
Zwischen 2001 und 2014 erschienen in Deutschland gleich mehrere Auto/Biografien überführter Hochstapler, begleitet von zahlreichen Zeitungsberichten, die Fälle und Figuren einordneten und verbreiteten. Zeitgleich befeuerten der männlich konnotierte Hochstapler sowie die Täuschung als kulturelle Figuren populäre Gesellschaftsdiagnosen und -kritiken. Inga Klein analysiert medientheatrale Fremdzuschreibungen und strategische Selbstpositionierungen mit Blick auf die Verflechtung von Etikettierungsprozessen, Wertzuschreibungen und Inszenierungshandeln. Damit wird Hochstapelei als medienkulturelle Figuration greifbar, die zwischen normativer Abweichung und Anerkennung sowie zwischen moralischer Problematisierung und Popularisierung oszilliert.
Besprechung vom 30.04.2026
Im Bann der Betrüger
Hochstapler legen nach ihrer Enttarnung mitunter eine zweite Karriere hin: Sie schreiben Autobiographien und vermarkten geschickt ihre eigene Geschichte. Auch die Medien beteiligen sich daran, so die Kulturwissenschaftlerin Inga Klein.
Frau Klein, unter den Betrügern gilt der Hochstapler als besonders raffiniert. Der Kriminologe Erich Wulffen, der 1923 das Buch "Die Psychologie des Hochstaplers" schrieb, nennt ihn "geistige Elite". Stimmen Sie dieser Aussage zu?
Nein. Es gibt für mich keine Hierarchie in der Geschicklichkeit oder Eleganz der Täuschung. Aber es ist eine Definition, die bis heute trägt und die man auch im Kontext der Zeit betrachten muss. Der Hochstapler galt und gilt als eine besondere Form des Kriminellen, weil er es schafft, eine moralische Ambivalenz für sich zu reklamieren.
Sie haben dem Phänomen nun ein eigenes Buch gewidmet, "Hochstapelei als medienkulturelle Figuration" (Transcript Verlag, Bielefeld 2026). Woher rührt Ihr Interesse an der Figur des Hochstaplers?
Bei der Vorbereitung einer Lehrveranstaltung bin ich auf einen Dokumentarfilm über Hochstapler gestoßen. Während ich ihn sah, ertappte ich mich bei dem Gedanken: Das hätte ich auch geglaubt - und musste sogar schmunzeln. Ein halbes Jahr später kam dann der Fall Karl-Theodor zu Guttenberg, und plötzlich war dieses Schmunzeln verschwunden. Ich fand es irritierend, dass zwei Fälle unter Hochstapelei verhandelt werden, ich aber völlig unterschiedlich darauf reagiere. Einmal amüsiert, einmal empört. Mich hat interessiert: Wie wird uns Hochstapelei eigentlich medial präsentiert? Und wie nehmen wir sie wahr?
Wie sind Sie bei Ihrer Recherche vorgegangen?
Reale Hochstapelei ist wissenschaftlich ja nur ex post zugänglich, also nach der Entdeckung. Ich habe also nach öffentlichen Selbstdarstellungen von überführten Hochstaplern und Hochstaplerinnen gesucht und bin auf mehrere Autobiographien gestoßen, die alle zwischen 2001 und 2014 erschienen sind. Parallel dazu habe ich die Presseberichterstattung der überregionalen Medien zu den Fällen qualitativ-inhaltsanalytisch untersucht. Das umfasst etwa den Zeitraum zwischen 1985 und 2015.
Haben Sie während Ihrer Arbeit eine eigene Definition der Hochstapelei entwickelt?
Für mich ist das zunächst ein mediales Etikett. Hochstapler ist also, wer als solcher bezeichnet wird, sowohl in der Fremdzuschreibung als auch in der Selbstbezeichnung. Entscheidend ist dabei weniger die konkrete Handlung, also ob es sich um Identitätsfälschung, Betrug oder sozialen Aufstieg durch Täuschung handelt.
Wulffen verhandelte in seinem Buch verschiedene Fälle, darunter den "Hauptmann von Köpenick". Auch in Ihrem Buch tauchen frühe Fälle auf wie Harry Domelas, der sich als Prinz Wilhelm von Preußen ausgab und als berühmtester Hochstapler der Weimarer Republik gilt.
Als eine erste Hochphase des medialen Interesses an Hochstapelei gelten die Jahrzehnte zwischen 1890 und den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts. Harry Domela ist es gelungen, einen vergleichsweise kurzen Zeitraum der Täuschung zu nutzen, um relativ lange davon zu profitieren. Die Presse reagierte damals begeistert. Es hieß unter anderem, die Lebensgeschichte Domelas sei ein Abenteuerroman, der an groteskem Humor und Eulenspiegel-Romantik alles bisher Dagewesene übertreffe. In Haft verfasste Domela seine Autobiographie ("Der falsche Prinz"). Sie diente später als Vorlage für eine Verfilmung, in der Domela selbst die Hauptrolle übernahm und die er in seinem eigenen Berliner Kino täglich mehrfach vorführte. Domela zeigt, wie es schon früh möglich war, aus dem eigenen Scheitern ein Geschäft zu machen - quasi ein Prototyp der Selbstvermarktung.
