Das Sinngedicht als Taschenbuch
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Das Sinngedicht

Novellen. Nachw. v. Louis Wiesmann. 'Reclam Universal-Bibliothek'.
Taschenbuch
Ein Naturwissenschaftler, so leitet Keller die Rahmenhandlung des "Sinngedichts" ein, überträgt seine berufliche Haltung des forschenden Experimentierens wahl- und glücklos auf die Begegnung mit dem weiblichen Geschlecht, ehe er sie in einem ebenso l … weiterlesen
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Das Sinngedicht als Taschenbuch

Produktdetails

Titel: Das Sinngedicht
Autor/en: Gottfried Keller

ISBN: 3150061938
EAN: 9783150061930
Novellen. Nachw. v. Louis Wiesmann.
'Reclam Universal-Bibliothek'.
Reclam Philipp Jun.

1986 - kartoniert - 328 Seiten

Beschreibung

Ein Naturwissenschaftler, so leitet Keller die Rahmenhandlung des "Sinngedichts" ein, überträgt seine berufliche Haltung des forschenden Experimentierens wahl- und glücklos auf die Begegnung mit dem weiblichen Geschlecht, ehe er sie in einem ebenso literarischen wie erotischen Dialog mit einer Frau von Geist und unerwarteter Selbständigkeit gründlich verlernen darf.

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel: Ein Naturforscher entdeckt ein Verfahren und reitet über Land, dasselbe zu prüfen - 2. Kapitel: Worin es zur einen Hälfte gelingt - 3. Kapitel: Worin es zur anderen Hälfte gelingt - 4.Kapitel: Worin ein Rückschritt vermieden wird - 5. Kapitel: Herr Reinhart beginnt die Tragweite seiner Unternehmung zu ahnen - 6. Kapitel: Worin eine Frage gestellt wird - 7. Kapitel: Von einer törichten Jungfrau - 8. Kapitel: Regine - 9. Kapitel: Die arme Baronin - 10. Kapitel: Der Geisterseher - 11. Kapitel: Don Correa - 12. Kapitel: Die Berlocken - 13. Kapitel: In welchem das Sinngedicht sich bewährt

Portrait

Gottfried Keller, 19. 7. 1819 Zürich - 15. 7. 1890 ebd.
K. wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Vater, ein Drechslermeister, starb 1824; seine Mutter ging 1826 eine zweite Ehe ein, die jedoch 1834 geschieden wurde. Im selben Jahr musste K. wegen eines Schülerstreichs die kantonale Industrieschule verlassen. Er ging als Lehrling zu einem Vedutenmaler, nahm Zeichenunterricht, las, dichtete und malte. 1840 ermöglichte ihm die Mutter das Studium an der Münchner Kunstakademie, das jedoch nicht zum Erfolg führte. Ende 1842 kehrte er nach Zürich zurück und fand Anschluss an die liberalen dt. Emigranten. Stipendien der Züricher Kantonalregierung und die Unterstützung der Mutter erlaubten K. 1848-49 Studien in Heidelberg, wo Ludwig Feuerbach und seine materialistische Philosophie großen Eindruck auf ihn machten, und einen längeren Aufenthalt in Berlin (1850-55). Hier entstanden bedeutende Prosawerke, während er mit seinen dramatischen Plänen scheiterte. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz lebte K. von 1855 bis 1861 ohne Einkommen bei seiner Mutter und seiner Schwester Regula. 1861 wurde er zum Ersten Stadtschreiber des Kantons Zürich gewählt, 1876 legte er das p ichtbewusst ausgeübte Amt nieder, um sich ausschließlich seinen literarischen Arbeiten zu widmen. Er schloss Freundschaft mit dem Maler Arnold Böcklin und unterhielt durch eine ausgedehnte Korrespondenz freundschaftlichen Verkehr mit P. Heyse und Th. Storm.

