
Besprechung vom 14.03.2026
Die Legende von Carla Göring und Carlo Göbbels
Im Benz nach Lissabon, garantiert frei von Kitsch: Stefan Gärtner feiert in seinem Roman letztlich die Wonnen der Gewöhnlichkeit.
Von Edo Reents
Als Stefan-Gärtner-Leser musste man gespannt sein: Weiß dieser Autor, der monatlich im Satiremagazin "Titanic" eine politisch-gesellschaftskritische Kolumne und in der nun leider nur noch online erscheinenden Zeitschrift "konkret" eine literaturkritische veröffentlicht, nicht nur alles besser, sondern kann es auch besser? Schreiben und kritisieren kann er wie wenige. Aber kann er auch erzählen?
Sein dritter Roman ist die reine Freude, ein Wunder an Humanität und Wärme, an Witz, Eleganz und Leichtigkeit, dabei - und das ist bei dem beruflichen Herkommen eine Überraschung - frei von Satire. Man hätte auch annehmen können, jemand, der über so strenge Maßstäbe verfügt, der sehr genau das Falsche, Schädliche oder einfach nur das Bieder-Langweilige im Denken und Schreiben der anderen ausmacht, müsste davon selbst ein wenig eingeschüchtert sein und Ladehemmungen haben.
"Hotel Drei Jahreszeiten" kündigt schon im Titel die Verortung im Unvollkommenen, vom Leben bereits Zurechtgestutzten an. Und tatsächlich wird in diesem Road Movie, das vier Individualisten, zwei Frauen und zwei Männer, in einen alten Mercedes verfrachtet und von Hannover nach Lissabon tuckern lässt, auf eine Weise halblang gemacht und jede Erwartung an Bedeutendes unterlaufen, dass man bald nicht mehr weiß, was man mehr bewundern soll - die erzählerische Genügsamkeit an der Gewöhnlichkeit oder die Fähigkeit, daraus Funken zu schlagen und darüber einen erzählerischen Schleier weher Melancholie, der Ein- und Nachsicht zu breiten, letztlich: die Wirklichkeit zu poetisieren.
Es wird oft festgehalten, dieser oder jener Erzähler "verrate" seine Figuren nicht, "führe sie nicht vor", "lasse ihnen ihre Würde". Gärtner würde sich an einer solchen Zuschreibung bestimmt stören. Doch ist sie hier nicht falsch. Freilich vollbringt dieser Roman noch mehr: Beobachtung und Beschreibung, das fledermausohrgenaue Abhorchen von Dialogen und das Erkunden innerer Regungen erproben sich an einem absolut durchschnittlichen Milieu und sind mit solcher Präzision und Feinfühligkeit vollbracht, dass der keineswegs rasante erzählerische Fluss fortlaufend etwas abwirft, das man als "Aphorismen zur Lebensweisheit" bezeichnen kann.
Dies ist der Titel von Arthur Schopenhauers wohl populärstem Werk, einer für sein eigentliches System wenig repräsentativen Schrift, sprichwörtlich geworden für eine Haltung, die das Leben und die Welt zwar ablehnt, aber trotzdem irgendwie durchkommen will oder muss. Gärtner kommt eher von Hegel, Marx und Adorno, hat sich aber auch mit Schopenhauer eingelassen und von ihm zu einer poetologischen Vorentscheidung anleiten lassen, die sein eigener Roman nun so mustergültig einlöst: "Aufgabe eines Romanschriftstellers ist es nicht, große Vorgänge zu schildern, sondern die kleinen interessant zu machen." Hannover - welche deutsche Großstadt gäbe für ein solches Vorhaben eine bessere Startrampe ab als dieser vermeintliche Inbegriff des eigenschaftslos Langweiligen? Dort wohnt Carla, eine Buchhändlerin von Anfang vierzig, die spät, aber immerhin ihren Nachbarn Kramer kennenlernt, einen vom Leben zerzausten Mann unbestimmten Alters, der ihr von einem alten Mercedes berichtet, mit dem er das Baujahr teilt - er ist also zwischen 1967 und 1976 geboren, denn in dieser Zeit wurden diese legendär kantigen, aber in SUV-Zeiten rührend zierlich und recht eigentlich zivil wirkenden Autos gebaut, Reihe W 115, wer es genau wissen will - und den sein Onkel Helmut ihm zu Lebzeiten vermacht oder vielmehr aufgenötigt hat. Carla, Nachname Göring, hat außerdem einen Brief aus Lissabon liegen, der aufgrund eines, wenn man so sagen darf, Namendrehers bei ihr gelandet ist und der eigentlich an einen gewissen, in derselben Straße wohnhaften Carlo Göbbels adressiert ist. Und weiter? Carla macht dessen Telefonnummer ausfindig und ruft an, "da hob schon jemand ab: ,Göbbels.' ,Göring.' Und Göbbels hängte ein; noch einer, der den Witz schon kannte." Man kommt dann doch zueinander, Carlo entschuldigt sich fürs Einhängen: ",Das tut mir leid. War ein Reflex. Wer heißt schon Göring.' ,Kann ja nicht jeder Göbbels heißen', kumpelte Carla zurück und musste sich beherrschen, kein Augenzwinkern anzufügen." Auf engstem Raum hat man hier schon Gärtners Mittel beisammen: die Treffsicherheit der Dialoge, den Sinn für Timing und Pointen; das Händchen dafür, auch abgegriffenem Wort- und Witzmaterial etwas Überraschendes, meistens auf einer anderen Ebene Angesiedeltes abzugewinnen; die Einblicke ins Bewusstsein und ins Seelenleben; sowie eine Sprödigkeit, die beim Anbahnen von Vertraulichkeiten und Intimitäten auf Abstand bleibt. Es stellt sich dann heraus, dass der Lissaboner Brief bei Carlo ein dringendes erotisches Anliegen befeuert, indem er Auskunft darüber gibt, wo er das Hotelzimmermädchen, auf das er urlaubend ein Auge geworfen hatte, finden kann, nämlich entweder in einem Lissaboner Hotel oder, wenn nicht dort, bei seinem, des Hotelzimmermädchens, Onkel.