Auch spätere Hochstapler haben ihre Täuschungen in eine zweite Karriere überführt. Der Fall Gert Postel gehört zu den bekanntesten Beispielen: Ein gelernter Postbote, der jahrelang als Psychiater in leitender Position arbeitete.
Beim Fall Gert Postel lässt sich sehr gut beobachten, wie die Schattenseiten einer Figur ausgeblendet werden. In frühen Berichten über Gerichtsverfahren, noch vor seiner Zeit als Oberarzt, wird durchaus ein stark misogyn geprägter, manipulativer Charakter beschrieben, und der Tenor ist klar: Er dürfte aus dieser Geschichte eigentlich nicht unbeschadet hervorgehen. In späteren Darstellungen verschwinden diese Aspekte oft ganz. Die Journalistin und Autorin Peggy Parnass hat zum Beispiel 1985 einen Artikel über ihre Erfahrungen mit Postel geschrieben. Er hatte sie monatelang per Post und telefonisch kontaktiert und ihr seine Liebe erklärt, Tag und Nacht, auch unter falschen Identitäten. Sie recherchierte und fand gleich mehrere Frauen, bei denen Gert Postel ähnlich vorgegangen war. Parnass verglich ihn mit Heiratsschwindlern. Und sie kritisierte deutlich die Begeisterung der Presse für seine Person.
Der Fall Postel löst allerdings bei den meisten Menschen nach wie vor Amüsiertheit aus. Wie stark sind dafür die Medien verantwortlich?
Viele Erzählungen verdichten sich im Lauf der Zeit auf Kernelemente, die wiederholt werden. Und sie werden mit literarischen Figuren verwoben. Felix Krull ist dafür wohl das bekannteste Beispiel, und auch der fußt ja wiederum auf einer historischen Persönlichkeit. Der Literaturwissenschaftler Benedikt Scheper hat das als Diskurskarussell bezeichnet, also diese Frage, wie sich reale und fiktive Fälle und die Verarbeitung in Medien, aber auch in verschiedenen Diskursen gegenseitig verstärken und man insgesamt eine Melange hat, wo man gar nicht mehr genau weiß, was woher kommt. Dann entsteht eine gewisse Eintönigkeit und Einstimmigkeit. Das ist heikel, weil es auf die Erfolgsgeschichte der Hochstapler einzahlt. Die Berichterstattung über Hochstapler ist in vielen Teilen sehr unkritisch und betont das Unterhaltsame, Humoristische.
In einem Artikel der "Zeit" über den Finanzbetrüger Jürgen Harksen heißt es, er habe mit "Witz und Chuzpe" gehandelt, seine "Missetaten" umgebe "die Aura einer genialen Eulenspiegelei".
Es ist auffällig und hat mich überrascht, wie häufig Medien die Narrative der Hochstapler übernehmen. Diese Erzählmuster sind uns vertraut, sie sind literarisch erprobt und haben sich als wirkungsvoll erwiesen. Zitate aus diesem Artikel wurden sogar als Teil des Klappentextes auf Harksens Autobiographie gedruckt. Der erste Karriereweg des Hochstaplers ist die zunächst gelingende Täuschung. Der zweite, mediale Karriereweg ist erst nach der Enttarnung möglich. Die erfolgreiche Selbstvermarktung gelingt allerdings nur einem kleinen Prozentsatz. Diese wenigen sitzen dann in Talkshows, werden interviewt und legen eine Autobiographie vor.
Warum ist diese Gruppe so klein?
Ich denke, um diesen Weg einzuschlagen, braucht es eine gewisse Flexibilität im Unrechtsbewusstsein und ein spezielles Verhältnis zu Reue. Für den Hochstapler als faszinierende Figur ist öffentliche Reue auch gar nicht so wichtig. Er muss nicht bereuen, sondern er muss in der Lage sein, seine Täuschung als eine relationale Praxis zu verkaufen: indem er uns entweder den Spiegel vorhält oder ein System vorführt wie das der Psychiatrie, und wir als Publikum sollen dankbar für dieses Augenöffnen sein. Solche Hochstapler feiern ihre Betrügereien als Triumph über Habgier, Einfalt oder Snobismus.
Wie werden die Opfer in den autobiographischen Erzählungen eines Gert Postel oder Jürgen Harksen dargestellt?
Die Betroffenen der Täuschung werden systematisch abgewertet und diskreditiert, als einfältig, naiv, habgierig, eitel, egozentrisch oder snobistisch. Jürgen Harksen etwa inszeniert sich selbst als eine Art Robin-Hood-Figur und liefert damit zugleich den Schlüssel für eine wohlwollende, beinahe empathische Rezeption. Für die Leserinnen und Leser hat diese Darstellung eine entlastende Funktion: Sie ermöglicht eine klare Abgrenzung. Die Opfer erscheinen als diejenigen, die gegen bestimmte Regeln verstoßen haben. Darin liegt eine Form der stillen Rückversicherung. Wer nicht leichtgläubig ist, nicht gierig, nicht eitel, so die implizite Botschaft, bleibt geschützt.
