Vorab: Ich habe zuerst das Hörbuch gehört und würde dafür tatsächlich 5/5 Sterne vergeben, weil die Sprecher einen wirklich großartigen Job machen. Diese Bewertung bezieht sich auf das Buch selbst, das ich danach gelesen habe.
Zum Produkt selbst: Der beworbene Farbschnitt ist leider nichts Besonderes, sondern lediglich eine schwarz eingefärbte Fläche. Wer hier etwas Krasses erwartet, könnte enttäuscht sein.
Zum Inhalt: Erzählt wird aus drei Perspektiven: Santino, Bosco und Kyrill. Im Zentrum stehen ihre Beziehungen zueinander, die intensiv, emotional aufgeladen und geprägt von inneren Konflikten sind. Gerade diese Zerrissenheit wird sehr deutlich dargestellt. Man ist schnell drin und der Spice (wie bei dem Genre zu erwarten) ist spicy. Wichtig für alle, die mit hohen Erwartungen an Plot und Tiefgang rangehen: Dieses Buch lebt fast ausschließlich von Dynamik, Emotionen und körperlicher Anziehung, was den tatsächlichen Plot dürftig ausfallen lässt.
Meine Kritikpunkte im Detail:
1. Sehr wenig Handlung
Über weite Strecken passiert kaum etwas, das über Beziehungen, Sex und innere Monologe in Endlosschleife hinausgeht. Wer eine ausgearbeitete, komplexe oder ereignisreiche Mafia-Story mit echter Spannung erwartet, wird hier nicht fündig. Es geht tatsächlich sehr seicht zu.
2. Wiederholende Stilmittel
Ein bestimmtes Muster zur Darstellung innerer Konflikte wird von allen drei Figuren sehr häufig verwendet. Das hielt ich anfänglich für eine Charaktereigenschaft von Santino, wird aber eben von allen dreien verwendet, nutzt sich wirklich schnell ab und kann die Immersion stören, weil es irgendwann eher auffällt und unfreiwillig komisch wirkt. Ich rede hier von: ich könnte xy jetzt tun, ABER ICH MACHE ES JETZT NICHT!
3. Fragwürdige Darstellung von Amnesie
Ohne zu spoilern: Ein zentrales Element basiert auf einer sehr vereinfachten, klischeehaften Darstellung von Amnesie, was sehr in Richtung Plot Convenience geht. Das kann für Leser, die Wert auf Plausibilität legen, irritierend sein.
4. Shockvalue statt Ausarbeitung
Einige Elemente (z. B. im Bereich BDSM) wirken weniger wie organischer Bestandteil der Geschichte, sondern eher wie Zusatz, um das Ganze düsterer oder provokanter erscheinen zu lassen, ohne wirklich inhaltlich ausgearbeitet zu sein oder auf die Metaebene zu achten, die z.B. BDSM für eine würdige Auseinandersetzung benötigt.
5. Sprachliche Wiederholungen
Über die Länge des Buches fällt auf, dass bestimmte Begriffe (insbesondere ficken) sehr häufig wiederholt werden, was auf Dauer etwas eintönig ist. Da wäre Abwechslung schön gewesen.
Positiv:
Die Gestaltung der Kapitelanfänge mit kleinen, charakterspezifischen Illustrationen und Songempfehlungen sorgt für eine schöne Atmosphäre und unterstützt den Vibe der Geschichte.
Fazit:
Dark Room ist ein Buch, das vor allem über Emotionen, Dynamik und Spice funktioniert, weniger über Handlung oder Tiefe. Trotz der genannten Schwächen hat es mich unterhalten (wenn auch teilweise unfreiwillig), weshalb ich am Ende bei 3 Sternen lande. Der Cliffhanger erfüllt seinen Zweck, ich werde vermutlich auch zum zweiten Band greifen in der Hoffnung, dass dort neben den Gefühlen auch die Handlung etwas mehr Raum bekommt und vielleicht die Charaktere dann mal etwas machen, ohne es dann doch nicht zu machen.