Was stimmt nicht mit Ruby? Ein Kind, dass nicht der Norm entspricht, ist der Dreh- und Angelpunkt dieser Gesichte.
"Wir spielen hier glückliche Familie, dabei ist hier nichts real."
APRIKOSENKIND ist nicht der erste Thriller der Literaturwissenschaftlerin und Glauser-Preisträgerin Judith Merchant. Die sympathische Autorin hat mich mit ATME! stark begeistert. Deshalb war meine Erwartung an dieses neue Buch auch sehr hoch - und Merchant konnte meine Erwartungen leider nicht erfüllen.
Cover
Kiepenheuer & Witsch verlässt mir diesem Cover den bisherigen Stil der Merchant-Thriller. Anstelle der schlichten und minimalistischen Gestaltung in schwarz und weiß tritt hier ein in schwarz gehaltenes Cover mit einem Glanzbild-Motiv und einer Krakelei wie bei einem Kratzbild. Titel, Cover und Farbschnitt sind wahnsinnig gut aufeinander abgestimmt, ebenso die Klappen. Natürlich folgt der Verlag damit dem aktuellen Thriller-Trent, doch die gestalterischen Elemente passen tatsächlich sehr gut zur Story. Für die Cover-Gestaltung würde ich fünf Sterne vergeben
Inhalt, Schreibstil und meine Sichtweise
Leider gilt hier der vielzitierte Satz: Don't judge a book by its cover.
Anfangs war ich noch sehr gespannt, was dieser Roman zu bieten hat. Merchant spannt die Leserschaft auf die Folter. Haarklein beschreibt sie das idyllische Familienleben von Nathalie, Gabriel und deren Tochter Ruby. Detailliert baut sie die Protagonist*innen auf, beschreibt die Atmosphäre im trauten Heim und je glitzernder diese Idylle beschrieben wird, desto klarer wird: Was so gülden glänzt, kann nicht real sein. Und tatsächlich kommen Zweifel auf, denn die Familiensituation ist nahezu statisch. Die Dialoge, der Tagesablauf, das Familienleben - alles birgt keinerlei Abwechselung. Alles ist makellos. Doch schnell wird klar: mit Ruby stimmt etwas nicht. Im Kindergarten fällt sie auf, weil sie weit hinter dem "normalen" Entwicklungsstandard ihrer Altersklasse zurückliegt. Die Eltern scheint das nicht zu kümmern. Was zunächst nach einer liebevollen Akzeptanz einer Behinderung ausschaut, entpuppt sich immer mehr als Verweigerung von Hilfsangeboten. Und nach und nach wird klar, dass auch Nathalie und Gabriel Hilfe benötigen würden.
Gerade mit diesem sensiblen Thema und dem langsamen Spannungsaufbau gelingt Merchant eine atmosphärische Dichte, die im Kontrast zu den kurzen, schnell wechselnden Kapiteln und Sichtweisen steht. So entsteht ein Lesesog, denn oft dachte ich mir: ach komm, die nächsten zwei Seiten kannst du jetzt auch noch lesen. Im Mittelteil offenbaren sich dann mehr und mehr dunkle Geheimnisse. Nicht alles fand ich dabei restlos überzeugend, konnte aber aufgrund der Handlungsdynamik darüber hinwegsehen. Ein Roman ist schließlich eine Fiktion und kein Tatsachenbericht.
Leider gelingt es Merchant aber nicht, den Spannungsbogen bis zum Schluss aufrecht zu erhalten. Weit vor dem Ende kristallisiert sich heraus, was bzw. wer hinter dem ganzen steckt. Ein oder zwei Plot-Twists in Teil Drei hätten dem Spannungswert gut getan. Den so ist zwar das Rätsel gelöst, während die Filmspule sich noch weiter dreht. Hinzu kommt: so akribisch wie Merchant anfangs die Hauptpersonen aufgebaut hat, fehlt mir eine eine finale Erklärung des Geschehens. Nicht, um die Schuldfrage zu relativieren, nicht um die Schuld zu minimieren, sondern um mein Leseverständnis zu komplettieren.
Fazit
Ein flüssig zu lesender Psychothriller, der irgendwann seinen Thrill verliert. Themen, die Lesende triggern können, wie immer, wenn es um das Kindeswohl geht. Und ein Ende, dass mich mit Fragen zurück lässt. Etwas enttäuscht kann ich schlussendlich nicht mehr als drei Sterne vergeben