Was ist beim Lesen der Autobiographien noch aufgefallen?
Das Narrativ der unterprivilegierten Herkunft ist ein Motiv, das in den von mir untersuchten Quellen deutlich hervortritt. Immer wieder werden Erfahrungen von sozialer Exklusion betont. Oft in einer Weise, die beinahe eine eigene Handlungslogik entfaltet, als habe man diesen Weg einschlagen müssen, um sich daraus zu befreien. Für die Rezipienten bleibt diese Erzählung zumindest in Teilen nachvollziehbar, weil sie eine scheinbare Erklärung für das Handeln liefert: "Schwierige" Kindheitsverhältnisse legitimieren abweichendes Verhalten als Erwachsene.
Setzt sich die Faszination für die Täuschung auch vor Gericht fort?
Ich habe keine Gerichtsakten oder Protokolle systematisch ausgewertet, sondern nur einzelne Gerichtsreportagen. In vielen davon bleiben ein humoristischer Ton und die Faszination für die Täuschung wirksam. Selbst wenn die Urteile dem nicht folgen, zeigt sich doch, dass diese Erzählmuster auch im Gerichtssaal eine Rolle spielen. Die Lächerlichmachung der Betroffenen - nicht selten von Anwaltsseite - trägt ebenfalls dazu bei. Ein besonders interessanter Punkt war für mich der Fall Jürgen Harksen. Allein die Ankündigung, seine Memoiren zu veröffentlichen, wirkte wohl strafmildernd. Die Idee eines öffentlichen Bereuens wird damit Teil der juristischen Verhandlung.
Autobiographien von weiblichen Hochstaplern scheint es keine zu geben, oder?
Es gibt zumindest deutlich weniger als von männlichen Hochstaplern. Die Frauen, ohnehin in der Minderheit, verschwinden quasi nach ihrer Enttarnung, sind öffentlich nicht mehr sichtbar. Das ist ein Punkt, den ich bemerkenswert finde. Vielleicht ist es so, dass wir gesellschaftlich noch immer eher bereit sind, uns von Männern die Welt erklären zu lassen als von Frauen.
Es gibt aber einen bekannten jüngeren Fall weiblicher Hochstapelei: Anna Sorokin, die sich als reiche Erbin ausgab und die New Yorker High Society hinters Licht führte. Über sie wurde sogar eine Netflix-Serie gedreht.
Ja, aber Sorokin hat sich selbst nicht als gescheiterte Hochstaplerin inszeniert. Im Unterschied zu den anderen Akteuren, die ich untersucht habe, hat sie sich eher zurückhaltend über ihren Betrug geäußert. Ausführlicher thematisierte sie dagegen ihre Haftzeit und aktuelle Projekte. Dafür verwendet sie bis heute den Künstlernamen Anna Delvey.
Und sie trat im amerikanischen Fernsehen bei "Dancing with the Stars" auf.
Ja, ihr Markenzeichen war eine elektronische, mit Schmucksteinen verzierte Fußfessel. In ihrem Fall gab es eine starke mediale Fokussierung auf die schillernde Hülle, die fällt. Das fand ich sehr interessant, diese Lust an der Demontage der Person, an der Demaskierung während des Gerichtsverfahrens. Bei den untersuchten männlichen Hochstaplern spielte dieser Aspekt eine deutlich geringere Rolle.
Die öffentliche Reaktion fällt nicht in allen Fällen gleich aus. Auf Holocaust-Hochstapler wie Binjamin Wilkomirski reagiert die Öffentlichkeit mit Empörung.
Ja, es gibt Formen der Hochstapelei, die eine solche Empörung hervorrufen, dass eine positive Inwertsetzung unmöglich ist. Das hängt stark mit den jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zusammen. In diesen Fällen verschiebt sich auch die Deutung: Statt einer ambivalenten oder gar faszinierenden Figur tritt stärker eine psychologische Perspektive in den Vordergrund. Die Täter werden nicht als schillernd wahrgenommen, sondern eher als pathologische Figuren, deren Verhalten erklärt und eingeordnet und die eventuell sogar behandelt werden müssen.
Ist die Zeit der Hochstapler, die ihre Geschichte erfolgreich vermarkten können, vorbei?
Ich bin vorsichtig mit solchen Prognosen. Zwar bilden die Jahre zwischen 2000 und den frühen Zehnerjahren einen gewissen Höhepunkt der medialen Aufmerksamkeit, aber Hochstapelei und Hochstapler wurden schon in ganz unterschiedlichen Phasen als gesellschaftliche Diagnosefiguren herangezogen. Auch aktuell beliebte mediale Formate wie True-Crime-Podcasts greifen auf ältere Fallgeschichten zurück - mit all den problematischen Aspekten, über die wir gesprochen haben. Nicht wenige "meiner" Hochstapler tauchen darin wieder auf.
Die Fragen stellte Melanie Mühl.
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