
Gibt es heute, 35 Jahre nach der Wiedervereinigung, noch immer so etwas wie eine »Ost-Identität«? Die Historikerin Annette Schuhmann fügt der intensiven Debatte darüber eine besondere Sichtweise hinzu und geht der Frage nach, wie »anders« die Frauen der DDR sind. Hierfür versammelt sie 13 unterschiedliche Porträts: Künstlerinnen, Arbeiterinnen, Wissenschaftlerinnen, Frauen, die in den Westen geflüchtet sind ebenso wie Frauen, die geblieben sind, nicht zuletzt Frauen der Nachwendegeneration. Auf spannende und zugleich tiefgründige Weise zeigt sie, wie Erfahrungen, Erinnerungen und Familienerzählungen nachwirken und welches Selbstverständnis aus der DDR-Sozialisation erwächst.
»Wir sind anders ist ein wichtiger Impulsgeber zur immer noch ausstehenden Aufarbeitung deutsch-deutscher Geschichte. « WDR Westart Lesen
Besprechung vom 15.06.2026
Gibt es die Ostfrau überhaupt?
Auch 35 Jahre nach dem Mauerfall bleibt die Frage nach einer ostdeutschen Identität aktuell. Die Historikerin Annette Schuhmann hat dreizehn Frauen aus dem Osten nach ihren Lebenswegen befragt.
Vor rund fünfzig Jahren fragte die Journalistin Maxie Wander erstmals, wie es um die Ostfrau steht. Was denkt, was fühlt sie, wie sieht sie auf ihr Leben, die Männer, die Gesellschaft? Christa Wolf schrieb im Vorwort von Wanders Buch "Guten Morgen, du Schöne": "Erst wenn Mann und Frau sich nicht mehr um den Wochenlohn streiten, um das Geld für eine Schwangerschaftsunterbrechung, darum, ob die Frau 'arbeiten gehn' darf und wer dann die Kinder versorgt; erst wenn die Frau für ihre Arbeit genauso bezahlt wird wie der Mann; wenn sie sich vor Gericht selbst vertritt; wenn sie, wenigstens in der öffentlichen Erziehung, als Mädchen nicht mehr auf 'Weiblichkeit' dressiert wird, als ledige Mutter nicht von der öffentlichen Meinung geächtet ist: erst dann beginnt sie, belangvolle Erfahrungen zu machen, die sie nicht allgemein, als menschliches Wesen weiblichen Geschlechts, sondern persönlich, als Individuum betreffen."
Wie es um die reale Entwicklung dieses Idealbilds stand, erforschte Wander 1977 in langen Gesprächen mit neunzehn Frauen in der DDR, die ganz offen mit ihr über Liebe, Sexualität und Politik sprachen. Von einer thesengestützten Vereinheitlichung dieser Erfahrungen wollte Wander nichts wissen, ihr ging es darum, ein möglichst breites Spektrum der Lebensrealitäten der DDR-Bürgerinnen einzufangen.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgte auch die Historikerin Annette Schuhmann für ihr Buch "Wir sind anders! Wie die DDR Frauen bis heute prägt", das im vergangenen Jahr bei Hoffmann und Campe erschien und nun ungekürzt in einer Hörbuchfassung vorliegt. Dreizehn Protokolle hat Schuhmann angefertigt, die Auswahl der Befragten dabei so divers wie möglich gehalten. Die älteste Befragte ist 1936 geboren, die jüngste 2001. Warum sie die Spanne der Geburtsjahrgänge so weit fasst, erklärt die Wissenschaftlerin, die am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam arbeitet, gleich zu Beginn: "Die ostdeutsche Frau ist nicht ihr Klischee. Sie ist kein Pin-up für ost- oder westdeutsche Heldinnenphantasien. Dennoch gibt es, jenseits aller Mythen und Stereotype, eine spezifische Signatur derjenigen Frauen, die in der DDR aufwuchsen, sich in ihr behaupteten und ihren Alltag lebten. Und da diese Frauen ihr Mentalitätsgepäck und ihre Erfahrungsmuster generationell weitertrugen, existiert die ostdeutsche Frau immer noch, selbst dann, wenn sie erst nach 1989 geboren wurde."
Ähnlich wie Wander erhebt auch Schuhmann keinen Anspruch darauf, "die Ostfrau" als solche zu erklären. Das stellt sie ebenfalls gleich zu Beginn ihres Buches klar: "Dies ist kein Buch über Identität, sondern eines, das von weiblichen Biographien mit einem ostdeutschen Hintergrund erzählt, von individuellen Frauen, die sich in Alter, Herkunft, finanziellen Bedingungen, ihrer Arbeit und ihrer Art, Freundschaften zu pflegen, unterscheiden."
