Amors Mutter Rachel stirbt nach einer Krebserkrankung und nur ihre jüngste Tochter weiß, dass sie kurz vor ihrem Tod ihrem Mann Manie das Versprechen abgenommen hat, Salome - der schwarzen Haushälterin - die bescheidene Hütte zu übertragen, in diese mit ihrem Sohn lebt. Salome hat nicht nur geholfen, Amor und ihre beiden Geschwister Anton und Astrid großzuziehen, sondern Rachel auch in ihren letzten Wochen gepflegt und sie beim Sterben begleitet. Amor erinnert ihren Vater daran, das Versprechen einzulösen, doch sie ist noch ein Kind und ihr Drängen kann leicht übergangen werden. Einige Jahre später steht sie wieder mit ihren Geschwistern an einem Grab: Ihr Vater ist gestorben, es liegt an den Kindern, Rachels Versprechen einzulösen. Doch in den vergangenen Jahren hat sich Südafrika gewandelt: Die Apartheid ist offiziell beendet und Anton und Astrid klammern sich hartnäckig an jeden kleinen Besitz und ihre vermeintlichen Rechte und Privilegien. Es wird noch einige Jahre und weitere Beerdigungen dauern, bis Amor endlich das Versprechen ihrer Mutter einlösen kann. In dieser Zeit wird sie sich immer weiter von ihrer Familie distanzieren und das Land, in dem sie lebt, wird sich verändern, aufblühen und enttäuschen.Damon Galguts Roman Das Versprechen erschien 2021 und gewann im selben Jahr den renommierten Booker Prize. Galgut schildert darin denNiedergang der Familie Swart, einer weißen südafrikanischen Familiemit Landbesitz in Pretoria. Die Geschichte beginnt mit dem Tod der Mutter und erzählt in drei weiteren Abschnitten vom Verlust des Vaters, der älteren Schwester Astrid und dem einzigen Sohn Anton. Galgutbaut dabei jeden Abschnitt rund um den Tod und das Begräbnis des jeweiligen Familienmitgliedes aufund verhandelt dabei einen langjährigen schwelenden Familienkonflikt: das Versprechen des Vaters gegenüber der Mutter, die schwarze Hausangestellte angemessen zu entlohnen. Zwischen den einzelnen Begräbnissen liegen jeweils Jahrzehnte, sodass auf den knapp 365 Seiten fast ein halbes Jahrhundert südafrikanische Geschichte verhandelt wird: vom Niedergang der Apartheid über die Regierung Mandelas bis zur zunehmende Korruption der politischen Eliten. Galgut erzählt so auf klassische Weisedie Geschichte eines Landes anhand der Geschichte einer Familie.Alles andere als klassisch ist dabei sein Schreibstil. Die vier Abschnitte des Buches weisen keine Unterkapitel auf. Stattdessen wartet ein sehr langer Text auf die Leserschaft, der nur durch Einschübe eine formale Lesbarkeit erhält. Galgut erzähltsehr szenisch, es wirkt bisweilen, als ob eine Kamera ohne Schnitt auf die Familie blickt, nahtlos von Figur zu Figur wechselt, bisweilen Statisten streift. Die Erzählstimme wechselt abrupt und unangekündigt, sodass die Lektüre von Das Versprecheneine gewissenKonzentrationverlangt und sich nicht einfach weglesen lässt. Gleichzeitig erzeugt dieser Erzählstil eine gewisse Dynamik,sodass ich immer wieder erstaunt war, wie viele Seiten ich doch nach Zuklappen des Buches geschafft hatte - auch dann, wenn mir die Lektüre fand vorkam.Denn auch wenn ichden Stil faszinierend fand, ja ihm sogar etwas Soghaftes unterstelle, so hat er auch etwas Ermüdendes.Eine Vielzahl von Perspektiven prasseln beim Lesen auf einen ein, gleichzeitig verweigert der Erzähler jegliche Einordnung, sondern erfreut sich im Gegenteil daran, weitere Andeutungen zu streuen und die Szenen mit leichter Ironie zu kommentieren. Um die geschilderten politischen Ereignisse zu verstehen, sollte man Kenner der südafrikanischen Geschichte sein - was ich nicht bin. Ich vermute, dass mir viele Anspielungen verborgen geblieben sind, sodassder Roman für mich persönlich nur rudimentär als politischer Roman funktioniertund eher den Fokus auf der Familiengeschichte hat. Diese wurde mir zudem aufgrund der wiederholende Erzählstruktur - Tod, Wiederkehr der jüngsten Tochter, Erinnerung an das Versprechen, Abreise - zum Ende hin zu langweilig.Das Versprechen besticht durch seine Erzählweise, die Fluch und Segen zugleich ist. Für Kenner der südafrikanischen Geschichte sicherlich ein Muss, da ich ahne, dass Galgut mit diesem Roman einenscharfsinnigen Kommentar zur Entwicklung des Landesvorlegt, der gerade durch den stimmgewaltigen Stil noch einmal an Gewicht gewinnt. Alle anderen Leser:innen erhalten eine südafrikanische Familiengeschichte mit Familienmitgliedern, die einem fremd und unsympathisch bleiben.Wer keine Freude an der Form dieser Geschichte hat, wird mit dem Inhalt nicht vertröstet werden.3 Sterne und eine Leseempfehlung für Kenner und Mutige.