
Vollautomatisiert, supersmart . . . und tödlich. Aiki Miras visionärer SF-Thriller über die Zukunft unserer Städte.
In Frankfurt am Main sind Dank der ersten Krypto-Milliardärin Deutschlands Polizei, Transport und Stadtverwaltung privatisiert. Ein künstliches neuronales Netzwerk unterstützt alle Institutionen und ist auch Teil des Hirn-Stadt-Interface: implantierte Chips, die eine intuitive Interaktion mit Gebäuden, Straßen und Transportsystemen der Stadt ermöglichen. Das KNN sorgt für ein reibungsloses Funktionieren der Infrastruktur und das größtmögliche Glück aller Bürger. Als es zu Problemen kommt und ein obdachloser Teenager stirbt, machen sich eine Coderin und ein Bot auf die Suche nach der Ursache für seinen Tod. Sie stoßen auf Ungeheuerliches, doch bevor sie irgend jemandem davon erzählen können, schaltet sich das Militär ein . . .
»Dieses Buch ist ein sehr neuartiges Tier, das Ideen ausatmet, die wir bald brauchen werden. « Dietmar Dath
»'Denial of Service' ist eine literarische Droge - man sieht die Welt hinterher mit anderen Augen. « Andreas Eschbach
Besprechung vom 14.01.2026
Ich weiß nur, wir werden andere sein
Was kommt da auf uns zu? Aiki Mira, eine der interessantesten Stimmen deutschsprachiger Science-Fiction heute, findet Antworten zwischen (digitalem) Spiel und Ernst der Lage.
In wenigen Generationen wird das große Wasser als flach schläfrige Flut dauerhaft in Hamburg wohnen. Den hanseatischen Hausboothafen überragt ein Stadion, in dem computergestützter Sport frenetisch gefeiert wird. Das zieht die Massen her: "Mehr und mehr Menschen kommen an und wollen genau wie sie über die Landungsbrücken. Auch auf dem Wasser ist der Verkehr dicht. Hybridfahrzeuge überholen kleine Fähren und Dampfer. Die meisten fahren mit Schweröl und Dieselöl, Treibstoffe, die außerhalb von Deutschland längst verboten sind." Die Szene erhellt die Spielstätte des Romans "Neongrau. Game Over im Neurosubstrat" von Aiki Mira, erschienen 2022, dem im Jahr darauf ein weiterer, motivisch verwandter folgte, "Neurobiest", worin Berlin besucht wird, genauer: eine Gemeinschaft biotechnisch Beschlagener namens "Die Unerschütterlichen", die auf Dächern lebt: "Von hier oben sehen Sie, was Berlins Architektur so besonders macht: Chrom und Chlorophyll!"
Häuserfassaden sind da oft Wiesen, Balkone auch Nutzpflanzungen, und "ganze Wälder erheben sich von Flachdächern". 2025 erweiterte der Roman "Denial of Service" die Städtereise zur Trilogie: "Wie genau hat Frankfurt Sie angegriffen?", heißt hier die Hauptfrage. Die Antwort erläutert den Romantitel, eine städtische Dienstverweigerung: "Na, das habe ich doch gesagt, hören Sie nicht zu? Die Ampeln. Komplett falscher Rhythmus." Warum tut die Stadt so etwas, was ist mit dem künstlichen neuronalen Netz los, das sie steuert? Ihr Opfer glaubt: "Weil ich kurz zuvor auf Frankfurt und den Verkehr geschimpft habe, und je mehr ich schimpfte, desto schlimmer wurde es." Sie ist also beleidigt, diese "Kreatur aus Glas, Stein und modularer Architektur, KI-autonom und super-smart. Zweite Kryptohauptstadt des Planeten, aufstrebende Finanz-Supermacht", die "Metalle, Erze, Mineralien und Biomasse" frisst. "Nachts bildet sie zusammen mit anderen die größte Lichtergalaxie auf dem Globus, herrscht über Wasserzirkulation, Temperaturen, über Wind und Wolken. Ihre Emissionen verändern Atmosphäre und Wetter."
