die Entscheidungen der Menschen aus. Genau diese Verbindung zwischen persönlicher Familiengeschichte und Zeitgeschehen fand ich ausgesprochen gelungen.Noch faszinierender wurde das Buch für mich durch seinen realen Hintergrund. Francesca Giannone ließ sich von der Geschichte ihrer eigenen Urgroßmutter inspirieren, die in ihrem Heimatort zur Postbotin wurde. Auf diese Familiengeschichte stieß die Autorin durch eine alte Postkarte; daraus entwickelte sich schließlich die Idee für Anna und den Roman. Dieses Wissen gibt der Geschichte für mich im Nachhinein noch einmal eine ganz besondere Ebene.Vor allem Anna ist eine Figur, deren Lebensweg sich wunderbar verfolgen lässt. Ihre Stärke besteht für mich nicht darin, dass sie immer alles richtig macht, sondern darin, wie konsequent sie versucht, ihren eigenen Platz in einer Gesellschaft zu finden, die für Frauen sehr klare Vorstellungen vorgesehen hat. Gleichzeitig lebt das Buch von seinem großen Figurenensemble und davon, wie eng die unterschiedlichen Lebenswege über viele Jahre miteinander verwoben werden.Nach der letzten Seite war ich vor allem beeindruckt davon, wie viel Geschichte - im persönlichen wie im historischen Sinne - dieser Roman erzählt. Francesca Giannone verbindet Familiengeschichte, Zeitgeschehen und italienische Atmosphäre zu einem großen, lebendigen Gesellschaftsroman, der mich vollkommen in seine Welt gezogen hat und einen bleibenden Eindruck hinterlässt.Für mich eine absolute Leseempfehlung.