K. gehört mit seinen beiden Romanen und den meist zu Zyklen zusammengeschlossenen Novellen und anderen kleineren Erzählformen zu den großen Erzählern des bürgerlichen Realismus. Sein autobiographisch geprägter Roman Der grüne Heinrich, der in zwei Fassungen vorliegt, nimmt die Tradition des Bildungsromans auf, doch lässt die Bildungsgeschichte des Helden - eine Folge von Hoffnungen und Enttäuschungen - keine aufsteigende Tendenz erkennen. So verweigert die erste Fassung folgerichtig den Kompromiss zwischen gesellschaftlichen Forderungen und individueller Selbstverwirklichung in der Art des Wilhelm Meister, während sich die Zweitfassung mit ihrer versöhnlichen Schlussperspektive gesellschaftlichnützlicher Tätigkeit der Linie des Goetheschen Gattungsmodells nähert. Die große Spannweite seines Erzählens wird bereits in seinem ersten und bekanntesten seiner Zyklen sichtbar, den im ktiven Schweizer Ort Seldwyla angesiedelten Novellen, Märchen und Beispielgeschichten, die vom Grotesken zum Tragischen, vom Komisch-Heiteren zum Satirischen reichen. Ihre Einheit gewinnen sie durch den Keller-Ton (Th. Fontane) mit seiner vom Gegenständlichen ausgehenden Ausdrucksvielfalt, seinen unmerklichen Übergängen von arabeskenreicher Verspieltheit zu hintergründiger oder aggressiver Satire, seiner Ironie und seinem Humor. Weitere Facetten seiner Erzählkunst zeigen die erotisch-weltlichen Kontrafakturen und Parodien frömmelnder Legendenvorlagen in den Sieben Legenden, die in den Züricher Novellen nicht ohne pädagogische Absicht unternommenen Versuche, durch den Blick auf geschichtliche Beispiele den Wert bürgerlichen Gemeinsinns, zeitlos gültiger Ordnungen und wahrer Menschlichkeit sichtbar zu machen und die um die Antithese von Sein und Schein kreisenden Liebesgeschichten des Sinngedichts, bei dem der Rahmen selbst zur Novelle wird. K.s Distanzierung von der Entwicklung der Gegenwart, die bereits in der Hinwendung zur Geschichte in den Züricher Novellen deutlich geworden war, ndet ihre düstere Fortsetzung in seinem zweiten Roman, Martin Salander, einer Abrechnung mit dem gründerzeitlichen Kapitalismus und dem Schwindelgeist einer hohlen Fortschrittsideologie, die die alten demokratischen Ideale von 1848 aufgegeben hat und jeder moralischen und geschichtlichen Grundlage entbehrt. K.s Lyrik steht im Schatten des erzählerischen Werks. In den 40er-Jahren inspirierte ihn die politische Lyrik der Zeit (G. Herwegh, A. Grün); nach der Enttäuschung von 1848 trat dann die Naturlyrik in den Vordergrund, die im Begreifen der Schönheit und der Fülle der Erde auch die Religionskritik Feuerbachs re ektiert. Seine letzte Sammlung enthält an Neuem neben dem bekannten Abendlied v. a. K.s Fest- und Gelegenheitsdichtungen, mit denen sich K. am öffentlichen Leben seiner Heimat beteiligte.


In: Reclams Lexikon der deutschsprachigen Autoren. Von Volker Meid. 2., aktual. und erw. Aufl. Stuttgart: Reclam, 2006. (.) - © 2001, 2006 Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart.

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 06.10.1998

Gehorsam nur dem eigenen Atem
Europäische Ethnologie: Gottfried Kellers Novellenzyklus "Das Sinngedicht" / Von Gerhard Neumann

