Ein perfektes Zuhause, ein liebevoller Ehemann, ein Kind und ein Leben, das auf Social Media wie aus dem Bilderbuch wirkt. Lea Graves scheint das Ideal einer Tradwife zu verkörpern. Doch als sie plötzlich verschwindet, macht sich ihre Schwester Paula aus Deutschland auf die Suche nach ihr. In der abgeschotteten Luxusgemeinschaft Sancta Familia stößt sie dabei auf eine Welt, in der hinter der makellosen Fassade längst nicht alles so ist, wie es scheint.
Meine Meinung
Vera Buck nimmt sich mit dem Tradwife-Trend ein hochaktuelles Thema vor und verwebt es mit einem spannenden Thriller. Dabei geht es um weit mehr als hübsch inszenierte Haushalte, selbst gebackenes Brot und vermeintlich freiwillige traditionelle Rollenbilder. Der Roman zeigt, wie patriarchale Machtverhältnisse als persönliche Entscheidung und weibliche Selbstbestimmung verkauft werden können und wie schnell aus dem Versprechen von Sicherheit Kontrolle wird.
Spannend fand ich, wie eine abgeschottete Gemeinschaft so funktioniert. Die Regeln, die soziale Dynamik und der Umgang mit Frauen, die sich nicht fügen, machen deutlich, wie sehr solche Strukturen von Anpassung, Abhängigkeit und gegenseitiger Kontrolle leben. Dazu passned habe ich folgende Stelle markiert: Ein Gesicht, das lächelt, ein Körper, der dient. (S. 181). Auch die Frage, wem geglaubt wird und wer für das eigene Schicksal verantwortlich gemacht wird, zieht sich durch die Geschichte. Das Private ist eben immer politisch.
Gleichzeitig ist "Keine Angst, Darling" vor allem eines: ein verdammt packender Thriller. Die Spannung hat mich von Beginn an mitgenommen, ich wollte das Buch kaum aus der Hand legen und war bis zum Schluss gefesselt. Auch das Ende hat für mich sehr gut funktioniert. Es greift einmal mehr die nicht immer deckungsgleichen Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit auf.
Besonders lesenswert fand ich außerdem das Nachwort. Es ordnet die behandelten Strukturen noch einmal ein und macht deutlich, dass hinter dem Versprechen von Geborgenheit mitunter etwas ganz anderes steckt: In beiden Fällen geht es um Strukturen, die Sicherheit versprechen und Kontrolle meinen. (S. 383384). Und auch optisch ist das Buch ein Hingucker: Das Cover und der farbige Buchschnitt machen einiges her.
Seit "Der dunkle Sommer" bin ich großer Fan von Vera Buck und auch mit ihrem zweiten Buch, das ich von ihr gelesen habe, hat sie mich wieder überzeugt. Ein spannender Thriller mit gesellschaftlicher Relevanz, der unterhält, zum Nachdenken anregt und noch eine Weile nachhallt. Große Leseempfehlung!
Werbung | Rezensionsexemplar Vielen Dank an NetGalley und den Verlag Bastei Lübbe für das digitale Rezensionsexemplar.