Mit Guilty Pleasures gelingt Linda Schipp ein Psychothriller, der weit mehr bietet als nur spannende Unterhaltung. Denn die Geschichte verbindet eine fesselnde Thrillerhandlung mit aktueller Gesellschaftskritik, moralischen Dilemmata und zahlreichen überraschenden Wendungen, die den Leser bis zur letzten Seite in Atem halten.
Dabei wird die Handlung aus fünf verschiedenen Perspektiven erzählt: Im Mittelpunkt steht Zoe, die auf einer abgelegenen Insel in einem luxuriösen Resort landet. Schon früh wird deutlich, dass sie eine belastende Vergangenheit mit sich trägt und einen eigenen Plan verfolgt. O`Hara, einer der Gäste, die im Inselhotel ihre sadistischen Neigungen ausleben wollen, kommt Zoe dabei immer näher, während sich Amal, dessen Assistent, im Zuge dessen bald mit folgenschweren, ethischen Dilemmata konfrontiert sieht. Gleichzeitig sucht Denver, ein Mann, dessen Schwester unter mysteriösen Umständen ums Leben kam, auf derselben Insel nach Vergeltung, während ein weiterer Gast des Hotels, Camden, offenbar hoch manipulativ ist, wobei seine Motive wie die der anderen Figuren noch verborgen bleiben. Und dann ist da noch Jamie, die abseits der Insel eine vermeintliche Anstellung im Sicherheitsbereich ausübt und die ahnungslosen Hotelgäste bei ihren guilty pleasures mit als Fliegen getarnten Drohnen ausspioniert. Bald entdeckt Jamie dabei, dass hinter dem exklusiven Hotel weit mehr steckt als ein gewöhnlicher Urlaubsort. Aus diesen zunächst getrennten Handlungssträngen entwickelt sich ein komplexes Geflecht aus Geheimnissen, Manipulationen, Machtmissbrauch und Rache.
Sprachlich überzeugt Linda Schipp durch ein hohes Tempo, präzise Szenenführung und einen geschickten Umgang mit Perspektivwechseln. Zwar kann die Vielzahl der Erzählstränge anfangs gelegentlich Orientierung verlangen, doch im weiteren Verlauf greifen die Handlungsfäden immer stärker ineinander, und die tollen Sprecher des Hörbuchs verstehen es vorzüglich, die verschiedenen Charaktere im Kopf des Hörers lebendig werden zu lassen.
Besonders hervorzuheben ist die Art, wie die Autorin Spannung erzeugt. Statt auf wenige große Überraschungen zu setzen, arbeitet sie kontinuierlich mit Enthüllungen, offenen Fragen und geschickt platzierten Plot-Twists. Immer wieder werden Geheimnisse teilweise gelüftet, während gleichzeitig neue Rätsel entstehen. Und kaum haben die Figuren ein Hindernis überwunden, werden sie schon mit dem nächsten konfrontiert. Durch diese Techniken, die Linda meisterhaft beherrscht, entsteht ein enormer Lesesog. Zu den gelungensten Wendungen gehören die Enthüllungen rund um die Identitäten mehrerer Figuren und deren Verbindungen untereinander. Dass sich vermeintlich getrennte Personen als Mitglieder derselben Familie oder als bereits bekannte Charaktere entpuppen, fügt sich meist überzeugend in die Handlung ein und sorgt für zahlreiche Aha-Erlebnisse. Darüber hinaus entstehen zahlreiche Suspense-Momente durch den häufigen Schauplatzwechsel zwischen Hotel und Security bzw. Jamie, was die Story einmal mehr angeheizt, denn Jamie findet parallel zur Handlung im Hotel immer mehr heraus und versucht schließlich, Zoe zu helfen, indem sie aktiv ins Geschehen im Hotel eingreift.
Gegen Ende häufen sich die Überraschungen allerdings derart, dass einzelne Twists etwas von ihrer Wirkung verlieren beziehungsweise etwas konstruiert wirken und der Eindruck entsteht, die Geschichte wolle noch ein letztes Mal möglichst viele Karten aufdecken. In diesem Zusammenhang wirkt zwar die Wahl der einzigen Ich-Perspektive logisch, jedoch hätte diese besser auf Zoe angewendet werden sollen, da man mit dieser Figur am meisten mitfiebert. Auch erfolgt der Zeitsprung nach dem Finale etwas abrupt, und die letzten Kapitel erinnern stellenweise eher an einen ausgedehnten Epilog.
Die Figurenzeichnung indes trägt sehr zum Gelingen des Romans bei. Eine klischeehafte Einteilung der Charaktere in gut und böse wird meist vermieden, was vor allem anhand der Figur des Denver meisterhaft gelingt. Sein innerer, moralischer Konflikt zwischen dem Wunsch nach Gerechtigkeit, seinem Bedürfnis nach Rache und der Frage, wie viele Opfer dafür in Kauf genommen werden dürfen, verleiht der Geschichte eine zusätzliche Ebene, die dem Leser weit mehr bietet als das voll und ganz eingelöste Versprechen einer fesselnden Story. Manch andere Charaktere erhalten zwar interessante Hintergrundgeschichten, bleiben hinsichtlich ihrer Tiefe jedoch etwas hinter ihren Möglichkeiten zurück, wobei insbesondere Zoe von einer stärkeren persönlichen Entwicklung im Verlauf der Handlung hätte profitieren können.
Vor allem aber hebt sich Guilty Pleasure durch erwähnte gesellschaftskritische Dimension von vielen Genrevertretern ab. Die Enthüllung, dass die Ereignisse auf der Insel Teil einer Reality-Inszenierung sind, dient nicht nur der Spannung, sondern auch als Kommentar zur heutigen Medien- und Unterhaltungskultur. Der Roman stellt Fragen nach Voyeurismus, Sensationslust und der zunehmenden Abstumpfung gegenüber Leid. Besonders gelungen ist dabei, dass diese Kritik nie belehrend wirkt. Stattdessen wird der Leser immer wieder dazu eingeladen, über die eigene Rolle als Konsument von Unterhaltung nachzudenken. Dadurch und anhand der Dilemmata der Figur des Denver erreicht Guilty pleasures eine Tiefe, die man in vielen Thrillern vergeblich sucht.
Nicht alle geschürten Erwartungen werden jedoch vollständig erfüllt. Der Klappentext verspricht unter anderem fünf tödliche Geheimnisse, ohne dass dieses Motiv letztlich die zentrale Rolle spielt, die man erwarten würde. Das anfangs liebevoll geschilderte Insel-Setting außerhalb des Hotels spielt später keine Rolle mehr. Und die titelgebenden guilty pleasures konzentrieren sich überwiegend auf Themen wie sexuelle Ausbeutung und Missbrauch. Hier wäre etwas mehr Vielfalt und Kreativität denkbar gewesen.
Trotz einiger kleiner Schwächen handelt es sich bei Guilty Pleasure um einen außergewöhnlich starken Thriller. Die Kombination aus unaufhörlicher Spannung, atemraubender Twists, moralischen Konflikten und hochaktueller Gesellschaftskritik hebt den Roman deutlich über sein Genre hinaus. Vor allem die Figur des Denver sowie die kritische Auseinandersetzung mit Trash-TV und Voyeurismus sorgen dafür, dass die tiefgehende Story lange nachhallt. Wer also einen Thriller sucht, der nicht nur nervenaufreibend, sondern auch tiefgründig ist und zum Nachdenken anregt, der ist im Hotel Guilty pleasures bestens aufgehoben!