
Am 7. Oktober 2023, dem Tag des Angriffs der Hamas, eskaliert nicht nur die Gewalt gegen die Einwohner:innen im Süden Israels. Weltweit werden Menschen auch Zeug:innen einer Eskalation der Bilder. Mit an Helmen und Uniformen befestigten Kameras filmen die Terrorist:innen ihre Gräueltaten und streamen sie live. Zivilist:innen in Gaza laden demütigende Filme ins Netz, die entführte und ermordete Israelis zeigen. Aber auch die Betroffenen, Bewohner:innen von Kibbuzim und Besucher:innen des Nova-Festivals, dokumentieren die Gewalt. Manche dieser Fotos und Videos sind die letzten Zeugnisse kurz darauf ausgelöschter Leben.
In seinem Essay verdeutlicht Tobias Ebbrecht-Hartmann, warum es notwendig ist, diese Bilder anzuschauen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, ihren Bezügen nachzugehen und sie in resonante Beziehungen zu früheren Gewalterfahrungen, insbesondere der visuellen Geschichte der Shoah, zu bringen, wenn man ihre Bedeutung als bildgewordene Gewaltakte und damit die spezifische Qualität der genozidalen Gewalt des 7. Oktober verstehen möchte.
Diese Aufnahmen sind nicht nur Bilder der Gewalt, sondern manifestieren die an diesem Tag eskalierende Gewalt als Bild. Die Bilder und Videos haben eine doppelte Erniedrigung der Opfer zum Ziel: Es geht nicht nur um die Dokumentation der physischen, sondern auch um die Ausübung von symbolischer Gewalt, die ganz deutlich auf die visuelle Geschichte von Gewaltbildern Bezug nimmt. Auch wenn viele vor den Bildern lieber die Augen verschließen oder sie in den Archiven gegenwärtiger und vergangener Konflikte ablegen möchten, bleibt es notwendig, der Gewalt als Bild standzuhalten.
Besprechung vom 20.12.2025
Die vergessenen Bilder der Hamas
Am 7. Oktober filmten die Hamas-Terroristen ihr eigenes Massaker. Soll man die Bilder zeigen? Der Filmwissenschaftler Tobias Ebbrecht-Hartmann plädiert dafür - auch wegen der Parallelen zur Schoa.
Als am frühen Morgen des 7. Oktober 2023 Terroristen der Hamas die Zäune zum israelischen Grenzgebiet durchbrachen und in den folgenden Stunden mehr als tausend Zivilisten ermordeten, zeigte sich schnell, dass mit diesem Terrorakt auch ein neues Stadium der medialen Inszenierung von Gewalt erreicht war. Die Terroristen waren nicht nur mit Waffen zum Durchbrechen von Türen, mit Sprengsätzen, Tretminen und Panzerabwehrraketen ausgestattet, an ihren Helmen trugen sie Kameras, die ihre Verbrechen in Echtzeit filmten und über Tiktok und den Messengerdienst Telegram in Umlauf brachten. Die seit Beginn technischer Bildaufzeichnung geläufige Engführung von Abbilden und Schießen ("photo-shooting") verlor hier jede bloß metaphorische Bedeutung: Sehen, Filmen und Töten waren unmittelbar miteinander verkoppelt. Die Aufnahmen waren Bestandteil einer genau koordinierten Logistik, ihre Schockwirkung war Teil der strategischen Kriegsführung der Hamas. Folgt man den Überlegungen des an der Hebrew University Jerusalem lehrenden Filmwissenschaftlers Tobias Ebbrecht-Hartmann, zielte das Vorgehen der Hamas auf die "völlige Zerstörung des individuellen und kollektiven Gefühls von Sicherheit". Hinter den Taten stehe die Botschaft, dass ein neuer Holocaust jederzeit möglich sei. Wie die Soziologin Eva Illouz in ihrem Essay "Der 8. Oktober" (siehe F.A.Z. vom 11. Oktober 2025) äußert auch Ebbrecht-Hartmann seine Verwunderung darüber, dass der Terror der Hamas in intellektuellen Kreisen kaum Empathie mit den Opfern hervorgerufen habe. Im Unterschied etwa zu den Folterbildern aus Abu Ghraib, die 2003 eine internationale Debatte auslösten, habe man den Bildern des 7. Oktober weder in der globalen Berichterstattung noch im akademischen Betrieb eine vergleichbare Aufmerksamkeit geschenkt. "Die visuellen Zeugnisse des Angriffs beginnen zu verblassen." Dem entgegenzuwirken, ist das Anliegen des Autors.
