Nach dem Lesen von 1793 verstehe ich sehr gut, warum dieses Buch so viele begeisterte Leser gefunden hat. Für mich war es weniger ein klassischer Thriller als vielmehr ein historischer Roman mit starken Thriller-Elementen - und genau darin liegt seine größte Stärke.Was mich von Beginn an überzeugt hat, ist die Art, wie Niklas Natt och Dag seine Figuren einführt. Statt Charaktere über lange Beschreibungen oder Fakten vorzustellen, lernt man sie durch alltägliche Situationen, Erinnerungen und ihr Handeln kennen. Dadurch wirken sie schnell lebendig und glaubwürdig.Besonders beeindruckend fand ich den Aufbau des Romans. Verschiedene Menschen und ihre Schicksale werden zunächst scheinbar unabhängig voneinander erzählt. Während des Lesens fragt man sich immer wieder, warum man gerade dieser oder jener Figur folgt. Doch nach und nach fügen sich die einzelnen Handlungsstränge auf bemerkenswert geschmeidige Weise zusammen. Nichts wirkt erzwungen oder konstruiert, sondern entwickelt sich ganz natürlich.Auch der Schreibstil hat mir sehr gefallen. Er vermittelt die Atmosphäre des Jahres 1793 und passt hervorragend zur Zeit, ohne jemals sperrig, künstlich historisch oder unnötig kompliziert zu werden. Das sorgt für einen hervorragenden Lesefluss.Der eigentliche Star des Buches ist für mich jedoch Stockholm. Die Stadt, ihre Armut, ihre gesellschaftlichen Gegensätze und die unterschiedlichen Jahreszeiten schaffen eine Atmosphäre, die den gesamten Roman trägt. Selten hatte ich bei einem historischen Roman das Gefühl, so tief in eine bestimmte Zeit einzutauchen.Besonders positiv überrascht hat mich außerdem die Struktur des Romans. Mehrfach verändert die Geschichte ihren Blickwinkel und ihre Erzählweise. Was zunächst ungewohnt wirkt, entwickelt schnell einen eigenen Reiz, weil jede Perspektive etwas Neues zur Welt und ihren Figuren beiträgt.Wenn ich überhaupt einen Kritikpunkt nennen müsste, dann die zeitlichen Abläufe innerhalb einzelner Abschnitte. Gelegentlich war es etwas schwierig einzuordnen, wann genau bestimmte Ereignisse stattfinden und wie sie sich zeitlich zueinander verhalten. Das hat meinen Lesegenuss zwar nicht wesentlich geschmälert, sorgte aber vereinzelt für Verwirrung.Fazit:1793 lebt nicht in erster Linie von seinem Kriminalfall, sondern von seinen Figuren, seiner Atmosphäre und seinem außergewöhnlich gelungenen Aufbau. Ein düsterer, hervorragend erzählter historischer Roman, der mich von Anfang bis Ende gefesselt hat. Für die Höchstwertung hat mir persönlich der letzte emotionale Funke gefehlt, aber das ändert nichts daran, dass dies ein beeindruckendes und sehr lesenswertes Buch ist.