
Willkommen im Paradies - von hier wirst du niemals entkommen.
Gleißendes Sonnenlicht, weiß getünchte Gebäude vor wolkenlosem Himmel, schaukelnde Segelboote im malerischen Hafen. Als Juno zum ersten Mal die griechische Insel Inios betritt, ist sie von der Schönheit des Ortes geblendet. Dennoch hat sie ihr Ziel fest vor Augen: Juno will unbedingt ihren unbekannten Vater finden. Aber je länger sie bleibt, desto deutlicher zeigt sich die Insel als ein Ort der Schatten und Bedrohungen. Und für Juno könnte es schon bald zu spät sein, um zu entkommen.
Ein atemberaubender Thriller vor einer Kulisse, die fast zu schön ist, um wahr zu sein - und der perfekte Ort für ein Verbrechen
Besprechung vom 04.05.2026
Eine Falle auf Malle
Krimis in Kürze: Solveig-Marie Kastner, Till Raether, Jess Ryder
Allzu lange dauert es nicht mehr, bis in den ersten Bundesländern die Sommerferien beginnen, und es kann deshalb nicht schaden, über Risiken und Nebenwirkungen von Urlaubsreisen nachzudenken. Dass die warme Jahreszeit tödlich sein kann, wissen die Älteren aus dem Film "Ein mörderischer Sommer" (1983), der einem schon wegen Isabelle Adjani unvergesslich ist. Aber auch Krimiautoren von heute wissen, dass Sunshine und Noir miteinander verbunden sind wie siamesische Zwillinge. In den drei Romanen, die hier vorgestellt werden und die an beliebte Urlaubsziele wie die Algarve, nach Mallorca und auf eine (fiktive) Kykladeninsel führen, passieren Dinge, vor denen keine Versicherung schützen kann. Da hülfe allein eine Reiserücktrittsversicherung, die Stornierung ohne größere Verluste erlaubt.
"Summer Heat" (Ullstein, 496 S., br., 16,99 Euro) von der jungen Autorin Solveig-Marie Kastner hat den vielversprechenden Titelzusatz "Nicht alle werden überleben". Mia aus dem Rheinland zieht es in ein portugiesisches Luxusresort, als Yogalehrerin und Animateurin. Sie flieht vor etwas, und sie sucht etwas, das wird schnell klar. Das einsam gelegene Quartier ist eine Klassengesellschaft im Kleinen: die da oben zwischen Golfplatz und Gourmetküche, die da unten, die ihnen den Alltag versüßen und in kargen Apartments hausen. Natürlich hat die Welt der weiß Gekleideten dunkle Flecken, aber auch das Dienstleistungsproletariat verhält sich nicht solidarisch.
Kastner entfaltet das Geschehen aus verschiedenen Ich-Perspektiven. Zu Mia kommt ihr Urlaubsflirt Yanis, später dessen Freundin. Das hat den Vorteil, dass die jeweiligen Selbsttäuschungen und Wahrnehmungsstörungen aufeinanderprallen und nicht sofort auszumachen ist, ob Mias Ängste therapiebedürftig sind oder auf reale Bedrohung zurückgehen; ob Yanis ein abgefeimter Lügner ist oder ein feiger Filou. Das Manko des Buches liegt darin, dass es für all das zu viel Zeit braucht, für Mias Motive wie für die schmutzigen Geheimnisse der noblen Ferienanlage. Hundert Seiten weniger, und es wäre ein kompakter, wuchtigerer Thriller geworden.
Auf den hat es ersichtlich der erfahrene Autor Till Raether in "Meeresdunkel" (Rowohlt, 416 S., br., 18,- Euro) angelegt. Zwei Hamburger Familien in unterschiedlich zerrüttetem Zustand reisen in den Herbstferien nach Mallorca. Mit demselben Flug. Leider auch in dasselbe Haus. Ein Buchungsfehler. Oder auch nicht. Der Immobilienverwalter, seine Frau, beider pubertierende Zwillinge und deren Onkel. Der erfolglose Designer, seine Frau und beider Sohn. Die Familien müssen sich zusammenraufen. Ohne WLAN. Das Haus, einst ein architektonisches Unikat, zeigt deutliche Verfallsspuren. Und hat, wie das bei solchen Immobilien in Krimis öfter vorkommt, eine abgründige Geschichte.
Auch Raether erzählt aus verschiedenen Blickwinkeln. Das liegt nahe angesichts der Personenkonstellation und garantiert einen strafferen Spannungsbogen. Die Charaktere sind hinreichend differenziert, vor allem die drei Kinder überzeugen, sie sind eigen und stereotypenfern. Die Erklärung, wie es zu der Doppelbuchung kommen konnte, wirkt überkonstruiert, aber in einem Thriller muss es nicht zugehen wie im spannungsarmen Leben. Die lästige Unsitte eines angestrengt verschlüsselten Prologs hätte das Buch gar nicht nötig gehabt.
Um auf die aus verschiedenen Locations komponierte Kykladeninsel Inios zu gelangen, müssen sich Leser ebenfalls durch einen Prolog kämpfen, der Erwartungen schüren will - und das Gegenteil erreicht. Wer würde nicht Schatten der Vergangenheit erwarten, wo das Meer so blau, der Sand so weiß ist und die Partys nicht aufhören? Die Britin Jess Ryder schickt in "Die Touristin" (Aufbau, 411 S., br., 15,- Euro) die Enddreißigerin Juno auf den Spuren ihrer Hippie-Mutter nicht nur in den Eheurlaub, sondern auch auf Vatersuche.
Es ist ungewiss, ob der Erzeuger noch lebt; aber sicher, dass seine traditionsbewusste, einflussreiche Familie auf Inios nicht auf eine uneheliche Tochter gewartet hat. Juno schleicht sich als Aushilfe in den Familienbetrieb ein, der ein Resort vom Kaliber des Algarve-Anwesens in "Summer Heat" durchsetzen will. Das ist routiniert und vorhersehbar erzählt. Wie ein Pauschalurlaub, bei dem man auch dafür bezahlt, keine Überraschungen zu erleben. PETER KÖRTE
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