Vielschichtiger, als man meint
Also, damit habe ich jetzt nicht gerechnet! Zu diesem Buch habe ich viele Rezensionen gelesen und sie waren zum Teil sehr durchwachsen. Das Buch wäre sexuell zu sehr aufgeladen, phasenweise hätte es Längen und es sei vorhersehbar und unglaubwürdig. Also war ich gewappnet und dachte für ein Strandbuch wird es wohl reichen. Ich würde es ja schon gerne mögen, denn das Cover finde ich von der Farbgebung so schön. Und nun lest, was daraus für mich geworden ist:Agneta ist 49 und blass bis zur Unsichtbarkeit. Die Kinder sind aus dem Haus und lassen sich maximal noch Geld swishen, ihre Eltern leben ein privilegiertes Leben zwischen Golf und Bridge, gerne auch mal im Ausland. Und ihr Mann, Magnus ist dem Optimierungwahn verfallen. R kümmert sich in erster Linie um seine Hobbys und will diese zu Agnetas machen. Auch seine Ernährungsgewohnheiten, die absolut narzisstische Züge tragen, stülpt er seiner Frau über. Da sie sich nicht wehrt, merkt er nicht, dass sie einfach nur eins will - in Ruhe gelassen werden! Da sticht ihr eine Anzeige ins Auge. In der Provence wird eine Art Au-Pair gesucht, die sich um einen scheinbar hilfsbedürftigen Jungen kümmern soll. Dieser stellt sich dann aber als der demente Einar heraus, der ein sehr bewegtes und nicht immer einfaches Leben hatte. Noch ahnungslos, was da auf sie zukommt, bricht Agneta Hals über Kopf in das kleine Dorf in der Nähe von Avignon auf und vollzieht nach und nach eine Metamorphose.Ich habe dieses Buch geliebt! Es mag damit Zusammenhängen, dass ich in der gleichen Gegend Urlaub gemacht habe und die Atmosphäre nicht nur lesen, sondern auch live vor Ort spüren konnte. Doch das kann es natürlich nicht alleine sein. Der Autorin ist hier ein sehr vielschichtiger Unterhaltungroman gelungen. In Agneta steckt viel von dem, was Frauen Ende 40 fühlen. Sie sind für die Gesellschaft nicht mehr sichtbar. Sie kämpfen mit Übergewicht, Lustlosigkeit und einer mangelnden Libido (die hier noch mal eine ganz neue Interpretation erfährt) . Der Partner bestimmt ihr Leben, auch das ist keine Seltenheit in den Beziehungen, die Frauen in meiner Generation zu führen. Er wird es schon besser wissen, also macht man, was er sagt, ist konfliktscheu und verheimlicht dafür die ein oder andere Ausnahme.Auch die Darstellung von Sexualität im Alter insbesondere von Menschen, mit Demenz bekommt hier einen relativ authentischen Platz. Einar ist unglaublich gut gezeichnet. Er hat ein großes Herz und musste viel opfern, um seinen Weg gehen zu können. Dass er als queere Person, die sich den größten Teil seines Lebens körperlich ausleben durfte, aneckt kann ich nur bedingt verstehen. Es steckt so viel Lebensfreude in ihm. Gleichzeitig schwingt die Verzweiflung über den Verlust seines Partners und seines Gedächtnisses immer mit. Ja, es ist ein sehr körperliches Buch, aber auf einer Ebene, die ich tiefgründig und vor allem realistisch fand. Wir alle müssen uns schließlich mit dem zunehmenden Verfall unserer sterblichen Hülle auseinandersetzen und das Ausleben von Lust verändert sich mit der Zeit, ist aber ja nicht weg. Die Wege, die die Protagonisten dabei gehen, halte ich für relativ authentisch und die Beschreibungen Einars seiner doch sehr verwegenen Jahre mit Armand sind jetzt nichts, was mich schocken konnte. Den Teil mit Jacob und Agneta fand ich zuerst etwas skurril, doch ganzheitlich gesehen passt auch dieser Ausflug in die Fantasie ganz gut in die Geschichte.Die Beschreibung der Dorfgemeinschaft mag etwas zu harmonisch daherkommen. Die Nebenfiguren sind liebevoll gezeichnet und haben alle einen berechtigten Platz. Außerdem bieten Sie einen guten Ausgleich zu den Protagonisten mit ihren ganzen Problemen. Besonders Bonibelles kleines Geheimnis hat mich begeistert. Das ist mal was ganz anderes. Und die Atmosphäre eines kleinen Dorfes in Südfrankreich ist richtig gut gelungen.Ihr merkt, ich bin begeistert! Figurenzeichnung und -entwicklung, Plot, Kulisse und Vielschichtigkeit - alles ist meinem Empfinden nach gut komponiert, und das Ende konnte mich abholen. Das ist für die Menschen. In dieser Geschichte lebende Vorbilder gab, ist für mich das Tüpfelchen auf dem i. Dass dem Roman zu wenig Tiefgang unterstellt wird, verstehe ich nicht wirklich, mich hat er auf vielen Ebenen zum nachdenken und reflektieren angeregt.Also ein Highlight im Bereich der Unterhaltungromane für mich - wer hätte das gedacht?! Und Teil 2 ist schon bestellt!Ich empfehle das Buch also allen, die sich mit den oben genannten Themen gerne auseinandersetzen und ein stimmungsvolles und Buch lesen möchten, dass Zerstreuung verspricht und die schweren Dinge im Leben zu etwas Besonderem macht.