Mit seinem Buch tritt Ebbrecht-Hartmann in eine Debatte ein, die mit jedem Auftauchen terroristischer Gewaltbilder neu geführt werden muss. Soll man die Bilder terroristischer Gewalt öffentlich zeigen? Trägt ihre Verbreitung zur Dokumentation der Verbrechen und zur Empathie mit den Opfern bei? Oder verdoppelt sie die Gewalt, indem sie das Leiden der Opfer zum Gegenstand des Voyeurismus macht? Eine entschiedene Position hat wenige Wochen nach dem 7. Oktober der Kunsthistoriker Horst Bredekamp formuliert. Das Zeigen der Bilder sei Komplizenschaft mit den Tätern, da diese ihre Gewalttaten zum Zweck ihrer öffentlichen Verbreitung gefilmt haben: Wer die Bilder zeige, unterstütze die Absichten der Täter - "eine Selbstverpflichtung zum Wegsehen wäre das an sich Gebotene".
Ebbrecht-Hartmann plädiert dafür, in dieser Debatte die besondere Bedeutung der Schoa zu berücksichtigen. Mit ihrer Ikonographie des Terrors rufe die Hamas gezielt die kollektive Erinnerung an die nationalsozialistische Judenverfolgung auf. Das Zurückhalten der Aufnahmen laufe daher Gefahr, mit den Bildern auch ihre Verankerung in der Geschichte der Schoa in Vergessenheit zu bringen. Ebbrecht-Hartmann schließt hier die grundsätzliche Frage an, "wie zeitgemäß die Debatte über das Nicht-Darstellbare angesichts des jüngsten Exzesses genozidaler Gewalt der Hamas noch ist". Anlass zu dieser Überlegung bot ihm ein Kinobesuch kurz nach den Ereignissen des 7. Oktober. "The Zone of Interest", Jonathan Glazers Spielfilm über Rudolf Höß, den Kommandanten des Vernichtungslagers Auschwitz, irritiert den Autor durch die "klinische Reinheit" seiner Bildsprache. Die Dramaturgie des Films besteht bekanntlich darin, die Vorgänge im Lager nicht zu zeigen: In unmittelbarer Nachbarschaft zu den Verbrennungsöfen pflegt die Frau des Lagerkommandanten ihre Blumenbeete, die Tötungsmaschinerie ist nur vage als dumpfe Tonkulisse vernehmbar.
Ebbrecht-Hartmann deutet diese Zurückhaltung als "Verweigerung des Hinsehens". Die Angst vor Überwältigung und die Konjunktur von Triggerwarnungen hätten eine Form aseptischer Bilder hervorgebracht, die Gefahr laufe, aus der Schoa ein "Ereignis ohne sichtbare Gewalt" zu machen und damit Raum für Leugnungen und Relativierungen zu geben. Bedenkenswert ist Ebbrecht-Hartmanns These, dass in einer Zeit, in der das Wissen um die Schoa nicht mehr als allgemein bekannt vorausgesetzt werden kann, auch das Gebot ihrer Undarstellbarkeit neu verhandelt werden muss. Hier hätte man gerne mehr darüber erfahren, wie der Autor sich eine entsprechende Ethik des Zeigens von Gewaltbildern vorstellt. Sein Versuch, in dieser Frage die Bilder des 7. Oktober mit der Bildsprache der Nationalsozialisten kurzzuschließen, wirft hingegen mehr Fragen auf, als er beantwortet. Es falle ihm schwer, so der Autor, beim Anblick der misshandelten Geisel Shani Louk, die ein marodierender Hamas-Sympathisant auf der Lade eines Pick-up-Trucks filmt, nicht an die Bilder der auf einem Lastwagen transportierten Erschießungsopfer zu denken, die ein deutscher Marinesoldat 1941 mit seiner 8-mm-Kamera in der lettischen Hafenstadt Liepaja aufgenommen hat.
Eine andere Gegenüberstellung des Buchs zeigt verkohlte Leichen im Konzentrationslager Ohrdruf im April 1945 neben Opfern der Hamas in einem ausgebrannten Pkw. Hier stellt sich die Frage, ob solche Vergleiche tatsächlich der Bilderkundigkeit der Hamas geschuldet sind oder nicht eher dem geschulten Bildgedächtnis des professionellen Bildwissenschaftlers. "Es gehört zum Prinzip von Bildbezügen, dass sie unvermittelt auftauchen", schreibt Ebbrecht-Hartmann. Die Aufgabe ihrer Deutung wäre es aber gerade, es nicht bei diesem unvermittelten Auftauchen zu belassen, sondern die konkreten Mechanismen ihrer Vermittlung zu beschreiben - aber auch danach zu fragen, ob visuelle Ähnlichkeit tatsächlich immer auf Vergleichbarkeit in der Sache beruht. Bilder des Terrors werden sonst zu generalisierbaren Ikonen, die von ihren historischen Zusammenhängen eher ablenken, als sie zu erhellen. PETER GEIMER
Tobias Ebbrecht- Hartmann: "Gewalt als Bild". Die Bilder vom 7. Oktober im Spiegel der visuellen Erinnerung an die Shoah.
Neofelis Verlag,
Berlin 2025. 144 S.,
Abb., br.
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