Zusammen fährt man nach einigem ebenso umständlichen wie lustigen Geplänkel los in Kramers Mercedes und gabelt unterwegs noch die Belgierin Rosalie auf, die in Carlas Alter ist und ebenfalls meint, etwas Besseres als den Tod finde man überall. Aus welcher jeweiligen Motivlage sich die vier letztlich nach Portugal aufmachen, lässt der Erzähler ein wenig in der Schwebe - "beezettwee", wie es dann gesprächsweise immer für "beziehungsweise" heißt, tut dies die Erzählerin, Carlas mutmaßlich beste oder vielleicht auch nur einzige Freundin, die sich den Reisebericht intermittierend erstatten lässt und als Psychotherapeutin der Versuchung nicht widerstehen kann, zu allem ihren Senf dazuzugeben. Sie ist quasi das fünfte Rad am Wagen des alten Mercedes, der keinen TÜV mehr hat, seinen Dienst aber trotzdem nicht aufgibt.
Sie kommen dann auch tatsächlich an. Was dort, auf dem Weg dorthin und übrigens auch wieder zurück passiert, ist in einem genuin literarischen Sinn kaum der Rede wert; viel ist es nicht. Allerdings wird, wie es sich für einen Roman aus (dem Dunstkreis) der Neuen Frankfurter Schule aber auch gehört, reichlich gebechert und gequasselt, was das Zeug hält; man merkt auch hier, dass man es mit einem Frank-Schulz-Bewunderer zu tun hat. Der Ton ist nah am Alltag und heutig, bezieht also gegenwärtige, aus Film, Funk und Fernsehen übermittelte Ausdrucksweisen und Redensarten mit ein, jedoch nie ohne dass sie sich vor Gärtners sprachkritischer Empfindsamkeit zu bewähren hätten. So fällt, was nicht nur Leser des Essayisten Gärtner gern mitnehmen werden, allerlei Kulturkritik mit ab; das Gesagte und Gedachte wird einer fortlaufenden Prüfung unterzogen, aus der nicht nur das Romanpersonal etwas lernen kann.
Was wird aber aus den vieren, wer kriegt am Ende wen oder überhaupt jemanden? Eine gewisse wahlverwandtschaftliche Anordnung, inklusive chemischer Anziehungs- und Abstoßungsreaktionen, waltet hier zweifellos, aber ohne innere Hochspannung oder Tragik. Hier herrscht eher ein humoristisch-resignativer Geist nach Art von Jean Paul oder Wilhelm Raabe, der das Quartett schließlich in den Rang des Exemplarischen, Jedermannhaften erhebt. Und man hat, wenn Gärtner zum zauberhaft offenen Ende kommt, den Fall vor sich, dass hier ein erklärter Adornorianer (Adornit?) auf die Erkenntnis aus ist, dass es im falschen sehr wohl ein wenn auch nicht völlig richtiges, aber doch ein erträgliches Leben gibt. Darin und in der stets geübten Rücksicht auf Unzulängliches, Unerklärliches liegt die Menschlichkeit dieses so virtuos dem gewöhnlichen Leben abgeschauten Buches, das keinerlei erzieherischen Impuls hat.
Es passt, ungeachtet seiner klassischen erzählerischen Mittel und wahrscheinlich ohne dass sein Autor es darauf angelegt hätte, auch insofern gut in die Gegenwart, als es am Ende ein literarisches Problem aufwirft und selber löst: "Er, sagte Kramer, glaube ja und sage das besonders zu ihr, Carla, in ihrer Eigenschaft als Buchhändlerin, dass es in Büchern heutzutage deshalb so gern um früher und die eigene Kindheit und die Ostzone und derlei Weltbewegendes gehe, weil es da noch keine Handys gegeben habe. Wäre er Schriftsteller, er wüsste gar nicht, wie damit umgehen, dass heutzutage immer alle auf ihre Telefone guckten." Es gibt im Roman kein Indiz darauf, dass man es entweder bedauern oder gutheißen soll, dass dieser Kramer kein Schriftsteller ist. Dass aber sein Erfinder einer ist, ist angesichts dieses Glanzstücks gutzuheißen.
Stefan Gärtner: "Hotel Drei Jahreszeiten". Roman.
Literaturverlag Droschl, Graz 2026.
254 S., geb.
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