Der historische Roman Der Gesang des Falken ist der Debütroman von Lea Gerstenberger. Er spielt im 16. Jahrhundert und gibt einen Einblick über das Leben am Hofe vom französischen König Francois I. Dieses Werk kann ohne Vorkenntnisse oder fundiertes Wissen aus dieser Epoche gelesen werden.
Ich persönlich lese gerne mal einen historischen Roman und die Zeit rund um das 16. Jahrhundert gehört mit zu den Epochen, über welche ich meine Interessen habe, Zeiten über die ich mehr erfahren möchte. Auch hat mich der Klappentext neugierig gemacht ein Buch, in dem Anne Boleyn eine Rolle spielt, konnte sofort mein Interesse wecken. Daher habe ich mich voller Vorfreude in dieses historische Vergnügen gewagt.
Das Buch ist mit hilfreichem Bonusmaterial versehen, welches ich gerne als Hilfestellung auf den ersten Seiten verwendet habe. Zu Beginn ist ein Dramatis personae beigefügt, in dem die historischen diese sind entsprechend markiert - und auch die fiktiven Charaktere gelistet sind. Dies hat mir besonders zu Beginn geholfen, habe ich doch immer mal Probleme bei der Zuordnung der Charaktere. Am Ende sind noch umfangreiche Literaturempfehlungen aufgelistet, wenn man sich als interessierter Leser weiter mit der Materie beschäftigen möchte. Sehr interessant fand ich das Nachwort der Autorin. Hier wird nochmal auf die historischen Gegebenheiten eingegangen und wie man diese Geschichte in den historischen Rahmen einsortieren kann. Gerstenberger geht darauf ein, welche Gegebenheiten historisch belegt sind und welcher ihrer Fantasie entspringen. Solche Einordnungen finde ich besonders bei historischen Romanen immer sehr wichtig.
Vorweg möchte ich anmerken, dass ich den Klappentext etwas irreführend finde. Dieser weckt meiner Meinung nach falsche Erwartungen an das Buch. Und führt dazu, dass vielleicht der ein oder andere Leser enttäuscht wird, obwohl dies nicht unbedingt am Werk selbst liegt. Wer in Der Gesang des Falken ein Buch sucht, in dem das Leben von Anne Boleyn im Fokus steht, wird hier leider nicht fündig werden. Sie spielt zwar als Nebenrolle eine nicht unwichtige Rolle für den Verlauf der Geschichte, dennoch liegt hier der Schwerpunkt auf dem fiktiven Charakter Marcelle.
Angenehm empfand ich den Schreibstil von Lena Gerstenberger. Dieser ist bildhaft und lässt sich flüssig lesen. Sie schafft es gekonnt, dass Bilder vor meinem geistigen Auge entstehen, gekonnt wird eine dichte Atmosphäre erschaffen. Die Seiten fliegen bei diesem historischen Roman nur so dahin und es hat sich eine Sogwirkung entwickelt, sodass ich das Buch nur ungern wieder aus der Hand legen wollte. Ich wollte einfach wissen, wie die Geschichte rund um Marcelle weitergeht. Auf unterschiedliche Weise wird Spannung erzeugt, ohne dabei jedoch eine Wichtung auf Actionszenen zu legen. Anschaulich werden die historischen Gegebenheiten erzählt und gekonnt werden historische Ereignisse und wichtige Fakten, aber auch unterhaltsame Fiktion in die Handlung eingeflochten. Die Story wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, sodass der Leser einen umfangreichen Einblick bekommt und zusätzlich die Charaktere noch besser kennen lernt, ihre Gedankengänge versteht. Auch wird dadurch der Spannungsbogen permanent oben gehalten, gebannt hängt man an den Seiten und möchte wissen, wie es den Charakteren ergeht. Dabei kann ich mich gar nicht festlegen, welchen Erzählstrang ich am spannendsten fand. Jede Perspektive besticht durch einen ganz anderen Aspekt und trägt damit zu der Vielseitigkeit bei. Im Verlauf der Geschichte werden die einzelnen Perspektiven zusammengeführt, sodass es am Ende einen runden Eindruck ergibt.
Die Protagonistin ist Marcella. Sie ist die uneheliche Tochter des Großstallmeisters am Hof und hat es als junge Frau und dann noch als Bastard nicht immer einfach. Der männliche Gegenpart ist Jean. Er ist der Sohn des Großfalkners, und hilft seinem Vater bei der Arbeit aus. Die beiden sind seit Kindertagen sehr gute Freunde. Sie stehen sich zur Seite und verlieren sich im Laufe des Lebens nicht aus den Augen, obwohl sie teils unterschiedliche Wege einschlagen. Mir hat diese Bindung zwischen den beiden gut gefallen und ich fand das Miteinander von ihnen sehr angenehm. Später tritt Anne Boleyn in das Leben von Marcelle und die beiden freunden sich an. Ein weiterer Erzählstrang ist Francoise, sie hat an der Seite ihres Mannes kein einfaches Leben. Erst im Verlauf der Handlung wird ersichtlich, wozu dieser Charakter eingeführt wurde.
Positiv möchte ich noch erwähnen, dass die Rolle der Frau in der damaligen Zeit in diesem historischen Roman so umfangreich beleuchtet wurde. Es wird gekonnt in die Handlung eingebunden, dass Frauen oftmals nur als Spielfigur für die Männerwelt gut war oder als ein Anschauungsobjekt angesehen wurden. Stellenweise waren sie Machtdemonstrationen und dienten dazu, die unterschiedlichen Bedürfnisse der Männerwelt zu stillen. Es wird aber auch gezeigt, wie es gewissen Andeutungen und Möglichkeiten zum Umbruch gab. Wie sich gewillte Frauen dieser Situation entgegenstemmten, welches Gedankengut für sie wichtig war. Mir hat diese umfangreiche Darstellung gut gefallen.
Gut haben mir auch die Szenen mit Leonardo da Vinci gefallen. Sie haben den Zeitgeist gut eingefangen. Gerne hätte ich mehr Passagen mit dieser historischen Persönlichkeit gelesen.
Insgesamt konnte mich der Debütroman Der Gesang des Falken aus der Feder von Lea Gerstenberger gut unterhalten. Leider hat der Klappentext in mir etwas falsche Hoffnungen geweckt. Dennoch würde ich diesen historischen Roman weiterempfehlen, wenn man einen leichten Roman, welcher im 16. Jahrhundert spielt, sucht. Von mir gibt es dafür 4 Sterne.