Zuerst verschwanden die Bienen, still, leise, ohne Aufhebens. Dann verschwand die Lebensgrundlage der Menschen. Dieses Ausgangsszenario hat die preisgekrönte walisische Autorin Caryl Lewis für ihren packenden Jugendroman Wenn die Bienen schweigen gewählt. Das außergewöhnliche Cover lässt offen, ob die darauf abgebildete Biene noch lebt.
Caryl Lewis siedelt ihr Buch in einer nicht näher bezeichneten Gegend nahe einer Stadt an. Dort werden in einem Lager Mädchen zwischen elf und sechzehn Jahren interniert. Ihre Aufgabe ist die Pflanzenbestäubung per Hand mit Pinseln. Schwere Arbeit, Hunger als Machtmittel und die Unterbindung jeder Individualität machen die Mädchen gefügig. Aber nicht alle. Jess, die eine andere, bessere Welt aus Erzählungen ihrer Mutter und einer alten Nachbarin kennt und die schon als Kind mit Hingabe malte, durchschaut die Manipulationen durch das System. Persönliche Freiheit ist undenkbar, gleichgültige Frauen, Mütter genannt, bewachen die Insassinnen, die brutal behandelt und gedemütigt werden, Tag und Nacht. Als Jess durch Glück einige Farbtuben erhält, ist sie entschlossen, dem Regime entgegenzutreten. Am nächsten Morgen zeigt ein Gemälde auf der Lagermauer eine offene Tür. Wird die Kunst die Kraft haben, Widerstand auszulösen?
Caryl Lewis lässt Jess als Ich-Erzählerin die brutale Härte des Lagers schildern. Sie beschreibt die psychischen und physischen Qualen, die Unterdrückung und die Heuchelei des Lagerleiters, der das herrschende Militärregime repräsentiert. Auch unter den Mädchen gibt es Mobbing und Verrat. Doch Jess hat eine Freundin, Kass. Lange glaubt Kass blind den Parolen des Regimes, aber als sie sich in ein anderes Mädchen, Deva, verliebt, erkennt sie seine grausame Härte. Wird die Kunst helfen, den Mädchen Hoffnung zu geben?
Wenn die Bienen schweigen ist ein Buch, das den Umweltaspekt betont, der aber nur noch im Hintergrund mitschwingt. Die Geschichte erzählt von Repression, bewaffneter Gewalt und dem Mut, dem Regime Paroli zu bieten. Die Themen sind ernst und düster: furchtbare Lebensbedingungen im Lager, aber auch bei den Menschen in der Stadt.
Besonders erschütternd ist das im Roman gezeichnete Frauenbild. Mädchen, die ihre Periode bekommen, werden zwangsverheiratet, unfruchtbare und ältere Frauen sind für die Gesellschaft nutzlos und werden gnadenlos ausgestoßen. Lewis ist überzeugt, dass in einer dystopischen Welt die Selbstbestimmung von Frauen in Gefahr ist. Weniger im Fokus stehen die jungen Männer, die vom Militärregime an die Waffen gezwungen werden. Doch auch hier blitzen manchmal Menschlichkeit und Hoffnung auf.
Wenn die Bienen schweigen erzählt eine spannende Geschichte über Freundschaft, Mut und die Fähigkeit, für Selbstbestimmung zu kämpfen. Der Roman wird ab vierzehn Jahren empfohlen und setzt der Freiheit, die auch in der Realität bitter erkämpft werden musste, ein Denkmal. Wo endet hier die Fiktion? Das Buch, das in einfühlsamer und poetischer Sprache Entsetzliches beschreibt, würde sich gut als Schullektüre eignen, um den Wert der Demokratie in den Fokus zu stellen. Wenn die Bienen schweigen ist eine aufrüttelnde und tiefgründige Erzählung über den Wunsch nach Freiheit und die Kraft und Schönheit der Kunst, die auch in scheinbar aussichtslosen Situationen Hoffnung gibt.