Seit Erich Auerbach in seinem legendären Buch "Mimesis" (1946) dem Provinzialismus der deutschen Realisten den weltläufigen Scharfblick eines Stendhal, Balzac und Flaubert oder gar die naturwissenschaftliche Präzision eines Zola entgegengestellt hatte, tat man sich schwer mit dem Wirklichkeitsgehalt der Romane des Preußen Theodor Fontane oder des Schweizers Gottfried Keller - allzu offensichtlich erschien in ihren Werken die Einschränkung des Blicks; sei es nun auf die Affären der oberen Stände einer "in der Decadence" befindlichen preußischen Sozietät, sei es auf das stille Glück im provinziellen Winkel eines schweizerischen Nirgendwo. Zur Korrektur des lange gültigen Fontane-Bildes ist anläßlich seines hundertsten Todestages viel gesagt worden. Nun kommt, wie gerufen, in ebendiesem Jahr, der erste von zweiunddreißig Bänden einer historisch-kritischen Gottfried-Keller-Ausgabe auf den Markt. Ist es die List der Vernunft, die dem Publikum an der Schwelle des einundzwanzigsten Jahrhunderts in diesem Auftaktband nicht den klassischen Bildungsroman des "Grünen Heinrich" in die Hände spielt, sondern den eher unbekannten Novellenzyklus "Das Sinngedicht"? Dem geneigten Leser jedenfalls, der inzwischen gelernt hat, das bildungsbürgerliche neunzehnte Jahrhundert mit kulturwissenschaftlich erweitertem Blick wahrzunehmen, könnte es bei neuerlicher Lektüre dieses Buches wie Schuppen von den Augen fallen: Nach Goethes "Faust", der das Erbe der Aufklärung angetreten hat, ist da ja, "Gott behüte!" (wie Thomas Mann eingeflochten hätte), nunmehr aus schweizerischem Feld ein veritabler Faust des neunzehnten Jahrhunderts zu besichtigen; ein skeptischer Faust freilich, melancholisch verwickelt in die modernste Naturwissenschaft, in Materialismus und Darwinismus, in Kolonialismus, Frauenemanzipation und Kulturschock-Erfahrung!

Dieser Novellenzyklus ist ein Lebenswerk im wahrsten Sinne des Wortes. Keller hat nicht weniger als dreißig Jahre an dem "Galatea"-Projekt, wie er es gelegentlich nannte, gearbeitet und es erst 1881, als eine Art Vermächtnis, publiziert. "Das Sinngedicht" enthält im doppelten Verständnis seines Titels, der von den Sinnen und von der Sinn-Gebung redet, eine Wahrnehmungsgeschichte der Moderne. Es ist eine Prognose auf die Welt des kommenden Jahrhunderts , in dem die materialistische Naturwissenschaft an die Stelle von Mythos, Vorbestimmung und Schicksal tritt.

Die Rahmenerzählung des Zyklus beginnt im Laboratorium des jungen Naturforschers Reinhart. Er hat seine Augen durch Mikroskopieren verdorben und plant eine "Augenkur" in der freien Natur, die ihm, dem beobachtenden Wissenschaftler, zugleich eine Frau fürs Leben bescheren soll. Mit Hilfe eines Buchorakels findet er - in den Epigrammen, den "Sinngedichten" des Barockdichters Friedrich von Logau - eine stategische Formel, die ihn auf seinem Weg durch die Welt geleiten und zur Partnerwahl führen wird: Wie willst du weiße Lilien zu roten Rosen machen?

Küß eine weiße Galathee: sie wird errötend lachen.

Auf solche Weise gerüstet, macht Reinhart sich auf die Suche nach einer Frau, die er durch einen Kuß zu beleben vermöchte. Dieses "Galatea-Projekt" steht im Zeichen einander widersprechender Handlungsmuster: des Darwinschen Gesetzes der "Zuchtwahl", worauf gleich im ersten Satz angespielt wird, und der mythischen Formel vom antiken Bildhauer Pygmalion, der sich in eine von ihm selbst geschaffene Marmorstatur verliebt, von der Liebesgöttin deren Belebung erbittet und die lebendig Gewordene zur Frau nimmt.