Die drei Bücher "Neongrau", "Neurobiest" und "Denial of Service" handeln nicht nur je von einer Stadt, sondern sind auch von so vielen Hoffnungen und Ängsten animiert wie eine. Redet man mit Aiki Mira über diese Bücher, tut sich eine Wunderwelt aufmerksamster Sprachsorgfalt auf - wenn der Kritiker etwa meint, ihm sei in "Neurobiest" ein Druckfehler aufgefallen, weil da einmal steht, die Berliner Lebenswelt sei "ein wilder Haufen, den Menschen auf der ganzen Welt als Heimat bezeichnen", und es nach Ansicht des Kritikers "aus der ganzen Welt" heißen müsste, erfährt er, nein, das sei "kein Druckfehler, sondern Erfahrung. Berlin ist für mich nicht nur Stadt, sondern auch Idee oder Betriebssystem: ständig Updates, nie stabil. Wir existieren in diesen Zwischenräumen, sind gleichzeitig Körper in Frankfurt und auf Servern in Singapur oder in Träumen in Berlin."
Der Kritiker versteht: Sprache kann Gebiete der Imagination, die kein Fuß je betreten wird, besetzen, befreien, bewohnen oder aufgeben. So lassen diese sich, um eine von Gilles Deleuze und Félix Guattari geprägte Begriffsordnung zu verwenden, aktiv de- und reterritorialisieren. Das ist leider nicht immer ein gewaltfreier Vorgang, jedenfalls nicht in der wirklichen Welt, etwa in Minneapolis, wenn autoritäre Politik im Namen verrückter Ideen der angeblichen Wiederherstellung einer romantisch-fiktiven Heimatkonstruktion die reale städtische Heimat unterschiedlichster Menschen von paramilitärischen Banden besetzen und terrorisieren lässt, weil die heterogenen städtischen Verhältnisse das lügenhafte Versprechen simpler Lösungen für alle Gegenwartsprobleme schon bei oberflächlichster Betrachtung entlarven.
Geht es wieder um "Lebensraum"? Um eine Haltung dazu - psychisch, sozial, politisch? Ein von Digitalkonzernen und Unterhaltungsimperien bei der Werbung häufig verwendetes Wort bietet anstelle so einer Haltung einen Zustand an wie im Mutterschoß: "Immersion". Allseitig von per KI visualisierter Phantasie umgeben zu sein, wäre das nicht schön?
Oft ist das Wort jetzt Deckname für etwas, das (mit einem Storytitel der Science-Fiction-Autorin und Neurowissenschaftlerin Arula Ratnakar) besser "Submergence" heißen würde - nicht das Eintauchen findet statt (aus dem man wieder auftauchen könnte), sondern das Untergehen, womöglich Ertrinken in Datenströmen. Wie entgeht man dem? Aiki Mira: "Meine Existenz hat mehrere Tabs offen, und das Internet war meine erste Großstadt. Heimat ist nie nur physisch, sondern immer auch imaginär, vernetzt, potentiell. Berlin als Ort, den Menschen überall 'auf' der Welt bewohnen, zeigt: Verwandtschaft ist Open Source."
Das bedeutet nicht, dass außerstädtische, ökonomisch abgedrängte bis verwaiste Regionen diesem Denken und Erzählen egal wären. "Denial of Service" spricht zum Beispiel davon, dass die Urbanität einer bestimmten Figur eine nicht urbane Vorgeschichte hat: Die Eltern haben "für globale Nahrungsräte und solidarische Landwirtschaft gekämpft", sind gescheitert, aber das, was sie wollten, lebt weiter. Denn "Science-Fiction ermöglicht mir", erläutert Aiki Mira, "Netzwerke zu konstruieren, die Stadt und Land durchziehen und beide Orte tragen. Solidarische Landwirtschaft könnte so etwas sein: ein dezentrales Netzwerk, wo Nachbarschaften in Mumbai über Frankfurter Gärten mitentscheiden, wo Ressourcen und Sorge zirkulieren statt akkumulieren."