Worum also geht es, wenn Identitätszuschreibungen hier explizit ausgeklammert werden sollen? Und wie ist Schuhmann überhaupt mit dem Thema in Berührung gekommen? Die Autorin begründet ihre Recherche mit einem persönlichen Erlebnis. Im Juli 1989 reiste sie mit zwei Koffern aus der DDR nach Westberlin aus. Zwei Jahre hatte sie darauf gewartet, dass ihr Antrag auf Ausreise genehmigt wurde. Dann verließ sie das Land wenige Wochen vor dem Mauerfall. Von der Voreingenommenheit gegenüber Ausreisenden bekam sie allerdings noch einiges mit.
Im Aufnahmelager Marienfelde musste sie "den Vertretern der Westalliierten" von ihrer Tätigkeit in der DDR berichten. Als ehemalige Operatorin für Großrechenanlagen befragte sie vor allem eine Britin besonders streng nach Informationen über Hard- und Software. Als sie sich nicht mehr genau an Programmsprachen erinnern konnte, musste sie sich rügen lassen und wurde "zur Kooperation" ermahnt. "Wenn die Geheimdienste darüber nicht Bescheid wussten, dachte ich, haben sie in ihrer Arbeitszeit so geschludert, wie es den Ostdeutschen oft vorgeworfen wird", konstatiert sie mit leichter Ironie.
Das Ankommen "im Westen" fiel ihr nicht leicht. Achtundzwanzig Jahre war sie alt und merkte schnell, dass ihr "die Codes der Kommunikation" im anderen Land fehlten. Ebenso "der mir 'bürgerlich' erscheinende Habitus, das Geld, vor allem aber die Selbstverständlichkeit, mit der sich 'die anderen' in ihrer Welt bewegten".
Besonders interessant ist hierbei, dass vor allem in den Biographien der jüngsten Befragten solche interkulturellen Brüche noch immer sichtbar sind. So erzählt etwa Lena, eine 1995 geborene Historikerin aus Potsdam, deren Eltern beide aus der DDR stammten und ihr "eine große Portion DDR-Prägung" mitgaben, dass sie sich immer wieder zu einer Positionsbestimmung in Sachen Ost/West aufgefordert fühle. Ein Umstand, den sie bei Menschen mit Westsozialisation nicht entdecke. Und selbst die Studentin Paula, die erst elf Jahre nach dem Mauerfall zur Welt kam, berichtet von Unterschieden, die sie bei Freunden und Bekannten wahrnehme, deren Aufwachsen nicht wie das ihre von Eltern und Großeltern aus dem Osten geprägt wurden. Wie verändert es die Sicht auf die Selbstverständlichkeit der arbeitstätigen Frau, wenn die eigene Großmutter immer wieder davon schwärmt, was sie als Traktoristin geleistet hat? Solche Fragen drängen sich bei der Lektüre ganz subtil auf.
Schuhmann hält die Gespräche in einem klaren, nüchternen Stil fest, formt das Erzählte jeweils zu einer kohärenten Geschichte, bei der sie sich wenig Wertungen des Gesagten herausnimmt und stattdessen lieber die Ansichten ihrer Interviewpartnerinnen stehen lässt, sodass sich die Leserschaft selbst ein Urteil bilden kann.
Jeder Interviewten ist ein Kapitel gewidmet. Drei Sprecherinnen teilen sich das Lesen des mehr als 360 Seiten umfassenden Sachbuchs: Dana Golombek von Senden, Astrid Kohrs und Antje Lewald sind neben der Hörbuchproduktion auch als Schauspielerinnen tätig. Entsprechend geben sie den verschiedenen Porträts viel Wärme und Einfühlungsvermögen mit. Zudem verfügen die drei über sehr unterschiedliche Stimmlagen, und da sie sich in jedem Kapitel abwechseln, erhält auch jede der vorgestellten Frauen einen eigenen Klang. Manchmal entsteht durch das Zusammenspiel von Schuhmanns Sprache und dem sensiblen Vorlesen gar der Eindruck, man höre Kurzgeschichten zu - nur mit dem Unterschied, dass diese Schicksale nicht fiktiv sind. Und das Leben jeder einzelnen Frau zum Nachdenken darüber anregt, wie Emanzipation sich im Laufe der Jahrzehnte in beiden deutschen Staaten entwickelt hat. MARIA WIESNER
Annette Schuhmann: "Wir sind anders!"
Gelesen von Astrid Kohrs, Antje Lewald u. a. Montalto Veritá Verlag, Berlin 2026. 633 Min., Download
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