Nach einer Reihe von Reiseerlebnissen trifft Reinhart auf Lucie, eine junge Schöne, deren sprechender Name "Lux" ihm jenes Licht verheißt, das seine kranken Augen heilen könnte. Er bleibt in ihrer Nähe, beide erzählen Novellen, deren letzte dann in die Verlobung der beiden Liebenden Reinhart und Lucie münden. Nur eine der zehn eingeschobenen Partnerwahl-Geschichten macht dabei einen "Wahlherrn" zum Helden, vier Geschichten dagegen stehen im Zeichen einer "Damenwahl", die restlichen kommen einer solchen recht nahe.

Doch erzählt Keller nicht als Mythologe des Geschlechterverhältnisses; er erzählt beinahe als Naturwissenschaftler. Denn der ganze Zyklus des "Sinngedichts" ist nach dem Muster eines Experiments angelegt. Die Geschichten, die von den Figuren der Rahmenhandlung vorgetragen werden, sind Proben aufs Exempel der Partnerwahl und ihrer Bestimmung als biologisches oder kulturelles Ereignis; ablesbar am Erröten der Frau als Indiz der Verwandlung von Natur in Kultur. Nicht weniger als drei der erzählten Geschichten - es herrscht der Kolonialismus der Gründerzeit - spielen in Übersee oder nehmen doch Bezug darauf. In der Novelle "Don Correa" zum Beispiel ist es ein in Afrika kolonisierender Abenteurer, der die Eingeborene Zambo, die er als lebloses Objekt kennenlernt - sie dient ihrer Königin als "Stuhl" -, allmählich zum Leben erweckt und zu seiner Frau macht. Der glückliche Schluß, den Keller seiner Geschichte gibt, täuscht freilich über den Charakter solcher Belebung aus dem Fremden in das Eigene hinweg. Das letzte Gespräch zwischen Don Correa und Zambo, der inzwischen als "Maria" Getauften, findet auf dem Stern des Schiffes statt: ",Hat das Meer auch eine Seele und ist es auch frei?' fragte die Frau. ,Nein', antwortete Don Correa, ,es gehorcht nur dem Schöpfer und den Winden, die sein Atem sind! Nun aber sage mir Maria, wenn du ehedem deine Freiheit gekannt hättest, würdest du mir auch deine Hand gereicht haben?' ,Du fragst zu spät' erwiderte sie mit einem nicht unfeinen Lächeln, ,ich bin jetzt dein und kann nicht anders, wie das Meer!'" Unmißverständlich ist damit gesagt, daß die Kluft zwischen stummer Naturgesetzlichkeit und nur scheinbar geglückter Animation der kolonialen Natur sich nicht schließen läßt. Wenn Zambo vor ihrer Belebung dem Meer geglichen hatte, das nur der Triebgewalt der Natur gehorcht, so ist sie jetzt, mit dem Übertritt in die Kultur, als "Naturwesen" dem Kolonisator erst recht entglitten. War sie zunächst als regloses Objekt einer fremden Welt, als "Stuhl" erschienen, so macht die Taufe, die Beseelung mit dem Identitätswasser der neuen Kultur, sie zwar zur "Person", entrückt sie aber ihrem fremden Ursprung. Die Kluft zwischen Zuchtwahl und Wahlfreiheit bleibt ein dunkles Rätsel.

Auch eine zweite koloniale Geschichte, die den Titel "Die Berlocken" trägt, lebt aus der Konfrontation zweier Kulturen, der europäischen und der indianischen. Ein junger Adliger, der - mit dem europäischen Verhaltensmuster der "Herrenwahl" ausgestattet - im Heer Lafayettes nach Nordamerika gelangt, läuft dort in die Falle des Begegnungs-Schocks zwischen den Kulturen: Die Gaben, mit denen er die fremde Schönheit mit dem Namen "Libelle" zu gewinnen hofft, werden unversehens zu Trophäen an der Nase von deren indianischen Stammes-Verlobten. Der pygmalionische Blick zwischen Naturkind und Kolonisator produziert nicht einmal mehr die Fiktion eines pädagogisch erzielten Mündels. Die Indianerin verweigert sich dem Rollenkonzept des europäischen Geschlechtertheaters, indem sie dessen Inszenierungsregeln gar nicht erst zur Kenntnis nimmt. Der Europäer erliegt dem Irrtum seiner Projektionen.

