Tolle Atmosphäre und spannende Grundidee, doch die Liebesgeschichte und das Finale konnten mich nicht ganz überzeugen.
Lilia ist überzeugt: Der Tod ihrer Mutter war kein Suizid. Als sie völlig überraschend ein Stipendium für die renommierte Dracadia Universität erhält, sieht sie darin die Chance, den geheimnisvollen Parasiten weiter zu erforschen, den sie für den Tod ihrer Mutter verantwortlich macht. Doch Dracadia ist weit mehr als eine Eliteuniversität. Zwischen zwielichtigen Professoren, Kommilitonen und dunklen Geheimnissen begegnet sie dort auch dem attraktiven Professor Devryck Bramwell, der von den Studierenden Doctor Death genannt wird.Was mich an diesem Buch von Anfang an begeistert hat, war die Atmosphäre. Die Universität mit ihren Laboren und Geheimnissen schafft ein richtig stimmungsvolles Setting, das perfekt zur Geschichte passt. Gerade die erste Hälfte hat mir deshalb ausgesprochen gut gefallen. Die Handlung nimmt sich Zeit, die Welt und ihre Geheimnisse aufzubauen, und auch die Beziehung zwischen Lilia und Bramwell entwickelt sich zunächst angenehm langsam. Alles fühlte sich nach einem klassischen Slow Burn an - nur eben mit einer deutlich düstereren Note. Umso mehr hat mich enttäuscht, wie sich die Romance später entwickelt. Obwohl die Geschichte zunächst sehr behutsam aufgebaut wird, kippt die Beziehung für meinen Geschmack irgendwann doch wieder in eine Form von Insta-Lust. Das ist aktuell etwas, woran ich mich in vielen Büchern störe. Ich habe überhaupt nichts gegen Spice - im Gegenteil. Aber gerade bei einem 800 Seiten langen Roman wünsche ich mir, dass sich die Figuren zunächst emotional näherkommen und sich ihre Beziehung gemeinsam erarbeiten. Ein kleiner Wermutstropfen war für mich außerdem, dass Lilia abseits von Bramwell kaum tiefere Beziehungen zu anderen Figuren aufbaut. Ich hätte mir gewünscht, dass auch Freundschaften oder andere zwischenmenschliche Bindungen etwas mehr Raum bekommen. Vielleicht ist das schlicht dem Dark-Romance-Genre geschuldet, mit dem ich ohnehin nicht immer vollständig warm werde. Das Finale konnte mich dann leider ebenfalls nicht ganz überzeugen. Nachdem sich die Geschichte zuvor viel Zeit für ihren Aufbau genommen hatte, überschlagen sich auf den letzten Seiten plötzlich die Ereignisse. Eine Wendung folgt auf die nächste und vieles wirkt deutlich hektischer als der Rest des Romans. Hier hätte ich mir gewünscht, dass die Geschichte ihrem ruhigen Erzähltempo bis zum Schluss treu bleibt.Sehr gelungen fand ich dagegen die wissenschaftliche Komponente der Geschichte. Die Forschung rund um den Parasiten dient nicht bloß als Aufhänger für die Liebesgeschichte, sondern spielt tatsächlich eine wichtige Rolle und wird immer wieder aufgegriffen. Dadurch hatte ich das Gefühl, dass die Handlung auch unabhängig von der Liebesgeschichte funktioniert. Der Schreibstil hat mir ebenfalls gut gefallen. Trotz des Umfangs bin ich zügig durch das Buch gekommen und hatte nie das Gefühl, mich durchkämpfen zu müssen. Lediglich ein paar Dialoge wirkten auf mich stellenweise etwas überzogen. Insgesamt mochte ich Nocticadia doch recht gern. Die düstere Atmosphäre, das Universitätssetting und die spannende Grundidee konnten mich überzeugen. Mit einer etwas langsameren Entwicklung der Liebesgeschichte und einem weniger überhasteten Finale wäre das für mich allerdings ein ganz besonderes Buch geworden.