Nach einem missglückten Einsatz, bei dem Liv de Vries, Hoofdinspecteur der Landespolizei, einen Migranten erschossen hat, wird sie nach Zeeland versetzt. Während die Interne Revision den Schusswaffengebrauch überprüft, muss Liv de Vries aus der sprichwörtlichen Schusslinie gehalten werden, denn es ist bereits der zweite Vorfall dieser Art. Man will ihr einerseits böse Absicht unterstellen, andererseits zollt man ihr aus der rechten Ecke Beifall. Um Adriaan Verlaat, ihrem Geliebten, der blöderweise auch ihr Vorgesetzter ist, einen Gefallen zu tun, nimmt sie sich eines Vermisstenfalls an, obwohl dies nicht zu ihrem Aufgabengebiet gehört. Gleichzeitig soll sie sich um Noemi Bogaard, eine junge neue Kollegin deren Familie aus Surinam stammt, kümmern. Wenig später entdeckt Noemi, dass der Vermisste, Rob van Loon, mit einem lange zurückliegenden Fall zu tun haben könnte: Esmée Vriesde, ein Mädchen mit surinamischen Wurzeln, ist seit Jahren verschwunden. Van Loon, mit richtigem David Leinders, war einst in diesen Fall verwickelt und kam durch die Fürsprache eines Polizeibeamten in ein Zeugenschutzprogramm und ist mit seiner neuen Identität untergetaucht. Es scheint, als hätte ihn die Vergangenheit eingeholt, denn rechtsradikale Gruppierungen halten ihn für einen Polizeispitzel. Wird man die Leiche der vermissten Esmé endlich finden? Was ist damals wirklich passiert? Meine Meinung: Wow, was für ein Krimi! Dieser komplexe Krimi hat mich, wegen seiner Rückblicke und der Thematik, gleich zu Beginn gefesselt. Der Bogen dieses Kriminalromans spannt sich von der deutschen Besatzung der Niederlande im Zweiten Weltkrieg bis zu aktuellen Problemen, in denen rechtsgerichtete Gruppen gegen die bislang eher großzügige Migrationspolitik wettern. Während die einen begrüßt, dass die Polizei endlich gegen Migranten vorgeht und deren Tod billigend in Kauf nimmt, prangern andere das Vorgehen der Polizei als Rassismus an. In diesem gespaltenen Umfeld muss ermittelt werden. Die Charaktere sind ausgezeichnet herausgearbeitet. Besonders Liv sticht besonders heraus. Sie ist eine Unbequeme, weil ihr Gerechtigkeit sehr wichtig ist. Recht bald habe ich den Eindruck gehabt, dass sie von Verlaat für seine eigenen Zwecke eingesetzt wird und als sie für ihn nicht mehr nützlich ist, eiskalt abserviert wird. Liv braucht ein bisschen, bis sie es ihm auf den Kopf zusagt. "Weißt du was das Problem ist, wenn man sich mit uns Frauen einlässt und mit uns in die Koje springt? Nein? Ich verrate es dir. Wir durchschauen euch Kerle. Du kannst mir nichts vormachen."(S. 393) Gekonnt verquickt Maarten Vermeer die unterschiedlichen Zeitebenen und Handlungsstränge. Dabei verliert er den roten Faden, die Suche nach Esmé nicht aus den Augen. Bestürzend zu lesen ist, wie groß das Netzwerk der rechtsextremen Gruppen bereits ist und wie weit so mancher Polizist für seine Karriere zu gehen bereit ist. Der Schreibstil fesselt durch die geballte Frauenpower, die letztendlich Licht ins Dunkel der bislang ungeklärten, weil vertuschten, Verbrechen bringt. Der letzte Satz"Ihr Vater ist nicht der, für den Sie ihn halten."lässt vermuten, dass es eine ebenso fesselnde Fortsetzung geben wird. Fazit: Gerne gebe ich diesem komplexen und vielschichtigen Krimi, der die wachsende Fremdenfeindlichkeit in Europa sowie die Unterwanderung auch der Polizei durch rechtsextreme Gruppen beleuchtet, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.