Das Geheimnis des Geigenbauers ist ein weiterer unglaublich bewegender, in seiner Relevanz überraschender Roman von Evie Woods, der uns erneut in eine Geschichte führt, die sich über Generationen hinweg erstreckt, Schicksale, die sich so nie gekreuzt hätten, verbindet und uns daran erinnert, dass es Hoffnung gibt. Gerechtigkeit. Magie. Im Fundbüro des Flughafens von Heathrow kann Devlin, einst selbst leidenschaftlicher Musiker, sich der Anziehung einer alten Geige nicht verwehren und steht plötzlich mit einer vermutlich gestohlenen, unsagbar wertvollen Violine vor der Tür seines ehemaligen Lehrers. Walter hat abgeschlossen, mit sich und seinem Dasein. Doch das Auftauchen von Devlin, sein mysteriöses Fundstück und seine wilde Geschichte katapultieren ihn zurück in das pure Leben. Erfüllen ihn mit längst vergessener Euphorie. Die Geige führt die beiden zu der Gutachterin Gabrielle. Wildings Kenntnisse über das filigrane Streichinstrument und ihre Kontakte könnten helfen, um der Herkunft der Violine und ihrem Wert näherzukommen. Gabrielle versucht händeringend, das Erbe ihres Vaters vor dem Ruin zu retten. Als ihr zwei Fremde eine Geige präsentieren, die sie gleichzeitig gestraft wie gesegnet mit musikalischer Finesse und Talent sofort in ihren Bann zieht und fasziniert, ist ihr Interesse geweckt. Dabei setzt die nüchterne, einsame Gutachterin sonst auf Kontrolle, versteckt ihre Gefühle hinter hohen, dichten Mauern. Zu vieles wurde ihr bereits durch ihre vermeintliche Berufung genommen. Was Walter, Gabrielle und Devlin nicht ahnen? Ihre gemeinsame detektivische Recherche führt sie an andere Orte, in ein turbulentes Abenteuer und endlich wieder näher zu sich selbst; trägt sie über ihre Ängste und Traumata hinweg und vermag es sogar, ihre Selbstzweifel zum Verstummen zu bringen. Das Geheimnis des Geigenbauers ist ein vielschichtiger Roman, dessen Komplexität sich Stück für Stück entfaltet und Zeit braucht, um tief, sehr tief zu treffen. Die anfänglich nicht zueinander passenden Stränge verlaufen mit voranschreitender Handlung gekonnt ineinander, verbinden sich zu einer ergreifenden Erzählung, die von seelischen Narben und Heilung spricht, von zweiten (Lebens)Chancen und einer immer währenden, nie gänzlich versiegten Hoffnung. Nachdem wir die Hauptakteure und ihre nahbaren, individuellen Probleme kennenlernten, verfolgen wir ihre erstarkende Dynamik, sehen, wie sie einander unbemerkt bereichern und ergänzen, sich wortlos helfen und verstehen. Dass Geheimnisse zwischen ihnen liegen, ein Hauch Misstrauen und Vorsicht, sich seichte Funken der Sehnsucht entzünden, gestaltet das sich entwickelnde Miteinander unerwartet aufregend. Alle drei Protagonisten kämpfen mit in der Vergangenheit geschlagenen, unsichtbaren Wunden, mit Schmerz; kämpfen mit sich selbst, mit allem, was verloren ging, und dem Laufe der Zeit. Die Suche nach Hinweisen auf die Herkunft der Geige, auf den Ursprung ihrer unbeschreiblichen Wirkung, ist intensiv und nicht hürdenfrei, scheint manches Mal hoffnungslos und wird von Tag zu Tag gefährlicher denn mit dem Besitz des Diebesgutes machen sich Walter, Gabrielle und Devlin zur Zielscheibe. Um dieses mysteriöse Musikinstrument sponn die Autorin ein Netz aus Lügen, Gräuel, Bedrohung und Mysterien, das letztlich für alle Beteiligten so viel offenbart: Erkenntnisse, Stärke, Mut und frische Perspektiven. Alte und neue Leidenschaften. Die eigene, verloren geglaubte Stimme. Freunde und Liebe Die eigentliche Geschichte, die der Geige, beginnt 1812, und so werden wir von der Gegenwart mehrfach zurückkatapultiert. In Tragik, Eifersucht und Neid, aber auch in große Gefühle Woods schafft es, mit ihren eindringlichen, nahezu poetischen Worten einem leblosen Gegenstand nicht nur eine tragende Rolle zuzuweisen, sondern ihm Lebendigkeit einzuhauchen. Das Geheimnis des Geigenbauers wurde wunderschön und malerisch geschrieben, stimmt nachdenklich. In keinem Moment versiegen Neugier, Charme oder die durchweg mitklingende subtile Spannung. Dicht nebeneinander schweben Melancholie und Zuversicht, Schwere und Humor. Es war erstaunlich, wie sich die Figuren im Verlauf, mit- und dank einander, veränderten, wie sie von pragmatischen Verbündeten zu Freunden und Vertrauten, wie wir zu einem Teil dieser besonderen Selbstfindung wurden. Was ich bei Evie Woods' Romanen, die stets einen gesellschaftskritischen Kern besitzen, immer wieder zu schätzen weiß, sind die feministischen Aspekte, die unbequemen Tatsachen, die aufgegriffenen Missstände und die Themenvielfalt, die oft genug Erkennen verursacht. Gänsehaut. In keiner ihrer Erzählungen steht die Romantik im Vordergrund, sondern Tragik und Trauer, gebrochene Charaktere, die erst noch erblühen müssen, der Wunsch nach Gerechtigkeit und Heilung. Abschließend lässt sich daher nur sagen, dass auch dieses Buch mehr zu bieten hat als lediglich eine herrliche Optik, dass dieses Buch so viel mehr enthält