Hat mich nicht überzeugt
Nach dem überraschenden Herz-Tod ihres Mannes Carl-Hermann Hansen wird seine Ehefrau Anna Hansen zur alleinigen Erbin des in die Jahre gekommenen Grand Hotels Meereskrone über der Ostsee sowie seiner Geschäfte. Die Familie ihres verstorbenen Mannes, allen voran dessen Bruder Friedrich neidet ihr das Erbe, obwohl sie eigentlich selbst genug Vermögen besitzen. Man will verhindern, dass Anna, deren Vater einst Betrügern aufgesessen ist und in die Pleite geschlittert ist, über das stattliche Vermögen verfügen kann und die Leitung des Hotels übernimmt. Nach Ansicht der hanseatischen Familie schickt sich Berufstätigkeit für eine Frau nicht. Nachdem Anna das Hotel besichtigt hat und gleich einmal alle jene, die nicht unter einer weiblichen Hotelleitung arbeiten wollen, entfernt hat, beginnt sie mit dem verbliebenen Personal, in der Mehrzahl Frauen, ihre Pläne für eine Neugestaltung in die Tat umzusetzen. Das Hotel soll in Zukunft nicht nur der High Society als Erholungsort dienen, sondern allen jenen, die sie benötigen. Es kommt wie es kommen muss. Zum einen bleiben zugesagte Gelder aus, Gerüchte entstehen und obwohl die Dorfbewohner von der einen oder anderen Änderung profitieren wird, legen sie sich quer. Schnell ist klar, dass ihre Schwäger die Finger im Spiel haben sowie vor Verleumdungen und einer gezielten Sabotage nicht zurückschrecken. Meine Meinung: Dieser Roman lässt sich schnell lesen, weil man doch wissen will, ob Anna mit dem Hotel Erfolg hat und ob sie - nein das verrate ich jetzt nicht. Allerdings ist der Schreibstil viel zu modern. Man kann Wörter wie "beratungsresistent" lesen und die Dienstboten parlieren in geschliffener Sprache. Zudem siezen sich um 1900 viele Eheleute und jedenfalls die Kinder ihre Eltern. Zu Dienstboten hat man ein Arbeitsverhältnis, aber keine Freundschaft. Dass Anna also ihren Mitarbeiterinnen gleich erlaubt, sie mit dem Vornamen anzusprechen und sich duzen lässt, klingt wenig plausibel. Zunächst ist sie trauernde Witwe, um dann nur wenig später buchstäblich die Ärmel aufzukrempeln und gleich Hand anzulegen, wenn es darum geht, den Boden zu schrubben. Nein, bei allem Respekt für eine ungewöhnliche Frau, das glaube ich nicht. Dass sie dann auch noch ein psychologisches Gutachten zu Johann, ihrem anderen Schwager, der sie vor versammelter Gesellschaft abkanzelt, abgibt, ist doch sehr, sehr weit hergeholt. Anna mag ja empathisch sein, aber in Johann das arme, zurück gesetzte Kind, das nun seines Vorbildes Carl-Hermann beraubt ist, zu sehen, passt überhaupt nicht in die Zeit und stört mich schon sehr. Daneben gibt es ein paar lose Fäden. Nur um einen zu nennen: Sie überlegt zwar, warum ausgerechnet der entmachtete stellvertretende Hoteldirektor weiter bei ihre arbeitet, frägt aber nicht bei ihm nach, sondern begnügt sich mit der vagen Aussage der Köchin, sie glaube, er hätte ein kranke Frau. Also, da hätte ich mir schon etwas mehr Engagement von Anna erwartet. Spätestens als er auf Seite der unzufriedenen Dorfbewohner zu finden ist, hätte es bei Anna klingeln müssen, dass er die Laus im Pelz ist, der für ihre Schwäger spioniert. Von einem historischen Roman um 1900 hätte ich mir schon ein wenig mehr Recherche und Authentizität erwartet. Fazit:Leider stören mich diese Unzulänglichkeiten im Schreibstil weshalb ich gerade einmal 3 Sterne für diesen historische Roman vergeben kann.