Familienbande & Seelenverwandte
Exklusiv-Interview Anne Gesthuysen
Drei schicksalgeprüfte Großtanten und ein dicker Aktenordner über einen Prozess, der einst in der Gegend um Xanten für einen Skandal sorgte: Aus diesen Inspirationsquellen schöpfte die "ARD-Morgenmagazin"-Moderatorin Anne Gesthuysen für ihren gefeierten Debütroman "Wir sind doch Schwestern". Nun beweist sie ihr großes Erzähltalent aufs Neue: "Sei mir ein Vater" ist eine bewegende Geschichte über beste Freundinnen, die Bedeutung von Familie einschließlich Seelenverwandten, Abschied und Neubeginn. Und es ist die Hommage an eine der eigenständigsten Künstlerinnen der Belle Époque sowie an das alte Heimatdorf der Autorin am Niederrhein.
Die Titelheldinnen aus "Wir sind doch Schwestern" leben in der Erinnerung weiter und so haben auch zwei der drei Tanten in Ihrem neuen Roman ihren Auftritt. Was macht Katty, Paula und Gertrud so wichtig für Sie?
Mich beeindrucken Menschen, vor allem Frauen, die unkonventionell und stark sind - und zwar, weil sie eine Idee von ihrem Leben haben, und nicht, um eine Gesinnung vor sich herzutragen. So sind Katty, Paula und Gertrud und so ist auch Georgette Agutte aus meinem neuen Roman. Die Idee dazu stammt übrigens wieder aus meinem persönlichen Umfeld.
Wer hat Sie inspiriert?
Das Vorbild für Lilie im Roman ist meine französische Freundin, die in den 80er Jahren als Gastschülerin aus Paris zu uns an den Niederrhein kam und einen Kulturschock verkraften musste. Damals war das noch nicht absehbar, aber wir sind bis heute eng befreundet.
Lilie hat eine äußerst interessante "Großtante soundsovielten Grades": Georgette Agutte, die von 1867 bis 1922 gelebt hat. Was fasziniert Sie an der fast vergessenen Malerin und Bildhauerin als Künstlerin und als Frau?Sie hat ein Ziel und setzt sich durch, ohne Rücksicht auf die Konventionen, die einer Frau zum Beispiel die Aufnahme an der Académie des Beaux-Arts verwehrten. Eine Ehescheidung war Ende des 19. Jahrhunderts für eine Frau nicht nur skandalös, sondern quasi unmöglich. Für ihre große Liebe ging sie dieses Wagnis dennoch ein. Ihre Revolte ist kein Selbstzweck, Georgette ist eine Rebellin mit Herz und Verstand.
Auf den Spuren von Georgette waren nicht nur Ihre Romanhelden unterwegs, sondern erst einmal Sie selbst. Welche Entdeckung war am eindrucksvollsten?
Georgette war mit allen großen Künstlern ihrer Zeit befreundet. Mit Paul Signac, Amedeo Modigliani, Auguste Rodin und besonders Henri Matisse. Mit ihm verband sie eine unglaubliche, beinahe symbiotische Beziehung. Marcel Sembat wiederum war Minister im ersten Weltkrieg, ein großer Sozialist und Visionär. Georgette und Marcel waren ein intellektuelles Glamourpaar ihrer Zeit.
Schon im Romantitel klingt es an: Väter spielen eine besondere Rolle...
In meinem Leben und in meinem Umfeld erlebe ich Vaterfiguren als sehr prägend und zwar unabhängig davon, ob sie stark oder schwach sind, oder - aus welchen Gründen auch immer - nicht präsent. Meine französische Freundin hat damals in meinem Vater einen Ersatzvater gesucht und gefunden, was mich sehr bewegt hat.
Ein großes Thema Ihres Romans sind Abschied und die schmerzlichsten Verluste. Wie sind sie auszuhalten?
Omas Sprüche sind wahr: Das Leben geht weiter und die Zeit heilt alle Wunden. Wer nicht zutiefst religiös ist, muss sich damit trösten, dass das Leben anregend und schön genug ist, um einen Verlust zu ertragen.












