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"Kinder haben eine Art inneres Wissen"
Der Kinderarzt und Publizist Dr. med. Herbert Renz-Polster über die Balance von Wurzeln und Flügeln und den hohen Wert des eigenständigen Spielens unter Kindern.

Kinder brauchen Wurzeln und Flügel: Was verstehen Sie kurz erklärt unter Wurzeln und was unter Flügeln?
Die kindliche Entwicklung folgt einem klugen Plan. Kinder sind ja komplett von ihren Versorgern abhängig, sie brauchen deshalb verlässliche Beziehungen, in denen sie sich sicher und geborgen fühlen können - heute oft mit dem Begriff der Bindung oder dem Bild der "Wurzeln" belegt. Kinder müssen aber auch aufbrechen, die Welt entdecken und daran ihre Fähigkeiten und ihre Selbstständigkeit ausbilden. Dazu brauchen sie "Flügel". Kinder brauchen beides. Und beides hängt auf wunderbare Weise zusammen: Fühlt sich ein Kind sicher, so wächst sein Selbstvertrauen und sein Mut. Den nutzt es dann, um loszulegen, es bekommt "Neulust" und Neugier - Flügel eben!

Fokussiert sich die bedürfnisorientierte Erziehung zu sehr auf die Wurzeln und hat darüber die Flügel ein wenig außer Acht gelassen?
Die "bedürfnisorientierte Erziehung" ist ja ein ganzer Kosmos mit ganz unterschiedlichen Menschen. Aber ich stelle schon fest, dass sich in den letzten Jahren Anfragen häufen, in denen es nach meiner Einschätzung nicht an den "Wurzeln", sondern an den Flügeln fehlt. Etwa wenn ein Kind sich auch noch im Vorschul- oder Grundschulalter wenig ohne seine Eltern zutraut. Oder es ihm partout nicht gelingt, auf andere Rücksicht zu nehmen und zum Beispiel auch die Bedürfnisse seiner Eltern wahrzunehmen. Oder nur zufrieden ist, wenn es nach seinem Willen geht. Ich muss da immer dazu sagen, dass das alles unglaublich abhängig vom Alter und auch der "Art" des Kindes ist. Eltern schieben schnell Panik, wenn sie sowas hören. Und sie haben Recht damit, denn die Balance von Wurzeln und Flügeln ist bei jedem Kind anders - ein schüchternes Kind hat in manchen Situationen einfach weniger Flugkraft als ein Draufgänger-Kind!

Wie können wir Kinder konkret unterstützen, damit ihnen Flügel wachsen?
Kinder brauchen viele Gelegenheiten, um ihre eigenen Ziele in Angriff zu nehmen. Sie haben ja eine Art "inneres Wissen", was sie gerade in ihrer Entwicklung vorwärtsbringt. Ich rede gerne von der unsichtbaren Wünschelrute in ihrer Hand. Sie wachsen an den Herausforderungen, die sie sich selber stellen. Und wenn sie Hilfe brauchen, melden sie sich. Oft helfen wir den Kindern dort, wo sie es gar nicht brauchen. Ich vergleiche das gerne mit Stützrädern. Wir haben früher gemeint, durch Stützräder würden die Kleinen rascher Fahrradfahren lernen, aber das Gegenteil war der Fall - die Kinder lernen, sich auf die Stützräder zu verlassen.

Welche Bedeutung hat freies Spiel für die Entwicklung von Kindern?
Eine viel größere, als wir denken. Da sind wir wieder bei der Wünschelrute, die treibt Kinder mit Riesenkräften zum eigenen, unabhängigen Spiel. Und das dann gerne mit anderen Kindern, mit denen sie dann so ab dem dritten Lebensjahr auch immer längere Strecken ohne direkte Begleitung durch Erwachsene spielen können. Nichts ist effektiver als das freie Spiel, damit Kinder mutig werden können, ihre Fühler in Neuland ausstrecken und ihre Komfortzone erweitern. Sie gehen dabei ja auch gerne an ihre Grenzen. So entwickeln sie "Biss" und Durchhaltevermögen, so lernen sie Regeln kennen, so lernen sie Rücksicht auf andere zu nehmen, so wachsen sie. Man müsste das eigenständige Spielen unter Kindern zum Weltkulturerbe erklären, so selten wie es geworden ist.

Wie haben Sie und Ihre Frau Ihre eigenen Kinder dabei unterstützt, immer selbstständiger zu werden?
Wir haben eigentlich ein ganz normales Leben geführt. Wir hatten ziemlich klare Ideen, wie wir uns das Leben als Familie vorstellen und was uns selbst wichtig ist - und auch Freude macht. Ich denke, wenn du selbst einer Spur folgst, die dich beflügelt, dann wachsen auch den Kindern ihre Flügel leichter. Auch weil daraus ja automatisch für alle eine Art Orientierung entsteht: So wollen wir es haben, denn so ist es für uns gut. Und im Alltag entsteht dann auch automatisch für die Kinder hier vielleicht ein Ja und dort vielleicht ein Nein, das hat dann nichts Künstliches an sich, sondern ist einfach Teil des "Projekts Familie". Da wünsche ich mir, dass Eltern gerne auch ihre eigenen Visionen schätzen und hochhalten, ich meine, eine Familie besteht ja nicht nur aus einem Kinderabteil. Wir dürfen als Eltern ein Leben haben, so banal das klingt, aber ich meine es wirklich so.
DR. MED HERBERT RENZ-POLSTER ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Publizist. Er forschte und forscht u. a. in den USA und an den Universitäten Heidelberg und Düsseldorf. Der Ko- lumnist der SZ gilt mit seinen erfolg- reichen Elternratgebern, Vorträgen und Kommentaren in den Medien als eine der wichtigsten Stimmen im Bereich kindliche Entwicklung und Erziehung. Herbert Renz-Polster ist Vater von vier erwachsenen Kindern und vierfacher Opa.
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