Ein Drachenabenteuer der anderen Art mit fantastischem Dschungel-Setting
Lord Highfire ist der Letzte seiner Art - der letzte Drache auf der Welt. Um dem Schicksal zu entgehen, das seine Artgenossen erleiden mussten, hat er sich bereits vor langer Zeit in die Sümpfe Louisianas zurückgezogen, um ein abgelegenes, einfaches Leben zu führen. Obwohl dieses Leben für ihn wenig Reiz zu bieten hat, ist er nicht begeistert, als der fünfzehnjährige Squib von seiner Existenz erfährt. Squib ist auf der Flucht vor Regence Hooke, dem Polizisten des Dorfes, der nicht nur ein Auge auf seine Mutter geworfen, sondern selbst kriminelle Drogengeschäfte am Laufen hat. Durch Zufall werden seine Pläne von Squib durchkreuzt, bis Hooke nur noch ein Vorhaben verfolgt: den Jungen zu töten. Wie das Schicksal es will, ist Vern - der echte Name von Lord Highfire - bald der Einzige, in dessen Macht es steht, den Jungen zu retten. Dafür muss er jedoch nicht nur über seinen eigenen Schatten springen und seinen Hass gegenüber den Menschen ablegen, auch muss er sich der Öffentlichkeit präsentieren - etwas, was er die vergangenen Jahrhunderte über tunlichst vermieden hat. Zwischen Mensch und Drache entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft, die allerdings hart auf die Probe gestellt wird. "Highfire - König der Lüfte" ist ein Einzelband und vereint mehrere Elemente in sich - korrupte Polizisten, die auch einem Krimi entspringen könnten, eine "amerikanische Sumpfatmosphäre", die durch morastige Flusslandschaften hervorgerufen wird, und Drachen. Der Drache Vern gehört zu einer der Hauptfiguren, dennoch handelt es sich bei dem Roman nicht um ein klassisches Drachenabenteuer. Vern ist ziemlich speziell. Er geht aufrecht auf den Hinterbeinen, trägt Menschenkleidung, spricht die englische Sprache und sieht überdies eher wie ein Krokodil denn wie ein klassischer Drache aus. Ich wage daher die Behauptung, dass Drachenfans von "Highfire" etwas unbefriedigt sein könnten. Wer ohne die Erwartung eines altbewährten Drachensettings an die Sache herangeht, wird - meiner Meinung nach - hingegen nicht enttäuscht. An Spannung mangelt es dem Buch absolut nicht. Es hat alles, was das Spannung-herbeieifernde Leserherz begehrt: Jagden, Fluchten, Kämpfe, Schießereien, Blutvergießen und hinterlistige Morde. Ständig geschieht etwas. Die integrierten Wendungen sind nicht immer fantasievoll und häufig vorhersehbar, geradezu klischeehaft. Dennoch hat diese Gegebenheit meinem persönlichen Lesefluss keinen Dämpfer verpasst. Ein Grund hierfür könnte die ausgeprägt individuelle Atmosphäre sein. Wie bereits erwähnt: den Hauptschauplatz machen die Sümpfe Louisianas aus. Während des Lesens spürt man förmlich das schlickige Wasser am eigenen Leib, die tropisch-schwüle Temperatur und hört das aufdringliche Summen der Moskitos und das Rascheln des Schilfes. Beinahe ist es mir vorgekommen, als sei ich tatsächlich dort gewesen. Aus dieser Tatsache ergibt sich allerdings auch ein Kritikpunkt: das Geschehen findet fast ausschließlich im Sumpf statt. Einmal gibt es einen Kurztrip nach New Orleans, aber unabhängig davon bleiben der Schauplatz und somit die Atmosphäre stetig gleich. Ein wenig abwechslungsreicher wäre es durchaus gewesen, ein paar zusätzliche Orte einzubringen. Worüber ich ebenfalls immer wieder gestolpert bin, ist die derbe Sprache. Für meinen Geschmack werden zu häufig die Worte "Scheiße" und "Arsch" in den Mund genommen. Es hätte nicht geschadet, die hohe Anzahl an Schimpftiraden zu