Indem Lucie und Reinhart in Kellers "Sinngedicht" einander Geschichten über die Partnerwahl als Form kulturellen Umgangs erzählen, reihen sie Experimente aneinander, in denen es um die Beziehung zum anderen Geschlecht und zur fremden Kultur geht. Aber die Animation des andersgeschlechtlichen Gegenübers im Erzählen wird in Kellers "Sinngedicht" nicht, wie in so vielen anderen Geschichten des neunzehnten Jahrhunderts über fremdkulturelles Verstehen, umstandslos als Bewältigung oder gar Lösung des Problems präsentiert. Ganz am Ende, als die Liebesgeschichte zwischen Lucie und Reinhart schon zu Einverständnis und Verlobung geführt hat, begegnet den beiden bei einem Spaziergang das bedrohliche Fremde noch einmal: im Kampf ums Überleben zwischen einem Krebs und einer Schlange am Waldbach. Zwar gelingt es den Liebenden, die ineinander verbissenen Tiere zu trennen; aber nur für einen Augenblick: "Es erfreut uns", sagt Reinhart, "in dem allgemeinen Vertilgungskriege das einzelne für den Augenblick zu schützen, soweit unsere Macht und Laune reicht, während wir gierig mitessen müssen."

So erweist sich Gottfried Keller als ein Ethnologe der europäischen Kultur, ihrer Konstruktion von Geschlechterrollen, von Beziehungsformeln und Strategien der Fremderkennung. Sein "Sinngedicht" richtet sich auf einen Ordnungskonflikt, der in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts drängende Aktualität gewonnen hatte: auf den Konflikt zwischen einer universalen Naturordnung, die dem blinden Gesetz des Darwinismus zu gehorchen scheint, und einer im sozialen Pakt errichteten Kulturordnung, die sich literarisch tradierter mythischer Formeln als Handlungsmuster bedient. Deren eines ist die Geschichte von Pygmalion, die ihre exemplarische Geltung als Muster des Menschenverkehrs und der Partnerwahl im bürgerlichen Bildungssystem unangefochten behauptet. Indem Keller sein Experiment auf die "Herrenwahl" Pygmalions durchexerziert, fragt er zugleich nach den Einwirkungen des zivilisatorischen Prozesses auf die Formen und Strukturen des Erzählens. Mit anderen Worten: Keller wirft die Frage nach dem Realismus in der Literatur auf. Als poetologische Fallstudie errichtet das "Sinngedicht" über dem doppelten Strom natürlicher und kultureller Reproduktion, der das soziale Leben ausmacht, drei verschiedene sinnstiftende Konstrukte: die Ordnung des exakten Experiments, das im Geltungsbereich der Naturwissenschaft angesiedelt ist; die Ordnung mythischer Erzählungen, die wie die Pygmalion-Geschichte eine strategische Formel von Lebensgestaltung enthalten; und die Ordnung schöpferischer Fiktion, die, wie in den Novellen, die Reinhart und Lucie einander mitteilen, die freie Inszenierung von Lebensgeschichten und Sinnstiftungen ermöglicht.

Reinhart, der Naturforscher, der sich im Akt der Wahrnehmung die Augen verdirbt, wiederholt und verwandelt das Rollenmuster, das bereits Goethes Faust verkörpert hatte: den Versuch, eine Liebesgeschichte mit der Karriere eines Wissenschaftlers zu verbinden. Auch dem "neuen Faust" geht es um die Frage, ob man das Spurenlesen des Naturwissenschaftlers in die Konstruktion kultureller Bedeutung verwandeln kann. Es geht ihm um die Wahrnehmung der Welt und um die Wahrnehmung der Frau. Aber diese doppelte Wahrnehmung steht nun im Zeichen einer Fremdheit, die zwischen der Gesetzmäßigkeit der moralisch-kulturellen Welt einerseits und der "Erkundung des Stofflichen und Sinnlichen" samt dem darin wirksamen "Gesetz natürlicher Zuchtwahl" andererseits eine Lücke reißt; jene Lücke, in der die Wahrnehmung der Körpergestalt des anderen Menschen stattfindet: "und zwar nicht die Gestalt in ihren zerlegten Bestandteilen", wie Reinhart auf den ersten Seiten des "Sinngedichts" feststellt, "sondern als Ganzes, wie sie schön und lieblich anzusehen ist und wohllautende Worte hören läßt".

