
Besprechung vom 02.12.2025
Die Väter und Großväter von der Waffen-SS
Wie haben sie ihre Kinder und Enkel geprägt? Thomas Casagrande hat acht Nachkommen interviewt
Fast eine Million Männer hatten bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs die Uniform der Waffen-SS getragen. Aus einer paramilitärischen Leibwache für Adolf Hitler erwachsen, wurde die Waffen-SS zu einer Säule des nationalsozialistischen Terrorregimes und einem wesentlichen Instrument für das KZ-System und den Holocaust. Zugleich wurden die SS-Divisionen an praktisch allen europäischen Kriegsschauplätzen eingesetzt. In der nationalsozialistischen Propaganda und auch im Selbstbild waren sie Eliteeinheiten. Das galt sowohl hinsichtlich der fanatischen Überzeugung für den Nationalsozialismus als angeblich auch in ihren militärischen Leistungen.
Historische Literatur zu dem Thema gibt es folglich reichlich. Sie fördert auch immer wieder neue Aspekte oder Einschätzungen zutage. So hat der Militärhistoriker Klaus-Jürgen Bremm vor einigen Jahren überzeugend dargelegt, dass "Hitlers überschätzte Prätorianer" zwar bevorzugt ausgerüstet wurden, aber im Großen und Ganzen mehr Zeit im Hinterland oder beim Verlegen von einem Schauplatz zum anderen verbracht hatten als im eigentlichen Kampf an den Fronten - jedenfalls verglichen mit Kampfeinheiten der Wehrmacht. Trotzdem waren die Verluste im Gefecht überproportional hoch - teils weil die Waffen-SS als Reserve in Brennpunkte geworfen wurde, teils lag das aber auch an der verordneten Rücksichtslosigkeit.
Thomas Casagrande hat ein andersartiges Buch über die Waffen-SS veröffentlicht. Es ist äußerst subjektiv gehalten und trägt gerade damit - mehr Quelle als Literatur - eine so noch nicht beleuchtete Facette bei. Sie betrifft die Nachkriegszeit, die Nachwirkung in den Hunderttausenden Familien, die diese Männer gründeten. Casagrande hat ein schmales, aber aufschlussreiches Schlaglicht auf dieses für die Nachkriegsgesellschaft trotz oder gerade wegen der weitgehenden Tabuisierung relevantes Segment geworfen. Der Politologe und frühere Direktor der Schulen des Deutschen Buchhandels hat Kinder oder Enkel von acht einstigen Waffen-SS-Männern befragt. Diese Interviews sind der Kern seines Buches "Schatten". Der Untertitel teilt bereits mit, dass der Autor aus einer höchstpersönlichen Warte schreibt und mit seinen Gesprächspartnern kommuniziert: "Unsere Väter in der Waffen-SS". Casagrande, Jahrgang 1956, ist Sohn eines einstigen rangniedrigen Offiziers der Waffen-SS. Sein Vater Otto Casagrande war uneheliches Kind eines italienischen Offiziers, er wuchs bei der Mutter auf, die aus dem Südtiroler Unterland stammte.
Man kann sich die Zurücksetzungen vorstellen, die der Junge in dieser Konstellation erfahren hat, in einer Zeit, als das faschistische Italien das annektierte Südtirol brachial zu assimilieren versuchte und die ansässige Bevölkerung hart dagegenhielt. Casagrande senior war darin besonders eifrig. Er betätigte sich schon als Jugendlicher in deutsch-völkischen illegalen Organisationen. 1939 meldete er sich freiwillig für den Kriegseinsatz in der Waffen-SS. Er nahm am Frankreichfeldzug, dem Krieg in Jugoslawien und dem Russlandfeldzug teil, wurde mehrmals verwundet, stieg zum Untersturmführer (entsprechend einem Leutnant) in die Offiziersränge auf.
Nach dem Krieg betätigte er sich an mindestens einer Aktion zur Fluchthilfe für ehemalige Nazis. Dann wurde er offenbar über den amerikanischen Nachrichtendienst CIC für die Organisation Gehlen angeworben, den Vorläufer des deutschen BND. In den Fünfzigerjahren nahm er - nach seiner Heirat - einen "zivilen" Beruf bei der Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main auf.
