Der Roman hat mich wie in einem Rausch absolut mitgerissen.
Der Roman hat mich wie in einem Rausch absolut mitgerissen. Ich konnte ihn nicht beiseitelegen. Doch dann kommt der Morgen der Trunkenheit: die Moral von der Geschicht' ist eine ganz schlechte und recht systemkonform. Worum geht es? Die junge Mahbube kommt aus einer wohlhabenden Teheraner Familie und soll einen Mann heiraten, der zu ihrem Stand passt, so erst einen Adeligen, den sie umgehend ablehnt, und dann ihren Cousin Mansur. Sie ist jedoch in den Tischlerlehrling Rahim verliebt (Korrektur, sie "begehrt" ihn), der so ziemlich das Gegenteil von ihm ist. Wilde schwarze Locken, offenes Hemd, von der Arbeit verschwitzt. Dazu noch der urtümliche Geruch von Holz. Mahbube kann ihn nicht vergessen und heiratet ihn schließlich gegen den Willen ihrer Eltern. Die meisten Liebesgeschichten enden in dem Moment, in dem das Paar alle Hindernisse überwunden hat und heiratet. In diesem Roman ist es nicht so. Das ungleiche Paar zieht in ein vergleichsweise ärmliches Haus ein, das von Mahbubes Vater bereitgestellt wurde. Und dann gesellt sich auch noch die Schwiegermutter dazu. Immer mehr Probleme kommen dazu und das Verhältnis zwischen Mahbube und Rahim verwandelt sich. Die Entwicklung ist hochnotspannend!Durch die Rahmenhandlung (die inzwischen alt gewordene Mahbube erzählt die Geschichte ihrer jungen Nichte) und die intertextuellen Verweise auf Leila und Majnun bekommt das Thema eine zeitlose Gültigkeit.Mahbube ist Erzählerin. Sie ist für mich kein angenehmer Charakter gewesen. An vielen Stellen hat sie mich durch ihren Hochmut und ihre herablassende Art wütend gemacht. Mit Rahim konnte ich mich besser identifizieren. Zwar reift Mahbube vom verwöhnten eigensinnigen Gör zur Frau heran, ihr Charakter wird dadurch nicht besser. Die Schwiegermutter habe ich hingegen, obgleich sie vielleicht nicht so angelegt ist, als Sympathieträgerin empfunden und auch als eine Figur, die dem Leser eine etwas andere Perspektive auf Mahbube erlaubt. Sie hat mich des Öfteren zum Lachen gebracht und sie hat oft die Wahrheit gesprochen.Natürlich ist Erzählerin nicht Autorin, aber der Blick auf die soziale Schicht, aus der Rahim und seine Familie stammt, ist ein sehr negativer. Auch scheint das tragische Schicksal ein wenig wie poetische Gerechtigkeit, die dem jungen Mädchen widerfährt, das sich dem Willen der Eltern widersetzt."Agha, Sie sind selbst schuld. Ständig Hafis' Gedichte, ständig Leili und Majnun, ständig Qamars Lieder.... Und das ist das Ergebnis.." wirft die Mutter dem Vater vor. Interessant ist, dass hier der klassischen persischen Literatur ein negativer Einfluss zugeschrieben wird. Nizami erklärt in dem Epos ja auch selbst, dass viele nur durch Majnuns Verse erst zu Liebenden wurden.Ist es nun ein gutes oder ein schlechtes Buch? Die Popularität zeigt: Es ist eine authentische Quelle für die Diskurse um weibliche Selbstbestimmung und Ehen zwischen Angehörigen unterschiedlichen Standes im Iran der 1990er Jahre und zeigt daher ganz genau die moralischen Vorstellungen. Es ist absolut systemkonform. Zugleich ist es ein Buch, das starke Emotionen hervorruft und über dessen Aussage man ewig nachdenken und diskutieren kann. Und es ist auch endlich (für mich) mal wieder ein sehr starker Liebesroman. Zur Autorin: Fattaneh Haj Seyed Javadi, geboren 1945 in Shiraz, studierte und lebte in Isfahan und Teheran und war als Lehrerin tätig. Der "Morgen der Trunkenheit" war ihr erster Roman, den sie nach eigenen Angaben wie in einem Rausch heruntergeschrieben hat, und wurde ein riesiger Erfolg. 2025 wurde die erste Staffel der TV Serie ausgestrahlt.