So stellt sich Reinhart die Frage nach der naturwissenschaftlichen Lebensordnung und nach jener Kulturordnung zugleich, deren Szenario aus der Konstellation von Pygmalion und Galathee herausgetrieben wird. Auf ebendiese Überkreuzung von Natur- und Kulturordnung scheint es Keller anzukommen: die problematische Wechselerschaffung der Geschlechter in einem zugleich biologischen und kulturellen Ereignis. Keller zeigt, wie in den Gründerjahren die Erhebung der Frau zur Ebenbürtigkeit innerhalb der Vorstellung einer pädagogischen Animation des weiblichen Versuchsobjekts erfolgt, und er entlarvt diesen bildungsbürgerlichen Pygmalionismus erbarmungslos.

Gottfried Kellers Version der Pygmalion-Erzählung nimmt im langen europäischen Prozeß der Metamorphose dieses Mythos eine besondere Stelle ein. Denn indem das "Sinngedicht" die mythische Figur des Pygmalion mit der des Naturwissenschaftlers Faust kreuzt, denkt es den Schöpfer von Kultur mit dem Beobachter der Natur zusammen. Kellers Materialismus ist nicht ohne Sympathie für die Idee der Herstellbarkeit des Menschen, wie sie die Aufklärung - in Gestalt eines Boureau-Deslandes oder der Automaten des Vaucanson - zu formulieren versuchte. Der Schweizer Autor zeigt sich ebensosehr von jenem melancholischen Fatalismus angezogen, der sich im Gefolge der darwinistischen Ideen und ihres Determinismus wahrnehmen läßt. Es führt eine - wenn auch gebrochene - Linie von der düsteren Utopie der Naturmanipulation, die Mary Shelley 1818 in ihrem "Frankenstein"-Roman entwarf, zu Bernard Shaws "Pygmalion" von 1913, jener satirischen Komödie der Sprachmanipulation, die einen "neuen Menschen" hervorzutreiben sich anmaßt. Zwischen beiden steht Keller, zumindest mit seinen späten Texten aus dem "Sinngedicht": der stumme Naturkörper hier, das elaborierte Spiel der Sprache dort - und zwischen beidem der seiner Erweckung durch Erröten harrende Torso einer griechischen Statue.

Man kann den Schweizer Herausgebern der Keller-Ausgabe nicht genug dafür danken, daß sie mit dem ersten Band ihrer Edition, der außer dem "Sinngedicht" auch die "Sieben Legenden" enthält, ihren Autor nicht als betulichen Erzähler, sondern als Ethnologen der Gründerzeit, als Kulturdiagnostiker und Kulturhermeneuten in den Blick rücken. Dies geschieht in einer "mediengerechten" Edition, die neben Varianten und Stellenkommentar, ethnographischen Quellen, die Keller ausgiebig zu Rate zog, und umfänglicher literaturhistorischer Dokumentation ihr Material - samt einer faksimilierten Handschrift - zugleich auch als CD-ROM präsentiert. Man liest Gottfried Keller mit anderen Augen.

Gottfried Keller: "Das Sinngedicht. Sieben Legenden". Sämtliche Werke, Band 7. Hrsg. von Walter Morgenthaler. 431 S., geb., 118,- DM.

Band 23.1 und 23.2: Apparatbände zu Band 7. 466 S. und 477 S., geb., 118,- DM. Alle im Stroemfeld Verlag, Frankfurt und Basel 1998. Subskriptionspreis je Band

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.

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