Thomas Casagrande stellt seinen Interviews mit den Nachkommen jeweils eine biographische Notiz des jeweiligen Vaters oder Großvaters voran. Es waren nach ihrem Dienstgrad, und auch nach dem Krieg, überwiegend keine herausgehobenen Figuren, mit Ausnahme von Karl Nicolussi-Leck. Er war Funktionär beim "Völkischen Kampfring Südtirols", stieg bei der Waffen-SS bis zum Rang eines Hauptsturmführers (Hauptmann) auf und wurde mit hohen Kriegsorden dekoriert. Nicolussi-Leck betätigte sich nach 1945 als "Fluchthelfer" für hohe Nazis und Wehrmachtsoffiziere, ehe er auch nach Südamerika auswanderte. Dort wurde er von Firmen wie Mannesmann angestellt, ehe er erfolgreicher Unternehmer mit Landmaschinen wurde. In den 1960er-Jahren konnte er nach Italien zurückkehren. Unternehmer, Kunstmäzen, nebenbei Netzwerker mit "alten Kameraden", war er eine regional bekannte Person des öffentlichen Lebens. Erst kurz vor seinem Tod 2008 im Alter von 91 Jahren wurde seine Nazi-Vergangenheit öffentlich diskutiert.
Casagrande fragt die Söhne (im Fall Nicolussi-Lecks Enkel), wie sie ihre Väter wahrgenommen haben. Wann und wie sie über ihre Waffen-SS-Vergangenheit erfahren haben und was das für sie bedeutete. Ob die Erziehung besonders autoritär war. Inwieweit die Väter nach dem Krieg mit anderen SS-Soldaten weiter genetzwerkt haben. Und er fragt jedes Mal nach den Worten "Pflicht, Gehorsam, Subordination". Das waren, wie er in seinem höchstpersönlichen Abschnitt schreibt, die letzten Worte Otto Casagrandes an Thomas: die ihm wichtigsten Werte.
Man kann Thomas Casagrande mit seinen Interviewfragen gleichsam zuhören, wie er die eigene biographische Zwiespältigkeit im Verhältnis zum Vater aufarbeitet. Das Bild, das sich ergibt, ist vielgestaltig. Da wird ein Vater geschildert, der mal liebevoll mit der Familie umging, mal aber auch "fies", besonders wenn er wie meistens abends betrunken war. Ein anderer hat seine Familie schwer traumatisiert, die Tochter zwar nicht körperlich, aber seelisch schwer missbraucht; sie floh in die Vereinigten Staaten und landete dort in Rauschgiftabhängigkeit und Prostitution.
Immer wieder geht es um Ambivalenz: Liebe zum Vater und Großvater, Abgestoßen-Sein von der SS-Geschichte, mehr oder weniger trotziges Klammern daran, dass man von keinen konkreten Gräueltaten wisse, die genau ihm zuzurechnen seien. Ein Interviewpartner sagt: "Ich denke, dass ich von ihm die Energie habe, zu etwas zu stehen, auch wenn es ein bitteres Ende gibt. Da hat er schon auf mich abgefärbt. Das hat mir auch an ihm imponiert." Casagrande lässt solche Aussagen ohne Kritik oder Zustimmung für sich stehen. Er schafft es, dass seine Gesprächspartner sich weit öffnen - bis hin zu seinem eigenen Bruder.
Dass die Auswahl der Gesprächspartner Südtirol-lastig ist, liegt daran, dass Casagrande hier aus biographischen Gründen und durch frühere Studien zum Thema Anknüpfungspunkte hat. Es ist aber nicht untypisch. Die Waffen-SS hat aus verschiedenen Gründen einen Großteil ihrer Mitglieder aus den Reihen der "Volksdeutschen" außerhalb des Reichs rekrutiert. Sie war eine verbrecherische Organisation, wie die Alliierten zu Recht festgestellt haben. Aber um sie zu verstehen, reicht es nicht aus, sie als eine Masse von Darth Vaders anzusehen. Die Männer hatten ein Vorleben - und die meisten von ihnen ein Nachleben, das die Gesellschaft der Nachkriegszeit zu einem Teil mitgeprägt hat, ob es uns gefällt oder nicht. STEPHAN LÖWENSTEIN
Thomas Casagrande: Schatten. Unsere Väter in der Waffen-SS. Mit einem Vorwort von Jochen Böhler und einem Nachwort von Ofra Bloch.
Edition Raetia, Bozen 2024. 264 S.
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