Die Canterbury-Erzählungen entfalten in der Rahmenhandlung einer Pilgerreise zum Schrein des heiligen Thomas Becket ein vielstimmiges Panorama des spätmittelalterlichen England. Ritter, Priorin, Müller, Kaufmann, Weib von Bath und andere Figuren erzählen Geschichten, die höfische Romanze, Heiligenlegende, Schwank, Predigt und fabliau virtuos miteinander kontrastieren. Chaucers Stil verbindet gelehrte Anspielung mit volkssprachlicher Lebendigkeit; im Mittelenglischen erhebt er die Alltagssprache zu literarischer Kunst und stellt soziale Ordnung, Begehren, Frömmigkeit und Macht mit ironischer Präzision zur Prüfung. Geoffrey Chaucer, um 1343 geboren und 1400 gestorben, war Höfling, Diplomat, Zollbeamter und weitgereister Beobachter europäischer Kulturen. Seine Kenntnis französischer und italienischer Literatur, insbesondere Dantes, Petrarcas und Boccaccios, verband sich mit genauer Erfahrung der englischen Stände- und Verwaltungswelt. Diese Doppelperspektive erklärt die außergewöhnliche Spannweite des Werkes: Es ist zugleich gelehrt und populär, moralisch reflektiert und komisch entlarvend. Dieses Buch empfiehlt sich allen Leserinnen und Lesern, die den Ursprung der englischen Erzählkunst verstehen möchten. Es bietet keine bloße Sammlung alter Geschichten, sondern ein lebendiges Labor sozialer Stimmen, literarischer Formen und menschlicher Widersprüche, dessen Scharfsinn bis heute verblüfft.