Die Schlafwandler (1930-32) entfaltet in drei Romanen-Pasenow oder die Romantik, Esch oder die Anarchie und Huguenau oder die Sachlichkeit-den Zerfall europäischer Wertordnungen von 1888 bis 1918. Broch verbindet psychologische Erzählkunst, Essay, Montage und philosophische Reflexion zu einer vielstimmigen Diagnose der Moderne. Zwischen wilhelminischer Offiziersethik, kleinbürgerlicher Sinnsuche und nüchterner Zweckrationalität zeigt der Text, wie Menschen in historischen Übergängen handeln, als träumten sie wach. Hermann Broch (1886-1951), aus einer Wiener jüdischen Industriellenfamilie stammend, gab die Leitung der väterlichen Textilfabrik auf, studierte Mathematik, Philosophie und Psychologie und wandte sich spät der Literatur zu. Die Erfahrungen der Habsburgermonarchie, der ökonomischen Modernisierung, des Ersten Weltkriegs und der politischen Radikalisierung prägten sein Denken. Sein Interesse an Erkenntnistheorie und Massenpsychologie erklärt die Verbindung von Romanform und kulturkritischer Analyse. Dieses Werk empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die den Roman nicht nur als Handlung, sondern als Instrument historischer Erkenntnis begreifen. Die Schlafwandler fordert Aufmerksamkeit, belohnt sie aber mit einer der schärfsten literarischen Untersuchungen von Moralverlust, Individualität und gesellschaftlicher Desintegration im 20. Jahrhundert.