
Frauen gegen Frauen
Warum gehen Frauen oftmals so negativ mit sich selbst und miteinander um? Dieser Frage geht Sophie Gilbert auf den Grund und identifiziert einen wichtigen Faktor: Die Popkultur der 90er- und frühen 2000er-Jahre. Sie analysiert so entlarvend wie erhellend, welche Mechanismen schleichend die Selbst- und Fremdwahrnehmung von Frauen beeinflusst haben. Dazu gehört zum Beispiel die Darstellung von weiblichen Stars in den Medien, die von Objektivierung geprägt ist - Stichwort Reality-TV. Gilbert legt die unbewussten Wirkmechanismen hinter diesen Phänomenen offen und zeigt, was sich ändern muss.
Besprechung vom 02.09.2025
Miteinander zu paktieren müssen die Frauen also noch lernen
Um Sex ist da nicht herumzukommen: Die Journalistin Sophie Gilbert sammelt Material für einen Abriss der Popkultur der Nullerjahre
Paparazzi liegen auf dem Boden und warten darauf, der gerade volljährigen Emma Watson unter den Rock zu fotografieren. Die Reality-TV-Show "The Swan" bezahlt Frauen Schönheitsoperationen. Modefotografen prahlen damit, wie viel Sex sie bei ihrer Arbeit haben - und ein bekannter Blogger verkauft nach dem Tod von Heath Ledger T-Shirts mit der aufgedruckten Frage, warum nicht stattdessen Britney Spears hätte sterben können.
Was sich heute wie ein Katalog der Grausamkeiten liest, ist ein Abriss der Popkultur der Nullerjahre, der sich Sophie Gilbert in ihrem Buch "Girl vs. Girl" widmet. Die "Atlantic"-Journalistin seziert Mode, Fernsehen, Literatur und Musik der letzten drei Jahrzehnte. Denn sie wollte verstehen, "wie eine ganze Generation [von Frauen] zu der Überzeugung hatte kommen können, dass Sex unsere Währung war, dass Objektifizierung Empowerment bedeutete und Frauen eine Witzpointe waren".
Gilberts Antwort steht im Untertitel: "Wie Popkultur Frauen gegeneinander aufbringt". Frauen hätten - durch das, was sie gesehen, gelesen, gelernt haben - verinnerlicht, andere Frauen zu beneiden oder zu verachten. Aber nicht, sich mit ihnen zu verbünden.
Dass das Buch gerade jetzt erscheint, ist kein Zufall. In den USA wurde das Recht auf Abtreibung zurückgenommen, auf Instagram und Tiktok promoten "Trad Wives" das Frauenbild der Fünfzigerjahre. Mädchen, die keine fünfzehn Jahre alt sind, kaufen in Drogerien die Regale mit Anti-Falten-Cremes leer. Frauen spritzen sich buchstäblich dünn. Nach Jahren des scheinbaren Fortschritts, schreibt Gilbert, fühlten sich die vergangenen Jahre wie ein "Backlash" für Frauenbewegungen an.
Gilberts Erläuterung des Phänomens geht von zwei Beobachtungen aus. Sie beginnt in den späten Neunzigern mit dem Aufstieg der Spice Girls und dem Postfeminismus. Zu dieser Zeit habe der Feminismus seine politische und kollektive Kraft eingebüßt. An seine Stelle trat eine "Girl Power"-Mentalität, die die individuelle Belohnung priorisierte. Es ging um die Kontrolle des eigenen Körpers und die Betonung von sich selbst als aktives sexuelles Subjekt.
Ungefähr zeitgleich, fährt Gilbert fort, habe die Pornographie ihren Weg in den Mainstream gefunden. Eine Folge der Aids-Pandemie. Über Sex wurde offen diskutiert - und er landete auf Zeitschriftencovern und im Fernsehen. Mit einer Botschaft, die sich die Popkultur gern zu eigen machte: Frauen könne man als Objekte betrachten. Pornographie, hält Gilbert fest, sei "das prägendste Kulturgut unserer Zeit, das, was am meisten unser Denken über Sex und somit übereinander beein- flusst hat".
Nun ist es kein überraschendes Vorgehen, die Popkultur der Nullerjahre neu zu bewerten. Mit dem Revival der "Y2K"-Ästhetik - den Hüfthosen und sichtbaren Strings der Nullerjahre - stieg auch das Interesse für die Frage, wie Frauen damals eigentlich gesehen und behandelt wurden. Bewegungen wie "Free Britney" führten zumindest zu den Anfängen einer kollektiven Aufarbeitung. Und auch an der neoliberal grundierten Umdeutung und Kommerzialisierung von Feminismus gibt es längst Kritik.
Aber es sind die Ausführlichkeit von Gilberts Buch und die von ihr gezogenen Verbindungen, die sich als überzeugend erweisen. Die Autorin beschreibt, wie der "Writers Guild"-Streik der Achtzigerjahre den Erfolg von Reality-TV ebnete, wie der Eskapismus nach dem 11. September Menschen zu Klatschbesessenen machte, wieso Autofiktion auf einmal ein so beliebtes Genre wurde (und wieso sie sich selbst weigert, sich "mehr ins Buch hineinzuschreiben").
Und natürlich weiß man, dass fast jeder Trend (sei er modischer oder politischer Natur) irgendwie wiederkommt. Aber beim Lesen überrascht dann doch die Ähnlichkeit zwischen aktuellen und früheren Debatten. Dürfen Influencerinnen wie Nara Smith Geld mit traditionellen Rollenbildern verdienen - damit, schöne Kleider zu tragen und für ihre Kinder zu kochen? Was ist mit Rapperinnen wie Ikkimel, die mit knappen Outfits und sexualisierten Texten erfolgreich sind? Die Frage, wie Frauen Weiblichkeit darstellen sollen, bleibt offen. Eine Antwort liefert Gilbert in "Girl vs. Girl" nicht. Aber eine Darstellung des Kontexts, aus dem diese Fragen entstanden sind. JULIA SCHYMURA
Sophie Gilbert: "Girl vs. Girl". Wie Popkultur Frauen gegeneinander aufbringt.
Aus dem Englischen
von Britta Fietzke.
Piper Verlag,
München 2025.
336 S., br.
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