Das Übel, dem damit gewehrt würde, wird sich nicht von rein konsumvermittelter Gutwilligkeit ("Ich kaufe nur fair gehandelte Nahrungsmittel") aufhalten lassen, und auch politischer Aktivismus könnte zu schwach sein, den destruktiven Kräften zu begegnen, mit denen die Menschheit gegen sich und andere Gattungen heute wütet - wenn nicht mit neuen Ideen gearbeitet wird, schöpferischen Erweiterungen des Denk- und damit Handlungsvermögens. Hier gehören Spekulationen wie die in "Neurobiest" hin, die von Organen handeln, die sich mehrere Wesen teilen (Inversion des Einfalls "organlose Körper" von Deleuze und Guattari, radikaler als die Kinovisionen von David Cronenberg oder Julia Ducournau). Auf so etwas kommt nur, wer bereit ist, mit Gesetzen (denen der Natur und anderen) zu spielen, statt ihnen nur zu gehorchen. Ein verwegen spielerischer Zug erzeugt in Aiki Miras Texten auch überraschende kulturpolitische Verbindungen zwischen dem noch Bevorstehenden und dem Jüngstvergangenen: Das (digitale) Spielewesen war (unter dem Etikett "Gamergate", als Streit um den Videospieljournalismus) 2014 ja der Ort, wo die Stimmungsverschiebung in Teilen der Netz- und Popkultur hin zu autoritären und "archäofuturistischen" (zu uralten Zwecken mit neuesten Mitteln gerüsteten) Antworten auf die gegenwärtige Polykrise sich zuerst bemerkbar machte, von der jetzt die mediale Seite des Trumpismus lebt (und potentiell Schlimmeres, etwa die antisemitische Hetze von Nick Fuentes und ähnlichen Ungeheuern).
Solche Orte sind allerwege zu erreichen, wenn man weiß, wie's geht. Literatur "aus" wie "auf" der ganzen Welt öffnet ihre Zugänge: Alyxandra Margaret Dellamonica (alias L. X. Beckett) tut das in Kanada, Olga Ravn in Dänemark, Alain Damasio in Frankreich, Quifan Chen in China. Sie alle stehen wie Aiki Mira gegen die blödsinnigen Entwürfe illiterater Big-Tech-Hasardeure, die Aiki Mira unbeeindruckt ins Visier nimmt: "Marskolonialismus, ewiges Leben, Privatstädte. Musk, Bezos, Thiel arbeiten an ihren persönlichen Fluchtphantasien. Autoritäre SF baut keine Zukunft, sondern ein Museum ihrer Macht. Mit Eintrittspreis. Ich möchte dieser Vision viele lebbare Zukünfte entgegensetzen: Körper, die nicht erobern, sondern sich verweben", inklusive "Wesen, die schon hier sind, auch die nicht-menschlichen." Im Roman "Titans Kinder" (2022), einer eher konventionell erzählten Weltraumgeschichte, formuliert Mira diese Ethik als Prophezeiung: "Ich weiß nur, wir werden andere sein." Im Gespräch kommen Ausführungsbestimmungen dazu - diese "anderen" sollten "autoritäre Welten wie die Privatstadt unterwandern, mit Glitches als Verweigerung des reibungslosen Tech-Utopismus". Die Unterwanderung führt auch in Archive. Deswegen hat Aiki Mira zusammen mit der Politikwissenschaftlerin Isabella Hermann ein paar Folgen lang die SWR-Audio-Science-Fiction-Bestandsaufnahme "Das war morgen" mit lebendig gebliebenen Hörspielen aus der Zeit seit 1968 kuratiert. Ein besseres Duo als diese beiden lässt sich dafür kaum denken - Herrmann hat ja in ihrer 2025 erschienenen Studie "Zukunft ohne Angst" über den gesellschaftlichen Wert von exakter Phantastik den Namen "Anti-Dystopie" für die jetzt nützlichste Form von Zukunftsfiktion vorgeschlagen. Keine naive Wunschwelt ist gemeint, sondern eine, die Pessimismus kennt, versteht und aufhebt. Das passt natürlich wunderbar zu Aiki Miras Gattungsneuerfindung "Endzeit-Utopie" als Genrename für den Roman "Proxi" (2024), der eine virtuell-phantomatische Topographie in derselben Tiefe erforscht, in der die Bücher "Neongrau", "Neurobiest" und "Denial of Service" echte Städte untersuchen.
