Eine fundierte Analyse
Man sollte glauben, das Thema "Erster Weltkrieg und wie es dazu kam" ist bereits hinreichend erforscht, zieren doch zahlreiche Laufmeter Sachbücher und/oder Romane die Regale von Buchhandlungen, Bibliotheken oder Lesenden. Weit gefehlt! Immer wieder gibt es noch Neues zu erfahren, denn einige Archive geben erst nach über 100 Jahren ihre Schätze preis. Zudem werden neben den bislang unbekannten Fakten die bereits bekannten zunehmend aus der Distanz der Jahre differenzierter betrachtet. Auch die Einschätzung der Ursachen haben sich quer über die damaligen Frontlinien angenähert. Ich selbst habe schon Dutzende Bücher über Ursachen des "Großen Kriegs" wie man ihn damals nannte, weil sich niemand einen weiteren, die ganze Welt umspannenden Krieg vorstellen konnte, gelesen. Christopher Clark beginnt seine Betrachtung und Bewertung dieses Krieges mit den Ereignissen in Serbien ab den 1870er-Jahren. Jener verhängnisvolle 29. Juli 1914, an dem Gavrilo Princip, den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie erschossen hat, ist für ihn quasi der Schlusspunkt einer Jahrzehnte langen Entwicklung. Clark führt nun die Ergebnisse seiner Recherchen und Erkenntnisse in folgenden Kapiteln zusammen: Teil I - Wege nach SarajevoKap. 1 Serbische SchreckgespensterKap. 2 Reich ohne EigenschaftenTeil II - Ein geteilter KontinentKap. 3 Die Polarisierung Europas (1887-1907)Kap. 4 Die vielen Stimmen der europäischen AußenpolitikKap. 5 Verwicklungen auf dem BalkanKap. 6 Die letzten Chancen: Entspannung und Gefahr (1912-1914)Teil III - KriseKap. 7 Mord in SarajevoKap. 8 Die Krise zieht immer weitere KreiseKap. 9 Die Franzosen in St. PetersburgKap. 10 Das UltimatumKap. 11 WarnschüsseKap. 12 Die letzten TageSchluss Dass es für Österreich-Ungar eine Frage der Ehre war, Serbien unter Druck zu setzen, ist verständlich. Das hätten andere Monarchien vermutlich ähnlich gehandhabt. Den Einfluss, den die eigenen Berater und die anderen europäischen Mächte auf den greisen Kaiser (Franz Joseph ist zu Kriegsbeginn 84 Jahre alt) hatten, ist wohl unterschätzt worden. Fakt ist, dass die Donaumonarchie und Serbien einem kaum lösbaren Konflikt gegenüber standen, die beide in ihrem Inneren zerrissen waren, was von den unterschiedlichen Gruppen mit ihren divergierenden Interessen und Machtspielen beeinflusst und ausgenutzt worden ist. Zahlreiche Eitelkeiten und Befindlichkeiten einiger weniger Personen tragen dazu bei, Millionen Menschen in den Tod zu schicken. Die Folgen sind bekannt: Man marschiert sehenden Auges in einem konzertierten Schritt in den Abgrund. Christopher Clarks knapp 900 Seiten umfassendes Werk beschreibt sehr umfangreich und detailliert, was sich den den Jahrzehnten vor 1914 in den Ministerien und Staatskanzleien der europäischen Mächte abgespielt hat. Wie Interessen Einzelner, persönliche Ressentiments und individuelles Machtstreben, absichtliche, wie unabsichtliche Fehlinterpretation in allen beteiligten Ländern zu einem Konflikt geführt haben, den in seiner Tragweite niemand vorhersehen konnte. Auch in den Generalstäben war man der Meinung "zu Weihnachten wieder zu Hause zu sein", eine Fehleinschätzung, die sich im Laufe der letzten Jahre mehrmals wiederholt hat. Fazit:Gerne gebe ich diesem Grundlagenwerk, das durch wissenschaftliche Details genauso überzeugt, wie durch seine klaren Analysen und Beschreibungen, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.