Es hat mich verfolgt, gepackt und zutiefst beeindruckt.
In einem verlassenen Haus starben in den 1970er-Jahren sieben Menschen. Seither darf es nichtmehr betreten werden, was besonders Kinder und Jugendliche reizt. Als Jessies Bruder eine Mutprobe wagt, kehrt er nicht mehr zurück.Christina Henry hat mich wieder mal voll erwischt. Ich weiß nie, was mich genau erwartet, wenn ich mir eines ihrer Bücher schnappe. Klar ist lediglich, dass es gut wird. Sie nimmt bekannte Horrormotive, dreht sie durch ihre eigene, oft verdammt böse Linse und macht daraus etwas völlig Eigenes. "Das gierige Haus" ist ein Paradebeispiel dafür. Gleich mit dem ersten Satz habe ich mich hineingesogen gefühlt.Wir sind im Chicago der 1970er-Jahre in einer Wohnstraße und hier wartet ein verfallenes Haus. Es ist der Ort für erste jugendliche Grenzüberschreitungen wie heimliche Küsschen, ein bisschen Alkohol oder Zigarettenkonsum, und mittendrin ist Jessie, die ihren kleinen Bruder in eine verhängnisvolle Mutprobe schickt.Der kleine Paul verschwindet spurlos und sein bester Freund kommt schwer gezeichnet zurück. Von da an ist nichts mehr, wie es war. Jessies Leben, ihre Familie, ihre ganze Welt werden von diesem Haus geprägt.An Henrys Stil gefällt mir die Nähe zu ihren Figuren. Man erlebt Jessies Jugend hautnah, mit all ihrer Orientierungslosigkeit, ihren kleinen Fehlern und ihrer Liebe zu Paul. Zur gleichen Zeit schleicht sich eine Bedrohung ein, die drückender kaum sein könnte. Das Haus selbst. Es beobachtet, wartet, wächst. Man spürt es in jeder Ecke der Geschichte, in den Details, in Momenten, in denen man selbst das Gefühl hat, angestarrt zu werden. Ich hatte beim Lesen mehrfach dieses leichte Kribbeln im Nacken, als ob ich beobachtet werden würde.Das Setting im Chicago der 1970er-Jahre ist meisterhaft gewählt. Es ist eine Zeit ohne ständige Erreichbarkeit, in der die Freiheit der Kinder in den Straßen grenzenlos scheint, was die Bedrohung durch das Haus noch isolierter und unheimlicher macht. Christina Henry fängt dieses nostalgische Vorstadt-Gefühl perfekt ein und lässt es langsam in einen Alptraum kippen. Dabei serviert sie uns keinen Slasher, obwohl manchmal schon das Blut spritzt, sondern eine dunkle Grausamkeit, die sich wie ein schleichendes Gift in die Realität der Wohngegend frisst.Jessie als Charakter fand ich schlicht großartig und überzeugend dargestellt. Vom verängstigten Mädchen zur aufmüpfigen Teenagerin, von dort zur erwachsenen Frau, die hinsieht, handelt und sich stellt. Ihre Entwicklung wirkte auf mich packend, nachvollziehbar und äußerst mitreißend. Ich habe mit ihr jede Phase durchlebt, jede Entscheidung mitgefühlt und jede Angst gespürt.Die Geschichte ist meiner Meinung nach phänomenal erzählt. Die Autorin lässt Jessie von ihrem Leben berichten. Ruhige Passagen, Rückblicke, plötzlich brutale Schocks. Alles sitzt perfekt. Dabei schreckt die Autorin nicht vor Gewalt zurück. Sie schreibt böse, unheimlich, und die Vorstellungskraft, mit der sie das Haus zum Leben erweckt, ist beeindruckend.Die Mischung aus Horror und Coming-of-Age hat mich fast umgehauen. Diese Kombination macht für mich den Kern der Geschichte aus. Jugend, Lebensfreude, erste Fehler und dann dieses unvergleichlich Böse, das alles überschattet. Ich war gefangen, fasziniert, manchmal geschockt und wollte nicht aufhören zu lesen.Ich bin komplett hin und weg. "Das gierige Haus" hat mich verfolgt, gepackt und zutiefst beeindruckt. Christina Henry zeigt einmal mehr, dass sie Horror neu denkt, Figuren leben lässt und eine düstere, spannende Geschichte erzählt, die einen nicht mehr loslässt.