Theoretische Arbeiten über derlei Virtualitäten gibt's inzwischen viele, von Daniel Martin Feiges "Computerspiele. Eine Ästhetik" bis hin zu akademischen Monographien über spezielle Spiele wie "Undertale" oder "Animal Crossing: New Horizons". Auch die kritische Zergliederung der affektiven Wirkweisen von KI-Bildsoße wird vielerorts vorangetrieben, beispielsweise vom Zürcher Bild- und Medienwissenschaftler Roland Meyer. Kritik und Wissenschaft allein reichen aber nicht, um eine realistische Perspektive zu erarbeiten, die den Menschen dabei helfen kann, sich die neuen Anbauten des Sozialen wohnlich zu machen. Bewegungsformen sind zu entwickeln: Rollenangebote, Exoskelette, die in der Praxis erprobt werden müssen - eine Erzählfrage, die Aiki Mira mit Respekt behandelt: "Meine Figuren machen oft Ghostwork - prekäre, unsichtbare Arbeit -, und ich versuche, ihnen Körper zurückzugeben. Queere, rassifizierte, nichtnormative Körper waren lange Geister in der Science-Fiction, ich will sie rematerialisieren."
Tatsächlich sind Aiki Miras Figuren (Dachleute, Kioskbetreiberinnen, Robotermädchen) zu aktiv, als dass ein Zeitungsartikel ihnen gerecht werden könnte. Der kann nur einladen, ihnen in den Büchern zu begegnen, wo sie leben, kämpfen, spielen - etwa das Computerspiel "Quanta II", das in mehreren Texten vorkommt. "Bei Quanta II", sagt die ungewöhnliche Intelligenz, die sie geschrieben hat, "kenne ich nicht alle Regeln, aber ich kenne das Gefühl beim Spielen. Das Game hat sich beim Schreiben selbst erfunden, und ich vertraue darauf, dass es sein eigenes Leben führt. Die Welten sind größer als die Erzählung, größer als meine Vorstellungskraft, und das soll so sein."
Mark Zuckerbergs "Meta"-Projekt war im harten und kalten Gegensatz zu dieser ludischen Freiheitsidee nur gerade so groß wie die langweilige Markenweltherrschaftserzählung, nach der Techriesen sich die Welt einrichten. Es sei, meint Aiki Mira dazu, schon "brutal funny, wenn jemand den kapitalistischen Albtraum aus einem Science-Fiction-Roman nachbaut, ohne Humor, ohne Upgrades", und dann erwarte, da werde jemand wohnen wollen.
Walter Benjamin hat in seinem Essay "Probleme der Sprachsoziologie" die implizite These, dass Sprache als transzendentales Möglichkeitsinstrument immer wieder über ihre soziale Mitteilungsfunktion hinausgreifen muss, weil sie andernfalls nicht einmal diese Mitteilungsfunktion erfüllen kann (angesichts heutiger Chatbots ein Gedanke von bestürzender Aktualität), mit einer Anekdote verbunden, die demonstriert, wie schwer die sprachliche Inbegriffnahme des Menschengemachten sein kann: Um 1900, so erzählt Benjamin, habe der Verband deutscher Ingenieure für den Fach- wie auch Volksbildungsgebrauch ein Wörterbuch der modernen Technik anlegen wollen. 1907 aber sei man auf der Grundlage des Erarbeiteten zu der Einsicht gelangt, dass das Projekt bis zu einem greifbar nützlichen Abschluss vermutlich weitere vierzig Jahre Mühe würde in Anspruch nehmen müssen.
Wir Menschen überblicken unsere Technik nicht mehr; sie existiert quer zu allen bürgerlich-modernen gesellschaftstheoretischen Lieblingsunterscheidungen wie "privat und öffentlich", "Pflicht und Neigung", "Erwartung und Präsenz".
Wenn wir verstehen wollen, was das bedeutet, müssen wir unsere Mittel an unseren Zwecken messen. Das verlangt von uns Fiktionen, die wissen, was sie träumen. Science-Fiction, die dies leistet, will nicht mit Elon Musk zum Mars fliehen, sondern bleibt hier, bei ihrer Sache, inmitten der technischen Welt. Im kommenden März erscheint bei Carcosa, einer ausgezeichneten jungen deutschen Adresse für Phantastik, ein Band mit Erzählungen von Aiki Mira genau dazu. Er heißt: "Deshalb kann ich nicht fort". DIETMAR DATH
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