
Besprechung vom 05.11.2025
So klein, der Mensch
Kunststück mit Wiederholungsfiguren: Jörg Piringers Gedichte
Ein Gedichtband, der eine Gegenwartsdiagnostik riskiert, stellt eine Rarität dar. Jörg Piringer, Dichter, Aktionskünstler, Informatiker, Mitarbeiter am Institut für transakustische Forschung und Mitbegründer des Wiener Gemüseorchesters (jawohl), wagt diese Seltenheit. Seine Diagnose: Wir leben im Zeitalter der Verbrennerdämmerung: Motoren, Mülldeponien, Hitzesommer, Fett-, Low-carb- oder auch Politikerdiäten - überall wird verbrannt. Wir ahnen längst, dass dieses Spiel mit dem Feuer nicht gut ausgehen wird. Aber noch weiß niemand, was danach kommen mag. Um dieser Übergangszeit poetische Kontur zu verleihen, stehen in Piringers Konzeptalbum "verbrenner" einige wenige Unverbrannte in einer gnadenlos geführten Abwehrschlacht den Massen von Verbrannten gegenüber. Kulturkampf ist nichts dagegen.
Falls irgendein Vier-Elemente-Apologet die Hoffnung hegen sollte, das Wasser könne etwas gegen das Feuer ausrichten, dafür ist es zu spät: "wir hätten es ausmachen können / als es noch eine weggeworfene zigarette war / einfach drauftreten / hätten wir können / ein glas wasser draufschütten". Doch inzwischen ist das Flammenmeer zu groß, und zudem ist auch das Wasser zu einer Bedrohung eigener Art geworden: "jedes jahr hochwasser / jedes jahr ein fünfzigjähriges / jedes jahr ein hundertjähriges / die jahrhunderte im schnelldurchlauf".
Wie sagt der von Piringer zitierte Alchimist: "auch das wasser brennt". Deshalb bevölkern gemeinsam mit den Verbrannten und Unverbrannten auch noch die Untergehenden die Welt dieses Gedichtbandes. In mehreren Sequenzen inszeniert dieser die Vorstellung von afrikanischen Kindern, die sich als die kommenden Untergeher auf den Weg machen werden. Ein analytisch scharfes wie intrikates Spiel mit der kursierenden Angst vor der Flucht- als vermeintlicher Flutwelle. Diese Bildwelt findet ihr flamboyantes Gegenszenario in einer enzyklopädisch anmutenden Ansammlung von Verbrennermomenten. Waldbrände folgen bei Piringer auf Hitzerekorde, Flammenwerfer auf Brandstiftungen, Weinbrand führt zur Fettverbrennung, Grillen zu Bomben, politisch motivierte Selbstverbrennungen (wie die von Jan Palach) finden ihren Kontrast in dauerbrennenden, biblischen Dornbuschfeuern und hübsch zubereiteten Scheiterhaufen: übrigens "ein traditionelles deutsches dessert, das aus / äpfeln und brot zubereitet wird".
Um was es diesem Band programmatisch geht, stellt er mit einem minimalistischen Parallelismus klar: "der funke / so klein hier / der gedanke / so klein hier / der mensch / so klein hier". Wie der einzelne Funke, so der Mensch, so dessen einzelner Gedanke. Wenn aus einem Funken ein Flammenmeer entstehen kann, wäre es dann nicht auch möglich, dass ein einzelner Gedanke eine solche Wucht entfalten könnte? Und ein singulärer Mensch erst? Was kann der Einzelne tun? Was sollte er besser lassen?
Diese Leitfragen poetischer Ethik gestaltet Piringer mit dem Entwurf einer fiktionalen Firma weiter aus. Über insgesamt 17 Sequenzen entwickelt sich dieses Unternehmen vom Start-up zu einer weltmächtigen Ideenfabrik. Bevor sie zuerst eine vielversprechende, selbst denkende Maschine (es winkt die KI) und dann eben doch nur ein eierlegendes Wollmilchsau-Elektroauto entwickelt. Ähnlichkeiten mit dem Auftreten heutiger, auf allen denkbaren Social-Media-Kanälen dauerkreischenden Milliardären gründen auf purem Zufall.
Piringer, der über seine vergangenen Werke hinweg seine Informatik-Expertise mit poetischer Sprachfinesse zu verschränken verstand, weiß genau, was er tut, wenn der Poet in seinem Gedichtband von diesem Unternehmen erhofft, dass es etwas für die Verbrennenden und Untergehenden tun würde: "die idee / die firma und ihr chef / könnten etwas gegen das verbrennen unternehmen / das / war der wunsch der autorin / der wunsch des autors / aber durch wünschen / wird nichts besser / löst sich nichts / löscht sich nichts".
An dieser Schnittstelle zwischen verzweifeltem Dichterwunsch und unternehmerischer Kreativwirtschaft, die keinen Zweifel kennt, spitzt der Gedichtband seine ethischen Grundfragen noch einmal zu: Was tun, wenn die einen nicht wollen (können) und die anderen nichts vermögen? Wenn die Gedichtproduktion sich als hilf- und wirkungslos erweist: "denn die lage ist ernst / hoffnungslos / verfahren/ kann uns dieser text helfen / zu überleben / das problem zu meistern / soll dadurch irgendetwas besser werden / und wenn ja / wie". Was sind das für Zeiten, in denen man einer inszenierten Dichterfigur (die wir selbstverständlich nicht mit dem realen Autor identifizieren) nach der Lektüre Mut zusprechen will: Wenn derzeit von der Literatur weder Kritik noch Hoffnung zu erwarten sind, dann scheint es für sie doch immerhin noch für einen fulminanten Abgesang à la "verbrenner" zu reichen.
Piringer gelingt dieses Kunststück vor allem mithilfe von Wiederholungsfiguren, vor allem mit der Paronomasie, die wie der Brandbeschleuniger seines Sprachspiels aus dem Material eines einzelnen Wortes ganze Verszusammenhänge zu entzünden versteht. Wie etwa beim Unternehmen, das nichts unternimmt. Oder beim Nachdenken über die Anstalten, die man macht, oder in die man eingewiesen wird, wenn man sich zu viel oder nicht in der Reihe anstellt. Gemeinsam mit seinen computergenerierten Bildern entsteht so ein rasantes wie ideenreiches "stück text", von dem der Dichter zu Recht behauptet: "es findet überall" statt. "in deinem kopf / in deinen träumen / in deinen albträumen / in allen medien." Sich von dieser Omnipräsenz diagnostisch scharf ein Stück herauszuschneiden, das leistet dieser Gedichtband. CHRISTIAN METZ
Jörg Piringer: "Verbrenner". Gedichte.
Ritter Verlag, Klagenfurt, Graz 2025. 232 S., br.
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