reduzieren. Die Figuren sind meisterhaft ausgearbeitet. Es existieren gleich drei Hauptfiguren: Vern, Squip und der Polizist Regence Hooke. Es wird in der dritten Person erzählt, was bei Büchern gelegentlich dazu führt, dass die Figuren unnahbar wirken und es dem Leser schwerfällt, mit ihnen mitzufühlen. Das ist hier nicht der Fall. Auf die Protagonisten wird sehr detailreich eingegangen, sowohl auf ihr Umfeld als auch auf ihre Vergangenheitsgeschichten, was sie sehr lebendig werden lässt. Jede ihrer Intentionen kann nachvollzogen werden, unter anderem deshalb, weil viele kursivgesetzte Gedankengänge einfließen. Was die Spannung nochmals erhöht, ist die Tatsache, dass auch aus der Sicht des Bösewichts, des Polizisten erzählt wird. Der Leser lernt ihn ebenso gut kennen wie Squip und Vern und erhält einen Einblick in seine sentimentale Vergangenheit, in seine Abgründe und in die Ereignisse, die dazu geführt haben, dass er so geworden ist, wie er nun ist. Ein weiterer Kritikpunkt: Obwohl alle Charaktere über absolute Alleinstellungsmerkmale verfügen, ähneln sie sich in einer Sache: Sie sind alle ungemein tough, lassen sich nur schwer aus der Fassung bringen und trumpfen mittels Schlagfertigkeit. Zwischen all dem Selbstbewusstsein fehlt mir ein Charakter, der ein bisschen von dieser Linie abweicht und eher gefühlsbetont als rational reagiert. Dass auf einem Landstrich ausschließlich starke, durchsetzungsfähige Persönlichkeiten leben, wäre auch in der Realität sehr unrealistisch. Dennoch kann ich nicht leugnen, dass Vern, Squip und deren Umfeld - abgesehen von Hooke und seinen Leuten - große Sympathieträger sind. Sie alle verfügen über einzigartige Macken, was sie nur umso liebenswerter macht. Der Schreibstil ist großartig. Er basiert nicht auf Poesie oder ausschweifenden Beschreibungen, sondern beruft sich eher auf das Kurze und Knackige. An manchen Stellen hätte er etwas mehr auf das Emotionale eingehen können, aber im Großen und Ganzen war ich wirklich fasziniert von der Atmosphäre, die der Autor mit seinen Sätzen kreiert hat, sowie von dem unterschwelligen Humor, der so oft mitschwingt. Die Figuren sprechen und handeln häufig selbstironisch, was durch den Schreibstil wunderbar zur Geltung kommt. Kurze Sätze wechseln sich mit langen ab, Vergleiche kommen zum Einsatz, und das Ganze ist auch noch herrlich flüssig gestaltet. Abgesehen von den zahlreichen Flüchen, hat mich der Schreibstil auf beste Weise überrascht - er ist einer von der Sorte, den man nicht in jedem x-beliebigen Buch antrifft. Mein Fazit: "Highfire" hat viele wundervolle Aspekte, von der Spannung über die Figuren bis hin zu dem Schreibstil. Die Atmosphäre ist absolut einzigartig, ebenso wie die Darstellung des Drachen - ich kann mich nicht entscheiden, ob ich ihm einen Besuch abstatten oder lieber respektvollen Abstand einhalten wollen würde. So oder so hat mich der Roman gefesselt und ich werde ihn definitiv erneut lesen. Ein paar leise Kritikpunkte sorgen für einen Punktabzug, dennoch kann ich nur eine Empfehlung aussprechen. Diejenigen, die atmosphärische Bücher lieben, werden an "Highfire" ihre Freude finden. Für High-Fantasy-Fans sind das Abenteuer und die Ausarbeitung des Settings möglicherweise nicht anspruchsvoll genug. Was ebenfalls nur eine sehr, sehr geringe Rolle spielt, ist die Liebe. Romance-Verfechtern würde ich den Roman daher ebenfalls nicht empfehlen. Nichtsdestotrotz war das Buch für mich auf jeden Fall ein Erlebnis und ich habe es innerhalb weniger Stunden beendet.