Schwerer Beginn
"Auch am hellsten Tag" hat mich mit einem Gefühl zurückgelassen, das irgendwo zwischen berührt und ein wenig erschöpft liegt. Ali Kassemyar schreibt weiterhin mit dieser sanften, tiefen Emotionalität, die schon im ersten Band so viel getragen hat - und genau das macht es mir schwer, wirklich streng zu sein. Denn fühlen konnte ich hier sehr viel. Nur leider nicht immer das, was ich mir erhofft hatte.Der Einstieg war für mich überraschend schwer. Statt des erhofften Aufatmens nach all dem Schmerz aus Band 1 taucht die Geschichte noch einmal tief in Dunkelheit ein. Kieran wirkt diesmal fast erdrückend in seiner Schwermut, und auch Lioras Kleinstadt trägt plötzlich so viel Leid in sich, dass ich mich erst einmal durch diese Schwere hindurcharbeiten musste. Es fühlte sich an, als würde der Roman noch einmal alles aufreißen, was eigentlich schon heilen durfte.Was mich am meisten beschäftigt hat, war die Balance zwischen den Figuren. Obwohl beide Perspektiven vorhanden sind, rückt Liora stark in den Hintergrund. Ihre Entwicklung, ihre Familie, ihre eigenen Konflikte - all das tritt zurück, während Kieran fast die gesamte Bühne einnimmt. Seine innere Zerrissenheit ist nachvollziehbar und gut geschrieben, aber die Einseitigkeit lässt ihn stellenweise egoistischer wirken, als er vermutlich gemeint ist. Liora dagegen wartet, trägt, hält aus - und verliert dadurch ein wenig von ihrer eigenen Stimme.Dazu kommt, dass sich manche Wendungen so anfühlen, als wären sie eher aus Notwendigkeit entstanden, um die Geschichte auf Romanlänge zu bringen. Es gibt kleine Schlenker, zusätzliche Konflikte, neue Schattierungen von Leid - und nicht alles davon wirkte für mich organisch. Vieles hätte auch in einem einzigen, runden Band Platz gefunden.Und trotzdem: Es gibt diese Momente, in denen Kassemyars Stärke wieder voll durchscheint. Szenen, in denen Kieran mit Luke oder Chris spricht, die so nah, so ehrlich, so menschlich sind, dass man kaum anders kann, als mitzufühlen. Und das Ende - das ist wirklich schön. Warm, versöhnlich, passend. Ein Abschluss, der sich richtig anfühlt, auch wenn der Weg dorthin manchmal holprig war.Fazit: Ein emotionaler zweiter Band, der viel Herz hat, aber nicht immer die richtige Balance findet. Die Schwere zu Beginn, die starke Fokussierung auf Kieran und einige konstruiert wirkende Wendungen haben mich etwas auf Abstand gehalten. Doch die Figuren, die Atmosphäre und das runde Ende sorgen dafür, dass ich trotzdem mit einem warmen Gefühl zurückbleibe.