Gottfried Kellers "Das Sinngedicht" ist ein kunstvoll komponierter Novellenzyklus des poetischen Realismus, der eine spielerische Versuchsanordnung in erzählerische Erkenntnis verwandelt. Der Naturforscher Reinhart verlässt sein Labor, um ein epigrammatisches Liebesproblem an der Wirklichkeit zu prüfen, und begegnet Lucie, mit der er in einen geistreich geführten Austausch von Geschichten eintritt. In der Rahmung, den Binnen erzählungen und der ironischen Reflexion über Liebe, Ehe, Geschlechterrollen und moralische Selbsttäuschung verbindet Keller psychologische Feinheit mit klassischer Formstrenge. Keller, 1819 in Zürich geboren, gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Erzählern des 19. Jahrhunderts. Seine Erfahrungen als gescheiterter Maler, politisch wacher Schweizer Demokrat und langjähriger Staatsschreiber schärften seinen Blick für das Verhältnis von Ideal und gesellschaftlicher Wirklichkeit. Auch seine philosophische Prägung durch den nachidealistischen Materialismus und seine skeptische Beobachtung bürgerlicher Lebensformen fließen in dieses Werk ein, das Leidenschaft nicht romantisch verklärt, sondern prüfend, humorvoll und ethisch ernst behandelt. Empfohlen sei "Das Sinngedicht" allen Leserinnen und Lesern, die erzählerische Raffinesse, intellektuellen Witz und menschliche Genauigkeit schätzen. Das Buch belohnt langsame Lektüre: Hinter seiner heiteren Oberfläche entfaltet sich eine souveräne Untersuchung darüber, wie Menschen einander erkennen, verkennen und dennoch lieben können.